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Die Probleme mit dem Dresdner "Assi-Eck"

An der Kreuzung in der Dresdner Neustadt treffen sich immer wieder Feierwütige. Das sorgt für Ärger, Lärm, Stillstand und Straftaten. Wie es weitergehen soll.

Die Situation am sogenannten "Assi-Eck" in der Dresdner Neustadt habe sich in diesem Jahr trotz der Corona-Einschränkungen verschärft, sagen die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB).
Die Situation am sogenannten "Assi-Eck" in der Dresdner Neustadt habe sich in diesem Jahr trotz der Corona-Einschränkungen verschärft, sagen die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB). © Archiv: Benno Löffler

Dresden. Die Kreuzung Louisenstraße/Rothenburger Straße/Görlitzer Straße wird von vielen auch als "Assi-Eck" bezeichnet. Wegen der nächtlichen Menschenaufläufe kommt es dort vor allem am Wochenende immer wieder zu Problemen.

Die Stadt sucht weiterhin Wege, die Ecke zu entschärfen. Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel (CDU) hatte ein Alkoholverbot vorgeschlagen. Dagegen gibt es Protest. 

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Die wichtigsten Fragen und Antworten zum "Assi-Eck". 

Wie ist die Situation am Eck?

"Die Situation hat sich in diesem Jahr trotz der Corona-Einschränkungen verschärft", sagt Anja Ehrhardt, Sprecherin der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB). "Wir mussten die Straßenbahnlinie 13 in diesem Jahr bisher insgesamt mehr als 90 Stunden auf 17 Nächte verteilt umleiten, entweder auf Anordnung der Landespolizei oder aus eigenem Antrieb."

Im Jahr davor waren es noch knapp zwölf Stunden in acht Nächten, in denen die Bahnen umgeleitet werden mussten. 2018 waren es knapp 38 Stunden in 15 Nächten und 2015 war die Kreuzung nur für zwei Stunden in einer Nacht blockiert.

Die Polizei führt keine gesonderte Statistik für die Kreuzung. Sie gehört aber zu den Schwerpunkten bei den Einsätzen in der Äußeren Neustadt und die ist für die Polizei ein Dauerbrenner. Zwischen dem 10. Juli und dem 1. November führten die Beamten 39 Polizeieinsätze im Ausgehviertel durch. Es wurden 194 Strafanzeigen aufgenommen und 171 Tatverdächtige gestellt.

Die Besondere Einsatzgruppe des Ordnungsamtes war zwischen dem 17. Juli und dem 24. Oktober teilweise mehrfach täglich auch an der Kreuzung auf Streife, hat dies per Video dokumentiert, wie das Ordnungsamt auf SZ-Anfrage mitteilt. "Festzustellen ist dabei, dass sich vor allem bei schönem Wetter zahlreiche Personen - teilweise bis zu 500 und mehr - im Kreuzungsbereich sammeln und dabei den Straßenbahnverkehr behindern und zum Erliegen bringen." Viele seien mit Musikboxen ausgestattet und beschallten den Bereich. "Im Umfeld, wie auf der Seifhennersdorfer Straße, wurden mehrfach Personen beim Verrichten der Notdurft festgestellt und verwarnt", teilt das Ordnungsamt außerdem mit.

Was sagen die DVB?

"Wir bewerten diese Entwicklung durchaus als schwierig, weil die Verkehrsstörer ja nicht nur ihre eigene Sicherheit gefährden", sagt DVB-Sprecherin Ehrhardt. "Ist die Strecke nicht gesperrt, muss unser Fahrpersonal auf eigenes Risiko einschätzen, ob sie befahrbar ist oder nicht. Vor allem leiden die Fahrgäste, die nachts nicht mehr mit der Linie 13 durch die Neustadt kommen."

Dadurch wird nicht nur die Äußere Neustadt, sondern auch das Hechtviertel vom Straßenbahnverkehr abgekoppelt. Das wollen die DVB ändern, indem an der Schauburg eine Kurve eingebaut wird, um dort entlangfahren zu können.

Die DVB unterstützen ein Alkoholverbot. "Es könnte aus unserer Sicht eine Lösung an der markanten Kreuzung sein", sagt Ehrhardt. Ob dies das Allheilmittel sei, bleibe abzuwarten.

Was sagt die Polizei?

Polizeisprecher Marko Laske verweist auf die Einsatzzahlen. Die Kreuzung sei vor allem für die Beamten ein Schwerpunkt, wenn es wärmer ist. "Aktuell kommen weniger Leute, weil es offenbar zu kalt ist." 

Die Beamten haben eine leichte Verdrängung wahrgenommen. Nach den Massenaufläufen und den verstärkten Einsätzen und Kontrollen sei ein Teil der Leute vom "Assi-Eck" zum Alaunplatz und Martin-Luther-Platz ausgewichen.   

Was erleben die Sozialarbeiter?

