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Wie Henry Muslim wurde

Ein Dresdner sucht die "Betriebsanleitung fürs Leben" und findet sie im Islam. Das habe ihn auf einen besseren Weg geführt, sagt er.

In einem seltsam grün gestrichenen Gebäude auf der Marschnerstraße, über das sich viele Anwohner wundern, treffen sich Muslime zum Gebet. Auch Henry Woywod gehört dazu, der sich dort um Aufklärung bemüht.
In einem seltsam grün gestrichenen Gebäude auf der Marschnerstraße, über das sich viele Anwohner wundern, treffen sich Muslime zum Gebet. Auch Henry Woywod gehört dazu, der sich dort um Aufklärung bemüht. © Christian Juppe Photography

Dresden. Nur wenige Schuhpaare stehen an diesem Nachmittag vor der Tür der Moschee Marwa El-Sherbini. Drinnen erhebt sich Henry Woywod vom Teppichboden des Gebetsraumes und eilt in Strümpfen zum Eingang. "Die Stiefel können draußen stehen bleiben. Hier kommt nichts weg", sagt er. An ihm vorbei drücken sich ein, zwei Gläubige, die wie er das Nachmittagsgebet beendet haben und die Moschee verlassen.

Auf einem Tisch inmitten des kargen Raumes steht Henry Woywods Laptop. Er hat es mit einem großen Bildschirm verbunden. Der 51-Jährige nutzt gern die Technik, wenn er über den Islam spricht. Anschaulichkeit ist ihm wichtig. Deshalb hängen auch Zeichnungen an den Wänden des ehemaligen Funktionsbaus.

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Auf A3-Blätter hat der Dresdner stilisiert Kinder in verschiedenen Gebetshaltungen gezeichnet. Nicht nur für die muslimischen Mädchen und Jungen, die mit ihren Eltern zum Beten kommen. Regelmäßig hat Henry Woywod hier Schulklassen zu Gast, die im Rahmen des Unterrichts kommen, um etwas über die islamische Religion zu erfahren.

"Ich bin ein Kind der DDR", sagt Henry über sich. Als Leistungssportler sei er einigermaßen privilegiert aufgewachsen. Der junge Eiskunstläufer besuchte ab der sechsten Klasse die Sportschule und absolvierte nach der zehnten eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenbauer. Für Nachwuchstalente wie ihn hielt der Staat Lehrstellen bereit. Die Wahlmöglichkeiten waren begrenzt, und als die Wende neue Optionen bot, machte er sich zusammen mit seinen Eltern selbstständig.

Suche nach der Fehlerquelle

Jahrelang arbeitete er als zertifizierter Fitnesstrainer und brachte Trainingsprogramme in die neuen Länder. Dafür war er häufig in Neuseeland unterwegs, wo er auch seine heutige Frau kennenlernte - eine Muslima aus Singapur. "Sie hat mir recht schnell klar gemacht, dass ich Muslim werden muss, wenn aus uns ein Paar werden soll", erzählt Henry.

Doch nicht nur die Liebe brachte ihn mit einer so fremden Religion in Verbindung. "Ich hatte vorübergehend im Finanzsektor gearbeitet und wirtschaftlich eine arge Bruchlandung hingelegt." Was war das Problem? Diese Frage beschäftigte Henry Woywod, der von sich geglaubt hatte, mit seinen Entscheidungen und Verhaltensweisen richtig zu liegen.

"Ich war auf der Suche nach einer Art Betriebsanleitung fürs Leben", sagt er. Glück, Gesundheit, Erfolg, finanzielle Sicherheit und Seelenfrieden - das wünsche sich jeder. Aber wie fängt man es an? "Je mehr er sich mit dem muslimischen Glauben und seiner heiligen Schrift, dem Koran, beschäftigte, desto mehr ging ihm ein Licht auf. "Ich habe erkannt: Wenn ich nach den fünf Säulen des Islams lebe, kann ich eigentlich gar nichts falsch machen." Der Glaube werde ihn in die richtige Richtung leiten, wenn er seine Regeln befolgt.

Die fünf Säulen des Islams sind eine Art Handlungsanweisung. Dazu gehören das Glaubensbekenntnis, das regelmäßige Gebet, das Entrichten der so genannten Armensteuer, das Fasten und die Pilgerfahrt nach Mekka.

Muslime sind Frühaufsteher

"Mein Glaubensbekenntnis habe ich vor 14 Jahren eher überraschend einem Glaubensbruder gegenüber abgelegt", erzählt er. Eine Kirchenzugehörigkeit wie man das hierzulande von den christlichen Kirchen kennt, gibt es im Islam nicht. Entsprechend auch keine Kirchensteuer. "Jeder Muslim soll 2,5 Prozent seines Ersparten für soziale Zwecke spenden." Wer weniger als 3.300 Euro besitze, müsse nichts zahlen.

