merken
PLUS Dresden

"Satt, sauber, unverletzt - das reicht uns nicht"

Viele Erzieher kommen bei der Betreuung der Kinder an ihre Grenzen. Was die Arbeit so anspruchsvoll macht und die Leiterin einer Dresdner Kita dagegen unternimmt.

Felix Neumann arbeitet als Erzieher in der Kita Pünktchen in Dresden-Johannstadt. Wenn er 18 Kinder in einer Gruppe betreut, bleibt nicht viel Zeit, individuell auf die Kleinen einzugehen. "Das muss sich ändern."
Felix Neumann arbeitet als Erzieher in der Kita Pünktchen in Dresden-Johannstadt. Wenn er 18 Kinder in einer Gruppe betreut, bleibt nicht viel Zeit, individuell auf die Kleinen einzugehen. "Das muss sich ändern." © Marion Doering

Dresden. 18 Kinder strecken Felix Neumann ihre Hände entgegen. Jedes will erzählen, was es zu den Kräutern im Kindergartenbeet schon weiß. Ab September werden diese 18 Kinder Schüler sein. Mit Blick auf den Schulstart im Herbst übt Erzieher Felix Naumann schon einmal, dass nicht einfach drauflosgeplaudert wird, sondern jeder sich melden muss. Das kostet viel Zeit und noch mehr Geduld - über beides sollten Kita-Erzieher eigentlich reichlich verfügen. Und doch sieht die Realität anders aus.

Denn die Zeit reicht einfach nicht, um den Erzieherjob so zu machen, wie es sein sollte, sagt Anke Gießler-Lachmann. Seit 17 Jahren leitet sie die Kita Pünktchen an der Dürerstraße in der Johannstadt. Träger der Einrichtung ist nicht die Stadt, sondern der Kinderschutzbund, der neben dieser in Dresden fünf weitere Kitas und einen Hort betreibt. Die Kita-Leiterin weiß: Wer in diesem Beruf gestresst ist, verliert auch die Geduld. Zugleich ist der Anspruch an eine gute Betreuung der Kleinen groß, nicht nur von den Eltern, auch von den Erziehern selbst. "Satt, sauber, unverletzt - das reicht uns einfach nicht", sagt Anke Gießler-Lachmann. Und hat deshalb einen Brief an Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) geschrieben.

Anzeige
Volljurist (m/w/d) gesucht
Volljurist (m/w/d) gesucht

Die Bundespolizeidirektion Pirna sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt Unterstützung für die Leitungsposition eines Sachbereiches.

Anke Gießler-Lachmann leitet seit 17 Jahren die Kita Pünktchen auf der Dürerstraße. Gemeinsam mit Andreas Blume, Fachberater beim Kita-Träger Kinderschutzbund, fordert sie einen besseren Betreuungsschlüssel in den Einrichtungen.
Anke Gießler-Lachmann leitet seit 17 Jahren die Kita Pünktchen auf der Dürerstraße. Gemeinsam mit Andreas Blume, Fachberater beim Kita-Träger Kinderschutzbund, fordert sie einen besseren Betreuungsschlüssel in den Einrichtungen. © Marion Doering

Es geht um den Betreuungsschlüssel, also das Verhältnis Erzieher - Kinder. In Sachsen kümmert sich im Schnitt ein Erzieher um zwölf Kindergartenkinder, in der Krippe sind es pro Erzieher fünf Kleinkinder. Mit diesem Schlüssel liegt der Freistaat deutschlandweit auf den hinteren Plätzen. Zum Vergleich: Im deutschen Durchschnitt liegt die Relation Erzieher - Kindergartenkinder bei 1:8, in der Krippe bei 1:4. Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt in der Krippe einen Schlüssel von 1:3, im Kindergarten von 1:7,5.

Fakt ist: Davon sind Einrichtungen in Dresden weit entfernt. In der Kita Pünktchen plant Anke Gießler-Lachmann pro Erzieher 18 Kindergartenkinder ein, um eine Krippengruppe mit 15 Kindern kümmern sich zwei Erzieher. Eigentlich sollte es laut sächsischem Kita-Gesetz jeweils eine Fachkraft mehr pro Gruppe sein.

Doch es gibt ein entscheidendes Problem, erklärt die Kita-Leiterin. "In der Regel sind etwa fünf Kollegen nicht da, weil sie krank sind, Urlaub machen oder sich weiterbilden." Was den Dienstplan besonders häufig über den Haufen wirft, sind erkrankte Kollegen, denn das ist natürlich nicht planbar. "Ich habe das mal für ein Jahr ausgerechnet. Pro Tag fehlten damals 3,4 Erzieher allein deshalb, weil der Arzt sie krankgeschrieben hat." Und das wiederum liege auch an der enorm hohen Belastung, die der Kita-Alltag mit sich bringt.

Überzeugungsarbeit bei den Eltern

Der habe sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert, sagt Anke Gießler-Lachmann. Inklusion, Integration, mehr Aufwand bei der Dokumentation der Kinderentwicklung - das seien die Kernpunkte, die das Arbeitspensum erhöhen. Die Eltern einzubeziehen, auch das sei mit vielen ausländischen Familien schwieriger geworden. "Aber Migration ist nur ein Teil des Problems", betont Anke Gießler-Lachmann und will sich da nicht falsch verstanden wissen.

