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Mama auf Zeit hat keinen Feierabend

Wenn Kinder in Dresden nicht bei ihrer Eltern bleiben können oder dürfen, dann füllen oft andere Familien diese Lücke. Ein 24-Stunden-Job.

Mehr als 70 Kinder hat Pflegemutter Alex schon auf dem Weg ins Leben begleitet.
Mehr als 70 Kinder hat Pflegemutter Alex schon auf dem Weg ins Leben begleitet. © Christian Juppe

Dresden. Sie ist nicht gekommen. Mal wieder. Um diese Zeit dürfte die Mama ihr Baby eigentlich besuchen, es auf den Arm nehmen, es füttern, mit ihm spielen, ihm zeigen, dass es ihr wichtig ist. Trotz allem. 

Doch die Frau, die das vier Monate alte blonde Mädchen liebevoll in ihren Armen wiegt, ist nicht seine Mama. Es ist Diana, eine von derzeit zwölf Pflegemüttern aus der so genannten familiären Bereitschaftsbetreuung in Dresden. Anders als andere Pflegeeltern nehmen diese Familien Babys und kleine Kinder nur für eine begrenzte Zeit in ihrem Zuhause auf. Manchmal nur einige Tage, oft einige Monate, selten länger als ein Jahr. 

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Das Jugendamt hat entschieden, dass das kleine blonde Mädchen in Dianas Armen gerade nicht bei seinen Eltern leben darf. Das passiert dann, wenn das Kindeswohl offensichtlich gefährdet ist oder die Eltern mit der Betreuung ihrer Kinder überfordert sind. 

"Das ist mehr Berufung als Beruf"

Zwölf dieser Bereitschaftsbetreuer engagieren sich zurzeit in Dresden. Bedarf gebe es für deutlich mehr, wie Kathrin Jork-Schulze, eine von zwei Projektverantwortlichen, sagt. Idealerweise sollten sie auf das gesamte Stadtgebiet verteilt sein, damit Kinder so selten wie möglich den Kindergarten wechseln müssten.

Tante Diana, wie sie sich selbst nennt, ist seit fünf Jahren dabei. Ihr Nachname darf nicht genannt werden. Anonymität ist wichtig, da die leiblichen Eltern sehr unterschiedlich mit dem mindestens zeitweiligen Verlust ihrer Kinder umgehen. 

Anfangs sei es der Wunsch ihres Mannes gewesen, sagt Diana. Längst ist die 51-jährige Mutter zweier Söhne im Alter von 32 und zwölf Jahren aber selbst mit ganzem Herzen bei der Sache. "Ich will dazu beitragen, Kindern, die es sonst sehr schwer hätten, einen guten Start ins Leben zu ermöglichen", sagt sie. "Das ist mehr Berufung als Beruf."

Erfüllung gefunden: Diana kann sich ein Leben ohne Pflegekinder nicht mehr vorstellen.
Erfüllung gefunden: Diana kann sich ein Leben ohne Pflegekinder nicht mehr vorstellen. © Christian Juppe

Tatsächlich taugt diese Aufgabe nicht gerade für eine attraktive Stellenausschreibung: Arbeitszeit ist 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche. Dafür gibt es 816 Euro Erziehungsgeld und dazu 568 Euro für materielle Aufwendungen. 

Voraussetzungen aus Sicht des Jugendamtes sind ein intaktes Familienleben und ein einwandfreies Führungszeugnis. Beides konnte auch Alex bieten. Die 40-Jährige arbeitete früher als Zahnarzthelferin. "Ich hatte schon lange den Wunsch, Teil der familiären Bereitschaftsbetreuung zu sein." Eine Freundin sei schon länger dabei gewesen und sie selbst habe anfangs nur gewartet, bis ihr eigener jüngster Sohn vier Jahre alt war. 

Dann ließ sich Alex schulen und prüfen - und nahm 2013 schließlich ihr erstes fremdes Kind mit nach Hause. Ein Neugeborenes, dessen Mutter drogenabhängig war. "Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern", sagt sie. Nach nur drei Wochen stand damals allerdings ihr lange geplanter Jahresurlaub an. Das Baby ging in eine andere Familie - und kam nicht zu Alex zurück.  

70 Kinder aufgenommen - und wieder gehen lassen

"Das war damals ganz schlimm für mich", sagt sie. Es habe lange gedauert, bis sie gut damit umgehen konnte, ein Kind, das sie eben noch wie ihr eigenes umsorgte, wieder in andere Hände zu geben. Weh tue es ihr bis heute - aber das müsse auch so sein. Manche Kinder dürfen oder müssen zurück zur Mama, andere finden eine feste Pflegefamilie, werden adoptiert oder kommen ins Heim. 