In einigen muslimischen Ländern gebe es eine zentrale Sammelstelle, an die die Gläubigen ihr Geld überweisen und von wo aus es an Bedürftige weitergegeben wird. Ansonsten entscheidet jeder selbst, wen er unterstützen will. Auch überwacht werde die Abgabe nicht, sagt Henry Woywod. "Aber wer das nicht tut, schadet sich selbst. Denn es ist gegen Allahs Wille."

Als Henry Muslim wurde, fühlte er sich, wie es sich gehört, zu den fünf Säulen verpflichtet. "Das Gebet ist mir anfangs nicht leicht gefallen, denn die Sprache war fremd, und ich musste die Verse erst auswendig lernen." Wann gebetet wird, richtet sich nach dem Stand der Sonne. Grundsätzlich entrichten Muslime das Früh-, Mittags-, Nachmittags-, Abend- und Nachtgebet. Muslime sind Frühaufsteher, denn das Morgengebet halten sie noch vor Sonnenaufgang ab. Im Sommer ist das gegen vier Uhr.

Damals suchte sich Henry Woywod in seiner Bürogemeinschaft einen leeren Raum, um dort zu beten. "Ich hätte das den anderen Leuten dort gar nicht erklären können." Auch das Fasten war eine große Herausforderung. "Als ich in meinem ersten Fastenmonat Ramadan so lange nichts aß, war es sehr heiß, und ich habe es nicht auf Anhieb durchgehalten." Heute mache ihm diese Entsagung keine Probleme mehr.

Mit Sachlichkeit zum Glauben

Im Gegenteil: Fasten wie Gebet bringen ihm Klarheit und eine Art meditativen Effekt. Meistens jedenfalls: "Manchmal fällt es mir auch schwer, mich ganz auf das Gebet zu konzentrieren, weil mir so viele Dinge des Tages durch den Kopf gehen", gibt Henry zu.

Als Unternehmer hat er große Verantwortung für seine Mitarbeiter und Kunden, das hält in Atem. Inzwischen leitet er den Vertrieb im Reinigungsunternehmen seines Bruders. Auch dorthin hat ihn der Sport gebracht. "Mir war aufgefallen, dass es in manchen Fitnessstudios, in denen ich beruflich zu tun hatte, nicht wirklich sauber und ordentlich war." Daraus entwickelte er die neue Firma mit, die nun zahlreiche Sportstudios, Büroobjekte und auch Privathaushalte betreut.

"Ich gehörte früher gar keiner Religion an." Dass er sich einmal einem Glauben anschließen würde, hätte er nicht gedacht. "Manche Menschen fühlen in sich, dass ihnen etwas fehlt, eine Erklärung für all das, was es gibt auf der Welt und darüber hinaus." Sie finden dann vielleicht Antwort im Glauben an einen Gott. Henry Woywod aber sagt von sich, er sei aus ganz sachlichen Erwägungen gläubig geworden.

"Der Islam verlangt von mir, ein guter Mensch zu sein und mit allem, was ich tue, noch besser zu werden." Dass ausgerechnet seine Religion so stark wie keine andere auf der Welt in Kritik steht, ist ihm bewusst. "Aber wer im Namen Allahs Böses tut, handelt nicht nach seinen Geboten", davon ist Henry überzeugt.

Verteidigung des eigenen Lebens

Im Koran gebe es nur eine Ausnahme, unter der ein Mensch einen andern töten darf: zur Verteidigung des eigenen Lebens und dem seiner Familie. Dann spreche man vom "kleinen Djihad". Dschihad selbst, oft übersetzt mit Heiliger Krieg, bedeute im Islam Anstrengung: "Eben diese Anstrengung, im Sinne Allahs gut zu sein."

Gern zitiert Henry in Diskussionen darum aus dem Koran: "Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet, und wenn jemand einem Menschen das Leben schenkt, so ist es, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben geschenkt."

Dass Interpretationen der heiligen Schrift häufig von politischen Interessen und falschem Traditionsbewusstsein geleitet sind, ist Henry klar. Gern würde er seine Sicht auf den Islam bekannter machen. Denn Fragen beschäftigen so viele Menschen hierzulande. Auf jeden Fall müssen Gläubige in der Öffentlichkeit konsequenter radikales Denken und Handeln verurteilen, sagt er: "Wer im Namen Allahs tötet, ist ein Mensch ohne echte Grundfeste des Glaubens."

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