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Wo Forscher in die Kita gehen

Deutsche Schüler hängen in den Naturwissenschaften massiv hinterher. Die Kita "Spatzenvilla" in Dresden will das mit einem preiswürdigen Konzept ändern.

Simone Kruschwitz (Mitte) leitet eine der besten deutschen Kitas für frühkindliche Bildung in den MINT-Fächern, die "Spatzenvilla" in Dresden-Briesnitz. Dabei setzt sie auf die natürliche Neugier der Kinder.
Simone Kruschwitz (Mitte) leitet eine der besten deutschen Kitas für frühkindliche Bildung in den MINT-Fächern, die "Spatzenvilla" in Dresden-Briesnitz. Dabei setzt sie auf die natürliche Neugier der Kinder. © Handwerkskammer Dresden

Dresden. Deutschland gilt traditionell als Land der Ingenieure. Doch aktuelle Untersuchungen zeigen: Das könnte sich in den kommenden Generationen drastisch ändern.

In den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) liegen deutsche Viertklässler laut einer neuen internationalen Studie der Universität Hamburg momentan nur auf den hinteren Rängen.

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Experten wie Edith Wolf, Co-Sprecherin des Nationalen MINT-Forums, warnen davor, dass Herausforderungen wie Digitalisierung und die Energiewende langfristig auf der Strecke bleiben könnten - wenn der Nachwuchs nicht besser gebildet und motiviert wird.

Kita-Leiterin: Als Kind wenig Lust an Zahlen

Besonders Mathematik gilt vielen Schülern als Hassfach. Auch Simone Kruschwitz hatte als Kind wenig Lust auf Rechnen - obwohl ihre Mutter selbst Lehrerin für das Fach war.

"Sie konnte es mir einfach nicht richtig erklären. Vor jedem Unterricht herrschte bei mir Angst und Schrecken", erzählt die Leiterin der Kita "Spatzenvilla" im Dresdner Stadtteil Briesnitz.

Es sei schade, wie Kindern das Interesse an Naturwissenschaften "schon in der Schule versaut werde". Kruschwitz, die vor zehn Jahren die Kita übernahm, war zuvor in der Erwachsenenbildung tätig. Dort habe sie gelernt, dass es nie früh genug sein könne, um den Nachwuchs auf die "großen Herausforderungen der Welt von morgen" vorzubereiten, sagt sie.

Eine Verbindung zum Alltag

Nicht die Naturwissenschaften an sich seien das Problem, sagt sie. "Es kommt auf die Pädagogen an." In der Spatzenvilla hat sie deshalb ein völlig neues Konzept auf die Beine gestellt.

Die Idee: Die Kinder sollen ihre Umgebung und die Natur selbst "erforschen". Jedes Jahr nehmen sie dafür an einem sechswöchigen Projekt teil, das jeweils unter einem bestimmten Thema steht. "Sie erkunden verschiedene Alltagsphänomene: Wasser, Feuer, Luft zum Beispiel. Wenn Käfer im Sommer in die Kita kommen, fragen die Kinder etwa: Wo wohnen die eigentlich im Winter?", sagt Kruschwitz.

Ines Berger ist seit über vierzig Jahren Erzieherin. Gemeinsam mit Kollegen in der Spatzenvilla nimmt sie regelmäßig an Fortbildungen der Stiftung "Haus der kleinen Forscher" teil. Hier lernen die Pädagogen, wie sie ihre Schützlinge für Natur und Technik begeistern.

"Wir geben keine Antworten vor, sondern nur kleine Hilfestellungen", sagt Berger. Das Konzept funktioniere deshalb gut, weil es direkt den Alltag der Kinder betreffe - und ihre Neugier anspreche.

Fragebögen an die Großeltern

Anstatt trockener Theorie wird in der Spatzenvilla eine Verbindung von Wissenschaft zum Umfeld der Ein- bis Siebenjährigen geschaffen. 2019 etwa, zum 70. Geburtstag der Kita, lernten die Kinder in einem Projekt Mengen und Zeiträume besser greifbar zu machen.

So baute sich eine Gruppe ein Gartenbeet mit 70 Blumen, während andere Kinder die "Raupe Nimmersatt" mit 70 Bäuchen nachbastelten. Gleichzeitig wandten sich Kruschwitzs Schützlinge mit einem Fragebogen an ihre Großeltern. Diese sollten ihnen von ihrer eigenen Kindheit erzählen.

Eine von fünf besten MINT-Kitas deutschlandweit

Auch die Geschichte der Spatzenvilla wurde untersucht. Wer hat das Haus gebaut? Welche Materialien wurden dafür verwendet? Hat hier zuvor jemand gelebt?

"Es gab viele Ecken, die die Kinder zuvor noch nicht wahrgenommen haben", sagt Ines Berger. Unter anderem konnten Dachziegel aus der Zeit des Hausbaus genauer unter die Lupe genommen werden.

Den Blick schärfen - das sollen die Kinder der Spatzenvilla auch in Zukunft. Unter 651 deutschen Kitas wurde die Dresdner Einrichtung mit ihrem Jubiläumsprojekt vom "Haus der kleinen Forscher" gerade zu einem von fünf Bundessiegern gekürt.

Vom Preisgeld will Leiterin Kruschwitz unter anderem einen Forscherbereich im Garten anlegen und ein elektronisches Vergrößerungsmikroskop beschaffen. Die Bilder können gleich am PC angeschaut werden - so zeigt sich der Nutzen von digitaler Technik am besten.

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