merken
PLUS Dresden

Notfallseelsorger: Viel Arbeit, wenig Anerkennung

Sie sind zur Stelle, wenn Menschen einen plötzlichen Tod verkraften müssen. Weil es dem Ehrenamt an Respekt fehlt, ist es doppelt schwer. Ein Dresdner berichtet.

Tom Gehre ist mit Herzblut Notfallseelsorger. Der Intensivpfleger widmet seine Freizeit Menschen in emotionaler Not. Dafür fordert er Gleichstellung.
Tom Gehre ist mit Herzblut Notfallseelsorger. Der Intensivpfleger widmet seine Freizeit Menschen in emotionaler Not. Dafür fordert er Gleichstellung. © Sven Ellger

Dresden. Wie aus dem Nichts tauchte es auf, dieses Auto auf der Reicker Straße. Der Fahrer war an einer Kolonne vorbeigezogen, viel zu schnell. Das bezahlte eine 55-jährige Dresdnerin mit ihrem Leben.

Einem so plötzlichen, tragischen Tod sind häufig mehr Menschen als das Opfer ausgesetzt: Familie, Freunde, Augenzeugen eines schrecklichen Geschehens. In diesem Fall der Ehemann, der das Unfassbare mit ansehen musste, und die Verkehrsteilnehmer ringsum.

August Holder GmbH
Zuverlässigkeit und Erfahrung
Zuverlässigkeit und Erfahrung

Kettensäge kaputt oder Profi-Gerät für´s Wochenende gesucht? Bei HOLDER kein Problem: Onlineshop, Werkstatt und Leihservice sorgen für funktionierendes und passendes Gerät.

Rettungssanitäter und Notärzte eilen zu tödlich Verletzten, Notfallseelsorger kümmern sich um zutiefst Erschütterte. So funktioniert es in der Praxis. Doch selbstverständlich ist es nicht.

Denn während es an der Notwendigkeit, körperliche Verletzungen sofort zu versorgen, keinen Zweifel gibt, hadern entscheidende Stellen mit der Dringlichkeit, seelische Wunden umgehend zu lindern.

Das ist schwer zu begreifen. Auch Tom Gehre versteht es nicht. Seit 14 Jahren arbeitet er als Notfallseelsorger. In dieser Zeit hat er fast 1.000 Einsätze erlebt.

Hinterbliebene im Ausnahmezustand

Er kommt zu Menschen, die plötzlich und unerwartet einen Angehörigen verloren haben – durch Unfall, akute Krankheit, Suizid oder ein Verbrechen.

Ehefrauen und Ehemännern, Eltern, Geschwistern oder Kindern im Ausnahmezustand gibt er Halt, wenn ihre Welt aus den Angeln gehoben ist. Aber auch zu Zeugen eines schrecklichen Vorfalls werden Tom Gehre und seine Kollegen des Krisenintervention und Notfallseelsorge Dresden e. V. gerufen.

Tragischer Tod einer Fahrradfahrerin vor gut einem Jahr auf der Reicker Straße: Der Ehemann und andere Verkehrsteilnehmer erlebten die Katastrophe mit.
Tragischer Tod einer Fahrradfahrerin vor gut einem Jahr auf der Reicker Straße: Der Ehemann und andere Verkehrsteilnehmer erlebten die Katastrophe mit. © Roland Halkasch

"Es ist unsere Aufgabe, die Betroffenen wieder handlungsfähig zu machen, damit sie wichtige erste Schritte nach dem schockierenden Ereignis gehen können", sagt er.

Dazu gehört, weitere Angehörige zu informieren, um sich familiären Beistand zu holen, Fragen von Polizisten oder Ermittlern zu beantworten, sich um ihre Kinder zu kümmern, zu entscheiden, ob sie den Verstorbenen noch einmal sehen möchten.

Nicht allein gelassen und aufgefangen zu sein, das rettet Hinterbliebene über die dunkelsten Stunden eines Verlustes und der emotionalen Zerrüttung.

Als Tom Gehre sich dafür entschied, diese Herausforderung zu suchen, hatte er seine Ausbildung zum Krankenpfleger abgeschlossen und war ein Jahr für Ärzte ohne Grenzen in Uganda gewesen.