Auch wolle sie nicht den Eindruck erwecken, dass ihr Team die Herausforderung einer Arbeit mit Kindern, die besonders gefördert werden müssen, ob sprachlich oder motorisch, nicht annehmen will. "Ganz im Gegenteil: Dass diese Kinder an einem normalen Kita-Alltag teilhaben können, ist richtig und wichtig." Doch es brauche sehr viel Zeit, die Kinder in ihrer Entwicklung zu beobachten. Die meisten kommen im Alter von einem Jahr in die Krippe. "Es zeigt sich aber oft erst später, ob und welche Entwicklungsverzögerung ein Kind hat. Dann müssen wir schauen, wie das Kind gefördert werden kann, welche Therapien helfen könnten und ob ein Arzt aufgesucht werden muss." Allein die Bitte, das Kind einem Augen- oder Ohrenarzt vorzustellen, sei oft mit großer Überzeugungsarbeit bei den Eltern verbunden.

Keine Zeit für besondere Projekte

Weil die Erzieher viel Kraft und Zeit für diese Aufgaben aufbringen müssen, bleiben andere Projekte auf der Strecke. "Hintenan stehen auch die leisen und stillen Kinder, die zwar nicht gefördert werden müssen, aber trotzdem unsere Zuwendung brauchen", hat Anke Gießler-Lachmann beobachtet. So hatte sich Erzieher Felix Neumann, der seit sechs Jahren in der Kita Pünktchen arbeitet, vor einiger Zeit den "Musikzug" ausgedacht. Über zehn Wochen hinweg hat er mit den Kindern eine musikalische Reise unternommen, hat sich ein Instrument mit ihnen näher angeschaut und zum Abschluss ein Programm auf die Beine gestellt.

"Nach zwei Jahren mussten wir das Projekt fallenlassen", sagt er. Diese Arbeit in kleineren Gruppen sei einfach nicht drin. Das betrifft auch das Toben im Matschraum und viele andere Angebote, die nur möglich sind, wenn kein Kollege krank ist. Selbst die so wichtigen Entwicklungsgespräche mit den Eltern, die einmal jährlich stattfinden sollten, sind so nicht schaffbar. Wie soll Felix Neumann das einzelne Kind in einer Gruppe von 18 Kindern ausreichend gut beobachten, um den Eltern zu berichten, wie es sich verhält, ob es richtig spricht oder etwas noch nicht so gut kann? "Vieles geht nur, wenn man an seine Grenzen geht - und manchmal darüber hinaus", sagt der 40-Jährige.

"Ausreden über fehlende Fachkräfte gelten nicht mehr"

Das will Anke Gießler-Lachmann nicht hinnehmen. Gemeinsam mit Andreas Blume, der als Fachberater beim Kinderschutzbund arbeitet, hat sie den Brief an Piwarz verfasst, hat ihn eingeladen, sich den Alltag und die Arbeit in ihrer Kita vor Ort anzuschauen. Sie hat die Probleme beschrieben, die allein die Berechnung der Betreuungsstunden machen. Wenn Familien ihren Nachwuchs etwa nur sechs Stunden in die Kita geben, kann sie auch nur diese Zeit für ihre Mitarbeiter einberechnen. Dennoch ist in der Kernzeit, wenn alle Kinder da sind, auch entsprechend viel Personal nötig. "Ich wünsche mir, dass diese Stundenrechnerei aufhört und einfach gilt: Kita-Platz ist Kita-Platz."

Andreas Blume ergänzt, dass es in dieser Sache politisch durchaus Bewegung gibt und immerhin das Ziel gesteckt wurde, bis 2030 mehr Fachkräfte einzustellen. So ist das Ziel, im Kindergarten den Schlüssel von 1:10 und in der Krippe von 1:4 umzusetzen. "Doch darauf müssen wir noch Jahre warten. Das dauert zu lange", sagt der Kinderschutzbund-Experte.

Dabei gebe es eine kurzfristige Lösung, die die angespannte Situation in den Kitas etwas verbessern würde und auf die Gießler-Lachmann und Blume nun hoffen. Sie fordern, dass trotz der sinkenden Kinderzahl in Dresden den Erziehern die Stunden nicht gekürzt werden. Damit würde sich der Personalschlüssel verbessern, und damit auch die Arbeitsbedingungen der Erzieher.

Schon jetzt bemerkt die Kita-Leiterin die Folgen der geburtenschwachen Jahrgänge in Dresden. "Die Anmeldungen gehen deutlich zurück." Während sich noch vor wenigen Jahren etwa 40 Eltern auf einen freien Kita-Platz beworben haben, ist es inzwischen nur noch eine Handvoll. "Das ist zugleich unsere Chance, die Erzieher, die wir so lange gesucht haben, nun mit besseren Bedingungen in ihrem Beruf zu halten", sagt Andreas Blume. "Ausreden, dass es ja keine Fachkräfte gebe, gelten jetzt nicht mehr."

Mehr zum Thema Dresden