Nicht immer sind die betreuenden Familien mit der Entscheidung des Jugendamtes einverstanden, doch sie müssen sie akzeptieren. Wie stark ihr Trennungsschmerz ist, hängt vor allem von der Perspektive ab, die sie für ihre Schützlinge sehen. Nicht wenige Kinder kommen nach einem gescheiterten Versuch bei der leiblichen Mutter wieder zurück zu den Pflegeeltern. Allerdings ist die Bereitschaftsbetreuung nur bis zum Alter von sechs Jahren eine Option.

Alex und ihre Familie stellen gleich zwei Plätze für die Betreuung zur Verfügung. 70 Kinder hat sie in den vergangenen sieben Jahren bei sich aufgenommen und wieder loslassen müssen. Zuletzt hatte sie ein Zwillingspärchen bei sich, nun ist es gerade ein kleiner Junge mit rehbraunen Augen und außergewöhnlich ruhigem Gemüt.

Es gebe einen Satz, den sie mehr hasse als alles andere: "Also ich könnte das ja nicht, die Kinder dann einfach so wieder abzugeben." Da schwinge immer dieser Vorwurf mit, dass man es sich leicht machen würde. "Wieso sollte man nicht lieber darüber glücklich sein, einem kleinen Gast ein Stück auf seinem Weg begleitet zu haben?", fragt sie. 

Kathrin Jork-Schulze betreut für das Jugendamt die familiäre Bereitschaftsbetreuung.
Kathrin Jork-Schulze betreut für das Jugendamt die familiäre Bereitschaftsbetreuung. © Christian Juppe

Zweimal in der Woche dürfen die leiblichen Eltern ihre Kinder für jeweils eine Stunde auf dem Gelände des Kinder- und Jugendnotdienstes in Reick sehen, um die Bindung nicht abreißen zu lassen. Viele nutzen diese Möglichkeit und treffen dabei auch auf die Pflegemütter wie Alex und Diana. "Sie dürfen uns dann gern darüber ausfragen, wie sich die Kleinen entwickeln", sagt Alex. "Es ist aber genauso in Ordnung, wenn sie sich lieber mit ihrem Kind zurückziehen." Sie wolle die Eltern nicht verurteilen, sondern sie in dieser Situation so annehmen, wie sie sind.

Die Einstellung der Eltern zu den Pflegemamas ändert sich manchmal schnell. "Eine Mutter hat mir mal gesagt, dass sie mich anfangs gehasst habe, weil ich ihr im Krankenhaus ihr Kind weggenommen hätte", sagt Diana. Später habe ihr dieselbe Mutter dafür gedankt, dass sie ihr in einer schweren Lage so geholfen habe.

Ein Fotobuch für jeden Abschied

Diana und Alex - zwei Frauen, die fast jede Nacht aufstehen, um kleine Kinder zu versorgen. Immer wieder aufs Neue. Zwei Frauen, die keine langfristigen Pläne schmieden können, weil sie auch am Sonntagmorgen um 6 Uhr für einen Notfall bereit sein müssen. Es mag schrecklich pathetisch klingen, ist aber deshalb nicht weniger wahr: Mit einem einzigen Lächeln geben die Kleinen ihnen dafür viel zurück.

"Natürlich ist jedes Baby anders, aber Schreikinder habe ich nur sehr selten", sagt Alex. "Es ist nicht so, dass ich jeden Tag auf dem Zahnfleisch kriechen würde, aber wenn ich nicht verheiratet wäre, dann könnte ich den Job nicht machen." Nicht zuletzt finanziell gesehen. Auch das gehöre zur Wahrheit dazu.

Fast immer, wenn Alex ein Kind abgeben muss, gestaltet sie ein Fotobuch zum Abschied. "Das ist für mich auch eine Form, diese Zeit zu verarbeiten und damit abzuschließen", sagt sie. "Die Kinder sollen später einmal wissen, dass sie hier an einem Ort waren, an dem sie geliebt wurden und willkommen waren."

Das Jugendamt veranstaltet für Interessierte regelmäßig Informationsabende beim Kinder- und Jugendnotdienst, Rudolf-Bergander-Ring 43. Nächster Termin ist der 12.Oktober, 19 bis 21 Uhr.

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