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"Bei uns sind Pflegekräfte sehr angesehen"

Ann Chinwendu Edokam kam vor zwei Jahren aus Nigeria nach Dresden. Nun will sie Pflegefachfrau werden und staunt über den Stellenwert ihrer Kollegen.

Gern begleitet Ann Chinwendu Edokam die Heimbewohner auf den kleinen Weihnachtsmarkt auf dem Hinterhof.
Gern begleitet Ann Chinwendu Edokam die Heimbewohner auf den kleinen Weihnachtsmarkt auf dem Hinterhof. © Christian Juppe

Dresden. Wenigstens im Seniorenheim gibt es einen Weihnachtsmarkt. Eigentlich sollten die Buden mit Bratwurst und Glühwein auf dem Innenhof des ASB-Heims "Am Gorbitzer Hang" auch Besucher und Nachbarn anlocken. Wegen der Corona-Auflagen blieb der Bummel am vergangenen Wochenende aber den Bewohnern vorbehalten.

Einige von ihnen begleitete Ann Chinwendu Edokam nach draußen. Im September begann die Nigerianerin ihre dreijährige Ausbildung zur Pflegefachfrau. Bevor sie in dieser Woche wieder in Pirna die Schulbank drückt, sammelte sie zuletzt wertvolle Praxis-Erfahrungen im ASB-Heim.

Das Blutdruckmessen gehört inzwischen zu den Aufgaben von Ann Chinwendu Edokam.
Das Blutdruckmessen gehört inzwischen zu den Aufgaben von Ann Chinwendu Edokam. © ASB Dresden & Kamenz gGmbH

Eigentlich hatte sie ja andere Pläne. Sie wollte in ein englischsprachiges Land, in die USA oder nach Großbritannien. Letztlich überzeugte sie jedoch einer ihrer Brüder davon, mit zu ihm nach Dresden zu kommen. Ihre anderen vier Geschwister leben in Nigeria, genauso wie ihre Eltern, die seit zwei Jahren nur übers Telefon an ihrem Leben teilhaben können. Ann Chinwendu ist das jüngste Mitglied der Familie.

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Auch ein anderer Plan ging nicht auf. "Ich wollte hier studieren, meinen Master machen", sagt sie in nahezu perfektem Deutsch. "Das hat nicht so geklappt." In ihrer Heimat hat sie bereits Labortechnik studiert, doch ihr Abschluss sei in Deutschland nicht anerkannt worden. "Das war für mich eine große Enttäuschung, aber aufgeben wollte ich nicht."

Noch einmal von Anfang an studieren kam nicht infrage, zumal sie ja zunächst parallel Deutsch lernen wollte. Deshalb habe sie sich für einen Arbeitsbereich entschieden, der zurzeit gefragter denn je ist. "Da kann ich Menschen helfen." Neben ihren Studium in Nigeria habe sie sich bereits ehrenamtlich als Pflegebegleiterin für Behinderte engagiert.

"Ich finde es traurig"

"In Deutschland braucht es neue Mitarbeiter in der Pflege und das ist für mich eine gute Chance." Schnell sei ihr allerdings aufgefallen, dass es einen großen Unterschied zwischen dem gesellschaftlichen Stellenwert des Pflegeberufs in ihrer Heimat und hier gebe. "Ich finde es traurig, dass der Beruf in Deutschland so vernachlässigt wird", sagt sie. In Nigeria seien Mitarbeiter in der Pflege sehr angesehen und der Job werde auch vergleichsweise gut bezahlt. "Ich hoffe, dass auch hier in Deutschland bald mehr Menschen den Beruf anerkennen und in dem Bereich arbeiten wollen."

Insgesamt acht Auszubildende haben dieses Jahr bei der ASB Dresden & Kamenz gGmbH begonnen. Sieben arbeiten im stationären Bereich in den Heimen in Dresden, Bernsdorf und Königsbrück, einer im ambulanten Pflegezentrum in Kamenz, wie Sprecherin Klaudia Deuchert sagt.

Vor ihrem ersten Tag im Gorbitzer Seniorenheim sei sie mächtig aufgeregt gewesen, erzählt Ann Chinwendu Edokam. Als sie die positiven Reaktionen der Kollegen und Bewohner erfahren durfte, sei die Aufregung aber schnell verfolgen. "Ich wurde von Anfang an gut aufgenommen und konnte mich auch gleich nützlich machen", sagt sie. Unter anderem half sie beim Waschen der Bewohner und kümmerte sich um die Essenausgabe. Zuletzt durfte sie sogar schon unter Anleitung Blutdruck messen.

Meist hatte sie bis jetzt Frühschicht. Sie glaubt aber, dass sie künftig in der Spätschicht mehr Gelegenheit bekommen wird, mit den Bewohnern ins Gespräch zu kommen. Natürlich würden sie viele als erstes nach ihrer Herkunft fragen und das sei auch völlig in Ordnung.

Gedichte nach Feierabend

Nach dem Feierabend seien ihre Möglichkeiten gerade durch die Corona-Krise ziemlich eingeschränkt. Normalerweise würde sie Freunde treffen, die sie schon kennengelernt hat, und feiern gehen. So aber sei sie häufig daheim, wo sie die Zeit gern zum Schreiben von Geschichten und Gedichten nutze.

Wohin ihr beruflicher Weg sie einmal führen wird, das weiß Ann Chinwendu Edokam noch nicht. "Ich würde gern einmal in einem Krankenhaus arbeiten und mich um Kinder kümmern", sagt sie. Ob das in Deutschland sein wird? Auch das kann und will sie jetzt noch nicht entscheiden. "Ich bin noch jung und will das auf mich zukommen lassen." Für den Moment aber fühle sie sich genau am richtigen Ort.

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