merken
PLUS Dresden

Dresdnerin verwandelt sich in ein Buch

Schon bald startet ein Projekt, das Menschen miteinander ins Gespräch bringt - über Themen, die neugierig machen und sonst nie besprochen worden wären.

Von Gesine Kabuß erfahren die Leser alles über Lust und Frust des autofreien Lebens.
Von Gesine Kabuß erfahren die Leser alles über Lust und Frust des autofreien Lebens. © Sven Ellger

Dresden. Als Gesine ein Buch wurde, hatte sie Selbstzweifel. Bin ich spannend genug? Will mich jemand lesen? Was, wenn ich im Regal stehen bleibe?

Doch dann ließ sie sich von ihren Kolleginnen querlesen. Auf jeden Fall sei sie lesenswert und werde ganz sicher aufgeschlagen werden, sagten sie ihr. Inzwischen ist Gesine Kabuß auf dem Weg, ein Bestseller zu werden. Ihre Geschichte mag nicht so emotional oder dramatisch sein, wie die einiger anderer Bücher. Doch sie trifft den Nerv der Zeit und das Interesse vieler Dresdner.

Anzeige
Seit 61 Jahren: Mehr als ein Friseur
Seit 61 Jahren: Mehr als ein Friseur

Das Team der Haarpflege eG hat ein schwieriges Jubiläumsjahr gemeistert – mit viel Einsatz und dank treuer Kundschaft

"Lebendige Bibliothek" heißt ein Projekt, das aus Skandinavien nach Deutschland gekommen ist und hierzulande immer mehr Begeisterte findet. Es funktioniert fast wie eine herkömmliche Bibliothek: Menschen leihen sich Bücher aus, beschäftigen sich damit, empfehlen sie vielleicht weiter und stoßen oft gleich auf die nächste reizvolle Lektüre. Mit einem entscheidenden Unterschied.

Die Leser lesen nicht, sie hören zu. Die Bücher bestehen nicht aus Einband und bedruckten Seiten, sondern Menschen erzählen ihre eigenen Geschichten.

Familie geht jeden an

"Ursprünglich war es das Ziel des Projektes, Vorurteile abzubauen", erklärt Annegret Mühl vom Dresdner Kalebzentrum. Der Verein hat das Konzept nach Dresden geholt und wird im Juli zum ersten Mal in seine Lebendige Bibliothek einladen. Passend zu seiner Arbeit stellt es das Thema "Familie" in den Vordergrund. "Was nicht heißt, dass Vorurteile und wie man ihnen begegnet dabei keine Rolle spielen."

Familie betrifft zudem alle und jeden. Selbst wer aktuell keine hat, gehörte früher zu einer - wenn schon nicht zur leiblichen, dann doch zu einer Familie im übertragenen Sinne. Rund ein Dutzend Mitarbeiter und dem Verein verbundene Freiwillige haben sich bereit erklärt, als lebendiges Buch aufzutreten.

Dazu gehört auch Gesine Kabuß. Auf der beruflichen Seite ihres Lebens arbeitet die Chemikerin in der Forschungsabteilung eines internationalen Unternehmens. Ihre Freizeit widmet sie neben Mann, Kindern und Freunden dem Verein. Als lebendiges Buch berichtet sie davon, wie es ist, mit einer vierköpfigen Familie ohne Auto zu leben.

"Ich bin gern Auto gefahren, aber dann fiel es einem Unfall zum Opfer und war so kaputt, dass wir ein neues gebraucht hätten", erzählt die 49-Jährige. Will ich wirklich so viel Geld ausgeben? Brauchen wir ein Auto überhaupt? Diese Fragen kamen ihr in dieser Situation erstmals in den Sinn. "Ich fahre sowieso mit dem Zug zur Arbeit nach Radeberg und bin ansonsten viel mit dem Rad unterwegs."

Ohne Auto - wie geht das?

