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150 Dresdner Bands nach Kündigung heimatlos

Der neue Eigentümer will das Bürogebäude in Klotzsche sanieren. Doch der Aufschrei unter den Musikern ist groß, denn Ersatzräume in Dresden sind nicht in Sicht.

Trommeln für die Zukunft der Bandkultur: Daniel Wedekind ist Schlagzeuger der Dresdner Hardcore-Band Plotz.
Trommeln für die Zukunft der Bandkultur: Daniel Wedekind ist Schlagzeuger der Dresdner Hardcore-Band Plotz. © René Meinig

Dresden. Wenn man an einen Probenraum denkt, dann hat man schnell einen abgerockten Teppich vor Augen, Pfandflaschen in jeder Ecke und überquellende Aschenbecher. Die schroffen Töne, die durch die Tür im 1. Obergeschoss eines Bürokomplexes in Klotzsche dringen, passen vermeintlich dazu. Hier probt die Hardcore-Band Plotz.

Hinter der Tür aber öffnet sich eine ganz andere Welt. In ihren drei Räumen haben die Dresdner Musiker mit viel Zeit und Liebe ihre kulturelle Heimstätte eingerichtet, inklusive professionellem Studio und Küchenzeile.

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"Wir haben hier ideale Bedingungen", sagt Daniel Wedekind. Der 34-Jährige ist Schlagzeuger der Band. Es gebe Toiletten, man störe keine Nachbarn und könne sogar lüften. Alles keine Selbstverständlichkeit. "Das Wichtigste ist aber, dass die Heizung funktioniert." Sonst würden die Instrumente leiden, wie die Musiker das in anderen "Schimmelbuden" schon zur Genüge erleben mussten.

In dem Bürokomplex in Klotzsche proben bislang rund 150 Bands. Nun sollen sie ausziehen.
In dem Bürokomplex in Klotzsche proben bislang rund 150 Bands. Nun sollen sie ausziehen. © René Meinig

Seit zwölf Jahren sind Daniel und seine Mitstreiter hier, Zur Wetterwarte 60, eingemietet - für 250 Euro im Monat. Zusätzlich hätten sie viele Tausend Euro investiert. Nun aber soll bald das Licht ausgehen.

Am Freitag vergangener Woche kam Post von der Hausverwaltung. Betreff: Kündigung wegen Baumaßnahmen. Zum 28. Februar soll alles raus: Instrumente, Einbauten, Wandverkleidungen - und vor allem die Musiker selbst. Da es sich um Gewerberäume handelt, ist die Kündigungsfrist besonders kurz.

"Das war natürlich ein Schock", sagt Daniel. In Dresden mangele es sowieso schon an Proberäumen. "In so kurzer Zeit werden wir sicher nichts Neues finden und wenn doch, dann wird es wegen der Aufbauarbeiten trotzdem Monate dauern, bis wir wieder proben können. Für mich ist das ein Skandal und ich hoffe, dass da noch nicht das letzte Wort gesprochen ist."

So wie Plotz ging es in den vergangenen Tagen auch vielen Dutzend anderer Dresdner Bands, die ihr Domizil an der Wetterwarte verlieren sollen. "Der aktuelle Zustand Ihres Mietobjektes entspricht nicht mehr den heutigen baulichen Vorschriften", heißt es in den Kündigungsschreiben, und der Umfang der nötigen Baumaßnahmen lasse in dieser Zeit auch keine Nutzung der Räumlichkeiten zu.

Alle Seiten sind gesprächsbereit

Insgesamt seien 70 Mietparteien und wegen Mehrfachbelegungen bis zu 150 Bands von der Kündigung betroffen, teilt die DD-Immobiliengesellschaft 1 mbH als Verwalter und Eigentümer des Hauses auf SZ-Anfrage mit. Man bedauere die Niederlegung der Mietverhältnisse und zeige sich gesprächsbereit, geeignete Ausweichmöglichkeiten für Proberäume zu finden.

Auch die Stadt stellt Hilfe in Aussicht. Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) sei bereits am Wochenende durch Vertreter der betroffenen Bands auf das Problem aufmerksam gemacht worden, heißt es. Ein Austausch über Lösungsmöglichkeiten sei bereits für die kommenden Tage geplant. Außerdem werde Klepsch Kontakt mit der Dresdner Bauhaus AG als Dachgesellschaft aufnehmen. Ergebnis offen.

Daniel und seine Bandkollegen glauben nicht, dass sich die Sanierung aufhalten lasse. Womöglich könne ja aber zumindest eine Verschiebung der Arbeiten um ein oder zwei Jahre erreicht werden. "Vielleicht kann bis dahin mit Hilfe der Stadt ein anderes Gebäude gefunden und hergerichtet werden."

Während für Daniel "nur" die kulturelle Existenz auf dem Spiel stehe, da er hauptberuflich für einen Automobilzulieferer arbeite, gehe es für andere um die wirtschaftliche Existenz. Nicht wenige der betroffenen Musiker verdienten ihren Lebensunterhalt mit ihrem Studio oder Unterricht.

"Perspektive ist super schlecht"

Alexander Materni und Ricardo Röpke betreiben in dem Gebäude ihr Studio "Muggebude Tonaufnahmen", das auch viele andere Bands nutzen. "Die Perspektiven sind jetzt super schlecht", sagt Alexander. Erst vergangenes Jahr im Frühjahr seien auf der Meschwitzstraße im Industriegebiet zahlreiche Proberäume und Studios gekündigt worden. "Ich bin hauptberuflicher Musiker und Rapper und brauche mein Studio, um kreativ sein zu können und das auch gleich festzuhalten. Die Räume für Kreativschaffende in Dresden werden aber immer kleiner", beklagt der 33-Jährige.

Gerade jetzt, mitten in der Corona-Krise bräuchten die Leute diese Räume. "Dass sie kreativ sein können und Musik machen, hält die Leute doch gesund. Und genau zu diesem Zeitpunkt wird ihnen das weggenommen. Ich halte das für einen großen Fehler, gerade für die Psyche einer Szene."

Bis jetzt waren Dresdens Musiker vor allem stolz auf ihre Vielfalt und Unabhängigkeit. Nun wollen sie auch beweisen, dass sie sich gemeinsam organisieren können, um mit einer starken Stimme zu sprechen.

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Für Daniel Wedekind gebe es jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder man baue zusammen etwas im großen Stil auf oder jeder versuche selbst, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Wenn beides nicht funktioniere, werde Dresden bald noch leiser werden, als es in diesen Wochen sowieso schon ist. Und zwar dauerhaft.

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