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"Samthandschuhe bringen niemanden weiter"

Christian Bidmon hat im Sonnenstrahl e. V. enge Verbündete gegen Krebs gefunden - und in Ulrike Grundmann eine kraftvolle Mitstreiterin für positive Kampfansagen.

Über die Jahre Freunde geworden: Ulrike Grundmann vom Sonnenstrahl e. V. und Christian Bidmon, der den Krebs und so manchen Schweinehund überwunden hat.
Über die Jahre Freunde geworden: Ulrike Grundmann vom Sonnenstrahl e. V. und Christian Bidmon, der den Krebs und so manchen Schweinehund überwunden hat. © Sven Ellger

Dresden. An seinen ersten Ausflug kann sich Christian Bidmon gut erinnern. Dabei war er damals noch ein Teenager, und so viele Eindrücke stürmten auf ihn ein. Zusammen mit anderen Mädchen und Jungen fuhr er nach Kriebstein. Organisiert hatte die Fahrt der Sonnenstrahl e. V. - als Auszeit von Krankheit, Operationen und Chemotherapien. Das ist eins der Hauptanliegen des Vereins, der sich um krebskranke Kinder und Jugendliche und deren Familien kümmert.

"Zu der Zeit saß ich noch im Rollstuhl", sagt Christian. Als Zehnjähriger bekam er die Diagnose Knochenkrebs. Knapp fünf Jahre später erneut. Da hatte schon große Hoffnung bestanden, er könnte geheilt sein. Fünf Jahre gelten als Grenze zum rückfallfreien Leben. Statistisch gesehen besteht eine große Chance, den Krebs wirklich hinter sich gelassen zu haben, wenn innerhalb dieser Frist kein sogenanntes Rezessiv eintritt.

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Nun, rund 25 Jahre später, sitzt er einmal wieder in der großen Villa auf der Goetheallee, wo Kurs- und Beratungsräume sowie Elternwohnungen untergebracht sind. All die Jahre ist er dem Verein treu geblieben und hat seine Arbeit mit viel Engagement unterstützt. Seine Frau hat er dort kennengelernt, und als die beiden heirateten, überraschte ihn eine ganz besondere Gratulantin: Ulrike Grundmann.

Grenzerfahrung, die lange nachwirkt

Die Leiterin des Psychosozialen Bereiches gehört seit 15 Jahren zum Sonnenstrahl-Team und ist verantwortlich für die Koordination von Kursen und Camps, Beratungen und Anleitung zur Selbsthilfe junger Krebspatienten und deren Angehörigen. Seit die Sozialpädagogin direkt nach dem Studium begann, für den Sonnenstrahl e. V. zu arbeiten, kennt sie auch Christian Bidmon.

"Über die Jahre haben wir uns angefreundet. Auf Christian konnten wir immer zählen, wenn Unterstützung gefragt war", sagt die 41-Jährige. Dass Patienten auch nach ihrer Genesung weiterhin die Nähe zum Verein suchen, sei nicht ungewöhnlich. Schließlich sind die Mitarbeiter dort enge Begleiter in extrem schweren Zeiten gewesen.

"Manchmal wollen die Familien aber auch Abstand und endlich wieder zurück in ein Leben ohne das Thema Krebs kehren", weiß Ulrike Grundmann. Einige von ihnen nehmen Jahre später erst wieder Beratungen in Anspruch, weil sie merken, dass die Grenzerfahrung Spuren hinterlassen hat, die nachwirken.

Dass man Abstand gewinnen will, kann Christian Bidmon gut verstehen. Ulrike Grundmann hat ihn lange unterstützt. Bei jungen Leuten endet ihre Fürsorge nicht mit der Rückkehr in den Alltag mit Schule und Ausbildung. Denn genau dort den Anschluss wiederzufinden, fällt vielen Betroffenen schwer.

"Nach meiner ersten Erkrankung mit zehn Jahren habe ich das Schuljahr wiederholt. Aber nach der zweiten als 15-Jähriger bin ich in meiner Klasse geblieben und habe versucht, den verpassten Stoff aufzuholen", erzählt Christian. Trotz großer Anstrengung konnte er nicht so mithalten, wie früher. Auf die harten Monate der Krebsbehandlung folgte der schwere Kampf um den Schulabschluss.

Mammut-Tour zum persönlichen Gipfelbuch

"Junge Menschen brauchen nach ihrer Genesung häufig Unterstützung bei der Suche nach einem passenden Ausbildungs- oder Studienplatz", sagt Ulrike Grundmann. Die enorme Ausnahmesituation Krebs münde für viele in körperliche, geistige oder seelische Beeinträchtigungen. "Das erschüttert nicht nur die Leistungsfähigkeit sondern auch das Selbstbewusstsein."

Mit guter Begleitung fand Christian Bidmon schließlich seinen Ausbildungsweg, wurde Bauzeichner und arbeitet heute in einem Architekturbüro.

Aus Verbundenheit mit dem Verein, der ihm neben seiner Familie und Freunden so viel Kraft gegeben hat, leitete er jahrelang ein Schwimmprojekt für krebskranke Kinder. Vor seiner Erkrankung war er selbst aktiv geschwommen und liebt den Sport bis heute.

"Auch wenn man den Krebs überwunden hat, nimmt einen die Umwelt immer noch als Kranken war", sagt Christian. Das sei gut und rücksichtsvoll gemeint. "Aber Samthandschuhe bringen niemanden weiter. Er selbst hat sich entschlossen, seine eigenen Grenzen auszutesten und sich selbst zu beweisen, was er schaffen kann. Zum Beispiel im vergangenen Sommer mit einer 50-Kilometer-Wanderung von Königstein bis zum Dresdner Körnerplatz - an seiner Seite Ulrike Grundmann.

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