So entschlossen sich Gesine und ihr Mann, künftig autofrei zu leben. Zumindest wollten sie kein eigenes besitzen, laufend dafür zahlen und es pflegen müssen. Das ist jetzt etwa zwölf Jahre her. Damals waren sie noch ohne Kinder, und es hätte nahegelegen, spätestens als Eltern wieder motorisiert sein zu wollen. "Aber da hatten wir uns schon so daran gewöhnt, dass wir mit den Öffentlichen und unseren Fahrrädern vollkommen zufrieden waren", sagt Gesine Kabuß.

Außerdem hatte sie eine Entdeckung gemacht: Carsharing. Damit konnte sie mit ihrer Familie kurzfristig, unkompliziert und preiswert dann ein Auto nutzen, wenn sie es wirklich brauchte - für Ausflüge in die Sächsische Schweiz, Möbeltransporte oder auch mal einen großen Einkauf.

"Wobei wir im Alltag eigentlich gar keine Großeinkäufe mehr machen", sagt sie. Dafür kaufe sie öfter ein, so viel wie eben in den Rucksack oder in die Packtaschen am Fahrrad passt. Doch wo bleibt die Spontanität? Fallen für gemietete Autos nicht auch eine Menge Kosten an? Und wie schwierig ist es, einen Schaden an einem Wagen zu regulieren, der nicht der eigene ist?

Solche Fragen können die Leser Gesine stellen, wenn sie ihr am 1. Juli in den neuen Kaleb-Räumlichkeiten auf der St. Petersburger Straße 12 gegenübersitzen. Dazu sind sie sogar angehalten. Schließlich sollen die lebendigen Bibliotheken dazu ermutigen, einander besser kennenzulernen, sich inspirieren zu lassen und manifestierte Vorstellungen zu hinterfragen.

Platz auf dem Zuhörbänkli

Annegret Mühl und das ganze Projektteam bereitet bis dahin alles gut vor. Zunächst sollten sich die lebendigen Bücher über ihre Themen klar werden, über die sie erzählen wollen - zum Beispiel davon, extrem früh Mutter geworden zu sein, ein Kind adoptiert, eine schwere Krankheit überwunden, einen geliebten Menschen verloren zu haben. Aber auch vom Leben zwischen verschiedenen Kulturen, von Flucht und Neuanfang.

In einem Onlineseminar lernten sie, wie sie ihr Thema so verarbeiten, dass ein maximal 30-minütiges Erzählbuch daraus wird, versehen mit einem Titel, der neugierig macht und einem Klappentext, der Interesse weckt.

"Unser Ziel ist es, eine Möglichkeit zu schaffen, sich über Dinge auszutauschen, die man sonst mit Fremden nicht besprechen würde", sagt Annegret Mühl, die zusammen mit den anderen Initiatoren des Vereins schon weitere Pläne weit über den 1. Juli hinaus hat. Im November soll die zweite lebendige Bibliothek öffnen, für die noch Mitstreiter gesucht werden, die als Buch auftreten und ihre Geschichte erzählen wollen.

Zudem bereitet Kaleb ein monatliches Erzählcafé vor, in dem sich Interessierte treffen und moderiert über ein bestimmtes Thema austauschen können. Auch sogenannte Erzählsessel sind geplant. Dort wartet eine Zuhörerin oder ein Zuhörer auf jeden, der sich mitteilen möchte. Reden und zuhören, sich gehört fühlen, das kommt im Alltag für viele zu kurz. Das Schweizer Modell des "Zuhörbänklis" gibt das Vorbild für die Dresdner Erzählsessel.

Den Anfang jedoch machen die lebendigen Bücher wie Gesine Kabuß. Sie hat sich schon gut in ihre Bücherrolle hineingefunden. "Ich bin ganz spontan als Buch gewachsen", sagt sie und lacht. Sich einmal zu verwandeln und mit dafür zu sorgen, dass die Menschen einander näher kommen, kann sie nur empfehlen.

Lebendige Bibliothek, 1. Juli, 17 bis 20 Uhr, Hinterhof des neuen Familienzentrums Altstadt auf der St. Petersburger Straße 12 (im ehemaligen Bastelgeschäft Das Creative Hobby)

Mehr zum Thema Dresden