Seit über einem Jahr sind die Sozialarbeiter von "Safe DD" in der Neustadt und Altstadt unterwegs. Unter anderem auch am sogenannten "Assi-Eck." "Unser Hauptthema bei der Straßensozialarbeit ist das Thema Konsum", sagt Sozialarbeiterin Heidi Hemmann. Gemeinsam mit ihren Kollegen Alexandru Palcu und Arian Speer ist sie auf den Straßen unterwegs und kümmert sich um Erwachsene, die mit Problemen wie Süchten, Schulden, Streit in der Partnerschaft oder Arbeitslosigkeit kämpfen. An vier Tagen pro Woche laufen die Sozialarbeiter durch die Straßen in der Neustadt und Altstadt und sprechen Menschen an, ob sie Hilfe oder einfach nur mal ein offenes Ohr brauchen.

Das passiert auch immer wieder an der Ecke Louisenstraße/Görlitzer Straße. "Hier fehlt einfach der Austausch zwischen den Menschen und den Behörden, was die Menschen brauchen", sagt Hemmann. "Die Gründe , warum sich die Menschen versammeln sind sehr verschieden, die einen wollen feiern und lachen, die anderen suchen einfach Gesellschaft, weil sie sonst einsam sind", sagt sie.  Das von Sittel vorgeschlagene Alkoholverbot sehe sie als nicht zielführend an. "Das würde die Menschen nur verdrängen an einen anderen Ort", so Hemmann. Außerdem würden viele der gerade jungen Menschen dort gar keinen Alkohol trinken, sondern eher Limo oder Club Mate.

Streetworker am "Assi-Eck" in der Neustadt: Heidi Hemmann, Arian Speer und Alexandru Palcu mit ihren Dienstfahrrädern.
Streetworker am "Assi-Eck" in der Neustadt: Heidi Hemmann, Arian Speer und Alexandru Palcu mit ihren Dienstfahrrädern. © Marion Doering

Was plant die Stadt?

Gegenwärtig werde an verschiedenen Konzepten gearbeitet, teilt Bürgermeister Sittel auf SZ-Anfrage mit. Dabei sei man auch im Austausch mit anderen Kommunen, die ähnliche Probleme haben. Polizei und Gemeindlicher Vollzugsdienst stimmen die möglichen Vorgehensweisen auch unter Corona-Bedingungen für das kommende Frühjahr ab.

Zum geplanten Alkoholverbot laufen demnach noch Abstimmungen und Variantendiskussionen. Das werde noch dauern. "Ein Alkoholkonsumverbot und ein Alkoholabgabeverbot werden dabei auch im Hinblick auf die Machbarkeit und Wirksamkeit mit untersucht und erwogen", so Sittel.

Vielmehr gehe es aber darum, Maßnahmen zu entwickeln, die aus dem Stadtteil vorgeschlagen werden. Das solle noch 2020 erfolgen. Seit der Einwohnerversammlung im Oktober gibt es Arbeitsgruppen dazu - jeweils eine für Prävention, Gewerbe, Ordnung und Sauberkeit.

Aus Sicht der Stadt sei die Situation nur zu bewältigen, wenn Verwaltung und Polizei gemeinsam mit den Akteuren aus dem Stadtteil nach Lösungen suchen. So soll für einen  angemessenen und rücksichtsvolle Umgang sensibilisiert werden. Aber Sittel denkt unter anderem auch über ein Konfliktmanagement nach - ein Moderationsteam, das  potentielle Störer direkt anspricht, genauso wie verstärkte Kontrollen und eben die Prüfung einer Alkoholkonsumverbotszone.

Was schlagen Politiker vor?

Die SPD hat in einer Sitzung des Stadtbezirksbeirats Neustadt einen Antrag eingebracht, der die Situation am "Assi-Eck" entschärfen und den Bereich beruhigen soll. Der Antrag enthält einen Forderungskatalog mit konkreten Maßnahmen, die zur Beseitigung des übermäßigen Lärms und Kleinmülls beitragen sollen, der die Anwohner und Gastronomen mit einbeziehen soll. Mit den Maßnahmen solle letztlich auch ein Alkoholverbot verhindert werden.

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"Unser Ziel ist eine Ecke als sozialer Treffpunkt zum Quatschen und Biertrinken, an der die Straßenbahn durchfahren kann und die Anwohner*innen nicht bis weit nach Mitternacht mit Musik gestört werden", sagt auch Stadtrat Vincent Drews. Grünen-Stadträtin Tina Siebeneicher führte zum Thema eine Bürgersprechstunde durch. Im Ergebnis daraus fordert sie, dass das Dresdner Ordnungsamt und die Polizei "ihrer Pflicht nachkommen sollen, gegen grobe Verstöße wie die nächtliche Beschallung mit Bluetooth-Boxen oder durch Musikanlagen aus Gaststätten sowie Vandalismus konsequent vorzugehen". Außerdem sollen "nicht kommerzielle Räume ohne Konsumzwang" in der Neustadt geschaffen werden.

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