merken
PLUS Dresden

Klinik-Verluste: Dresden gibt Regierung eine Mitschuld

Das Städtische Klinikum schreibt Verluste. Dafür sei aber nicht allein die Stadt verantwortlich, sagt Dresdens Gesundheitsbürgermeisterin.

Die Krankenhäuser in Friedrichstadt und Neustadt sind schon vor mehreren Jahren zum Städtischen Klinikum fusioniert. Aus der Fusion ist aber nie ein Nutzen gezogen worden.
Die Krankenhäuser in Friedrichstadt und Neustadt sind schon vor mehreren Jahren zum Städtischen Klinikum fusioniert. Aus der Fusion ist aber nie ein Nutzen gezogen worden. © Archiv: Steffen Füssel

Dresden. Mit einem entzündeten Blinddarm lässt sich nicht viel Geld verdienen. Es sind oft die schwer kranken Patienten, mit denen sich Krankenhäuser finanziell über Wasser halten. Dass die Kliniken deshalb etwa um Krebskranke konkurrieren und ins Minus rutschen, wenn sie den Wettkampf verlieren, darf so nicht weitergehen. Was die Krankenhäuser von den Kassen bekommen, sei nicht mehr auskömmlich, sagt Dresdens Gesundheitsbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke). Sie macht deutlich: Die finanziellen Probleme des Städtischen Klinikums sind nicht nur hausgemacht.

Was genau kritisiert Kaufmann?

Im Namen der sächsischen Landeshauptstadt unterstützt Kaufmann einen Appell des Deutschen Städtetages an die Bundesregierung, aber auch an die Bundesländer. Konkret geht es darum, dass Krankenhäuser für Patienten mit leichten Beschwerden weniger Geld und für die Behandlung Schwerkranker mehr Geld von den Krankenkassen bekommen. Sprich: Sie werden nach Leistung bezahlt. Allgemein wird von einer Fallpauschale gesprochen. Darüber hinaus gibt es eine Pauschale für die Pflege der Patienten. Kaufmann fordert, dieses System zu überdenken.

LandMAXX - Baumärkte und Baustoffzentren
Mitten in Sachsen, ganz nah am Menschen
Mitten in Sachsen, ganz nah am Menschen

LandMAXX ist der freundliche, kreative und innovative Nahversorger für alle, die in Haus, Hof und Garten gern selbst anpacken.

"Es steht seit Jahren in der Kritik", so die Gesundheitsbürgermeisterin. Bereiche wie die Geburts- und Kinderkliniken, für die es tendenziell weniger Geld gibt, seien seit Jahren strukturell unterfinanziert. Und in der Pandemie hätten die Fallpauschalen regelrecht versagt. Denn über viele Monate mussten planbare Eingriffe verschoben werden, um Corona-Patienten versorgen zu können. Eingriffe, mit denen Krankenhäuser sonst ihren Unterhalt verdienen. "Fakt ist: Gesundheit ist keine Ware", so Kaufmann. "Die Krankenhäuser benötigen Planungs- und Finanzsicherheit. Eine Grundfinanzierung ohne zwingenden Leistungsbezug wäre dafür der richtige Ansatz."

Wie funktionierte die Bezahlung früher?

Früher, also vor 2003, war das anders. Damals erhielten die Kliniken für jeden Patienten eine Tagespauschale in gleicher Höhe – ganz egal, was ihm fehlte und wie hoch der Behandlungsaufwand war. "Die Krankenversicherung zahlte damit bei gleicher Behandlungsdauer für leicht erkrankte Patienten genauso viel wie für schwer kranke Patienten, die in der gleichen Fachabteilung eines Krankenhauses behandelt wurden", erklärt das Bundesgesundheitsministerium. Die Kliniken mussten sich immer wieder Vorwürfe anhören, sie würden die Behandlungsdauer hinauszögern, um mehr Tage abrechnen zu können. "Die stationäre Verweildauer war im internationalen Vergleich sehr hoch", so das Ministerium weiter. Daher sei auf ein leistungsorientiertes System umgestellt worden.

Dresdens Gesundheitsbürgermeisterin Kristin Kaufmann fordert vom Bund und der Landesregierung eine bessere Bezahlung für die Krankenhäuser.
Dresdens Gesundheitsbürgermeisterin Kristin Kaufmann fordert vom Bund und der Landesregierung eine bessere Bezahlung für die Krankenhäuser. © Sven Ellger

Dieses ist aus Sicht des Bundes fair. Die Summe, die für jede Behandlung gezahlt werde, beruhe auf den tatsächlichen Kosten. Grundlage sei eine Stichprobe von 282 Krankenhäusern in Deutschland. Darüber hinaus seien die Pauschalen immer wieder angepasst worden.

Wie steht es um das Städtische Klinikum in Dresden?

