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Krebserkrankung: Was bleibt, sind zwei kleine Narben

Bei der 48-jährigen Christine Krahl wird durch Zufall der Vorbote einer schweren Krebserkrankung entdeckt. In Dresden wird per Roboter das Schlimmste verhindert.

Von Juliane Just
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Christine Krahl steht mit Marius Distler, stellvertretender Direktor der Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie des Uniklinikums Dresden, vor dem Da-Vinci-Roboter, mit dem sie operiert wurde.
Christine Krahl steht mit Marius Distler, stellvertretender Direktor der Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie des Uniklinikums Dresden, vor dem Da-Vinci-Roboter, mit dem sie operiert wurde. © Uniklinikum Dresden/Kirsten Lass

Dresden. Es war eher ein Zufall, der ihr das Leben rettete. Eine langwierige Blasenentzündung machte Christine Krahl zu schaffen. Ihr behandelnder Arzt ordnete für die zierliche Frau aus Coblenz bei Bautzen eine Computertomographie (kurz: CT) an, um die Nieren zu überprüfen. Dort wurde eine Wucherung an der Bauchspeicheldrüse erkannt. Verdacht: Krebs.

"Im ersten Moment war ich erschrocken", sagt Christine Krahl. "Es war ein mulmiges Gefühl. Ich musste mit allem rechnen." Die Magnetresonanztomographie (kurz: MRT) brachte Gewissheit. Mit 48 Jahren wurde bei ihr eine zystische Neoplastie festgestellt. Dabei handelt es sich um die häufigste Vorstufe eines bösartigen Tumors der Bauchspeicheldrüse.

Mit mulmigem Gefühl nach Dresden

Es sind nur neun Prozent. Neun Prozent der Menschen, die die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhalten, leben fünf Jahre nach der Diagnose noch. Das schwirrte Christine Krahl durch den Kopf, als sie ans Dresdner Uniklinikum überwiesen wurde. Dort bündeln sich die Kompetenzen zur Krebsforschung. Für nahezu alle Krebsarten gibt es in Dresden interdisziplinäre Zentren, die unter dem Dach des Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden (NCT) arbeiten.

Bauchspeicheldrüsenkrebs ist eine der aggressivsten Tumorerkrankungen und mit einer hohen Sterblichkeit verbunden. Etwa 19.000 Menschen erkranken pro Jahr in Deutschland an einem bösartigen Tumor der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) - Tendenz steigend. Mit verantwortlich hierfür sind die demografische Entwicklung und Risikofaktoren wie Rauchen, starkes Übergewicht oder hoher Alkoholkonsum. Aufgrund verbesserter oder weit verbreiteter bildgebender Diagnoseverfahren gelingt es jedoch immer öfter, Vorstufen dieser Krebsart zu entdecken.

Im Mai ist die 48-Jährige das erste Mal im Uniklinikum Dresden, im September wird sie das Geschwür los. Doch vorher stehen mehrere Untersuchungen an. "In solchen Fällen ist es sehr wichtig, dass eine umfassende Diagnostik sowie Bewertung der Befunde mit anschließender Therapieempfehlung durch Experten verschiedener Fachbereiche erfolgt", sagt Marius Distler, stellvertretender Direktor der Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie des Universitätsklinikums Dresden. Er ist es am Ende auch, der die Geschwulst operativ entfernt.

Wenn der Arzt zum Roboter wird

Dafür arbeitete er mit einem sogenannten Da-Vinci-Roboter. Mit diesem ist es möglich, auf kleinstem Raum mit zierlichem Werkzeug zu arbeiten. So lassen sich auch kleinste Tumore entfernen. "Mit dem robotergestützten System können wir in Schlüssellochtechnik hochpräzise und mit geringem Blutverlust operieren. Das fördert einen schnellen Heilungsprozess", sagt der Mediziner. Über einen Bildschirm sieht er mittels Kamera den OP-Bereich, die Roboterarme werden mittels Joystick zu seinen Händen. "Seit 2013 arbeiten wir am Uniklinikum mit der Roboterchirurgie und sind deshalb sehr erfahren", sagt Marius Distler. Rund 150 Eingriffe an der Bauchspeicheldrüse werden im Uniklinikum jährlich vorgenommen, darunter 20 bis 30 Operationen von Krebsvorstufen.

Zweieinhalb Stunden arbeitete ein OP-Team mitsamt Roboter an der Entfernung der Geschwulst. Ein Teil der Bauchspeicheldrüse sowie die Milz mussten entfernt werden. Letztere übernimmt im Körper eine immunologische Funktion, sodass die Patientin nun anfälliger für Infekte ist. "Wir empfehlen ihr deshalb nun spezielle Impfungen", erklärt Distler. "Aber auch ohne Milz kann man 100 Jahre alt werden." Zusätzlich erhält Christine Krahl Präparate, die die Verdauungsenzyme zugeben, was normalerweise die Bauchspeicheldrüse übernimmt.

Heute, am Weltpankreaskrebstag, kann Christine Krahl aufatmen, weil das Schlimmste verhindert werden konnte. Alles, was von der Operation äußerlich geblieben ist, sind zwei Narben am Bauch der Patientin. Noch sind sie, zwei Monate nach der Operation, tief blau gefärbt, doch irgendwann werden sie kaum noch zu sehen sein. Sie bleiben als Erinnerung an eine Zeit, in der die 48-Jährige einen Schutzengel hatte. "Ich bin sehr froh, dass die Veränderung an der Bauchspeicheldrüse so früh entdeckt und behandelt werden konnte und sich daraus kein Krebs entwickeln kann", sagt Christine Krahl.

Dass der Vorbote der Krebserkrankung bei ihr rechtzeitig erkannt wurde, war Zufall. Doch die Erkrankung ist tückisch, die Vorboten trügerisch. "Es gibt keine spezifischen Symptome, das ist das Schwierige", sagt Marius Distler. Er beobachte jedoch auch, dass vermehrt Krebsvorstufen gefunden werden. Das liegt daran, dass sich die Qualität bildgebender Verfahren wie der CT und der MRT in den vergangenen zehn bis 15 Jahren deutlich verbessert hat und diese Verfahren immer häufiger zum Einsatz kommen.