Im ersten Corona-Jahr machte das Städtische Klinikum einen Umsatz von rund 320 Millionen Euro. Die Ausgaben waren schlussendlich aber so hoch, dass kein Cent hängen blieb. Der Eigenbetrieb beendete das Jahr 2020 mit einem Verlust von etwa 3,8 Millionen Euro. Im Jahr davor betrug das Minus sogar fast zwölf Millionen Euro. "Wie andere kommunale Großkrankenhäuser verzeichnet auch das Städtische Klinikum Dresden Defizite, die mit Mitteln aus dem kommunalen Haushalt ausgeglichen werden", so Kaufmann. Der Bund müsse endlich Rahmenbedingungen schaffen, damit die Betriebskosten auskömmlich bezahlt werden können. Auch die regelmäßigen Tarifsteigerungen - sei es bei Ärzten oder Pflegern - müssten vollständig refinanziert werden. Nur so ließen sich Bereiche wie Geburts- und Kinderkliniken halten. Nur so könne man die Notfallversorgung weiterhin anbieten.

Große kommunale Krankenhäuser seien vorbereitet für alle Fälle und Notfälle des Lebens, so die Stadtverwaltung. Gleichzeitig würden immer mehr Häuser rote Zahlen schreiben. "Sie sind nicht erst seit 2020 chronisch unterfinanziert. Die Städte als Träger der Krankenhäuser müssen dann als Ausfallbürgen einspringen." Viele könnten das angesichts einbrechender Steuereinnahmen durch die Corona-Folgen kaum länger leisten.

Sind nur die Fallpauschalen für die Verluste in Dresden verantwortlich?

Sicherlich nicht nur. Die beiden Krankenhäuser in Friedrichstadt und Neustadt sind zwar schon vor mehreren Jahren zum Städtischen Klinikum fusioniert. An beiden Standorten existieren aber sowohl innere als auch chirurgische Abteilungen. Aus der Fusion ist nie ein Nutzen gezogen worden. Auch die IT-Infrastruktur gilt als veraltet. Aus diesem Grund ist nun ein Zukunftskonzept auf den Weg gebracht worden, das bis 2035 eine Zentralisierung der stationären Versorgung in Friedrichstadt vorsieht. Ob das so kommen wird, ist unklar. Mehrere Stadtratsfraktionen sehen ein rein ambulantes Angebot in Trachau sehr kritisch. Eine Entscheidung ist aufgeschoben worden und soll bis 2025 getroffen werden.

Und was erwartet Kaufmann von der Landesregierung?

Während über die Fallpauschalen der laufende Betrieb bezahlt werden muss, ist der Freistaat Sachsen mit dafür verantwortlich, zum Beispiel neue Klinik-Gebäude zu bauen oder alte zu sanieren. Eine finanzielle Beteiligung an solchen Projekten ist im Gesetz verankert. In der Realität warten die Krankenhäuser, darunter auch Dresden, aber oft mehrere Jahre, bis eine Förderung bewilligt wird. "Die Länder müssen ihrer Investitionsverpflichtung nachkommen", heißt es in dem Appell. "Sie müssen die milliardenschwere Lücke bei der Förderung von Investitionen schließen."

Ist eine Privatisierung des Klinikums zu befürchten?

Nein, zumindest hat Kaufmann in den vergangenen Monaten immer wieder betont, dass das Klinikum ein kommunales Klinikum bleibe. "Wir stehen fest zu unserer Verantwortung – für exzellente und empathische Medizin und Pflege. Mit unserem Städtischen Klinikum Dresden sichern wir die Gesundheit von jährlich 180.000 Patientinnen und Patienten aus Dresden und der Region." Es sei ein unverzichtbarer Bestandteil der regionalen Versorgung. "Die Corona-Pandemie hat das noch einmal deutlich bewiesen."

Weiterführende Artikel

Dresden: Eine Klinik zieht um

Dresden: Eine Klinik zieht um

Tatsächlich zieht die erste Klinik bereits von Neustadt nach Friedrichstadt. Wieso das passiert und was das für die Dresdner bedeutet.

Klinikum Dresden: Leugnen einer Niederlage

Klinikum Dresden: Leugnen einer Niederlage

Die Entscheidung zum Rettungskonzept für das finanziell angeschlagene Klinikum Dresden wird aufgeschoben. Trotzdem gibt es Gewinner und Verlierer. Ein Kommentar.

Das Klinikum zählt rund 3.300 Mitarbeiter. Als Akademisches Lehrkrankenhaus der TU Dresden bildet es auch Medizinstudenten aus. In der eigenen Medizinischen Berufsfachschule erlernen über 600 Auszubildende einen Pflege- oder medizinischen Assistenzberuf.

Mehr zum Thema Dresden