Wieder zurück in Deutschland, arbeitete er in einer Drogenentzugsklinik, ließ sich nebenher zum Rettungsassistenten ausbilden, qualifizierte sich zum Intensivpfleger und begann schließlich die Ausbildung zum Kriseninterventionsberater.

Tod eines Kindes und viele Augenzeugen

Seit einigen Jahren arbeitet er in der chirurgischen Notaufnahme des Dresdner Uniklinikums und fährt als Notfallsanitäter Rettungseinsätze. Das ist sein Job. Vollzeit.

Menschen im freien Fall auffangen, das macht der 33-Jährige ehrenamtlich. Zehn bis 15 Dienste als Notfallseelsorger übernimmt er pro Monat in seiner Freizeit. Die dauern von sieben bis sieben am Tag oder in der Nacht. Passieren sogenannte "Massenanfälle von Verletzten" wie es in der Fachsprache heißt, springt er zusätzlich ein.

Das sind Ereignisse wie das schwere Busunglück im Sommer 2014, bei dem auf der Autobahn A4 elf Menschen starben. Rund 70 wurden verletzt, mehr als die Hälfte davon schwer.

Mit dieser verheerenden Bilanz ist die Katastrophe vielen Dresdnern heute noch im Gedächtnis. Schwere Unfälle kommen immer wieder vor. Neben den Verunfallten stürzen zahllose Angehörige in tiefe Krisen.

"Auch als im August ein syrischer Junge auf der Budapester Straße zu Tode gekommen ist, waren wir gefragt", sagt Tom Gehre. Etliche Zeugen hatten den Unfall und seine Folgen miterlebt.

Die diensthabenden Seelsorge-Kollegen mussten Verstärkung anfordern, um der Familie des Sechsjährigen und allen weiteren Betroffenen Unterstützung anbieten zu können.

Für Tom Gehre bedeutet eine solche Situation: Er ist entweder selbst zwölf Stunden verantwortlich, wird von Polizei oder Feuerwehr zum Einsatz gerufen und bittet andere Notfallseelsorger hinzu. Oder er hat gerade am Uniklinikum Schicht und wird außer der Reihe um Hilfe gebeten.

Hunderte Einsätze für Unfall, Verbrechen, Selbstmord

Kann er seinen Arbeitsplatz verlassen, setzt er sich in sein privates Auto, fährt zum Ort des Geschehens und holt später die verlorene Arbeitszeit im Krankenhaus nach.

Auch die anderen 35 ehrenamtlichen Kollegen in Dresden nutzen ihre Privatfahrzeuge und häufen an ihren Arbeitsstellen Fehlstunden an, die ihnen in der Regel keiner erlässt.

Auf der Website des KIT - Krisenintervention und Notfallseelsorge Dresden e.V., dessen Vorsitzender Tom Gehre ist, sind Statistiken zu finden: Im vergangenen Jahr haben die Notfallseelsorger des Vereins exakt 300 Einsätze absolviert, davon 179 im Tagdienst und 121 im Nachtdienst.

Im Schnitt sind sie 28,86 Minuten lang zum Einsatzort gefahren und haben insgesamt knapp 8.500 Kilometer zurückgelegt. Etwa 920 Stunden haben Gehre und sein Team in ihr Ehrenamt investiert.

Tiefe Erschütterung unter den Anwohnern der Budapester Straße: Dort kam im Sommer vergangenen Jahres ein syrischer Junge bei einem Autounfall ums Leben.
Tiefe Erschütterung unter den Anwohnern der Budapester Straße: Dort kam im Sommer vergangenen Jahres ein syrischer Junge bei einem Autounfall ums Leben. © Christian Juppe

"Wir haben kein Dienstfahrzeug, bekommen von der Stadt aber die Kosten fürs Benzin erstattet", sagt der Vereinschef. Sein Verein arbeite sehr gut mit dem Dresdner Brand- und Katastrophenschutzamt zusammen, zu dem auch die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) gehört.

Das ist nicht überall so. "Viele Teams in Sachsen bekommen noch nicht einmal Fahrgeld", weiß er.

Als Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen setzt er sich schon seit Jahren für ein regelmäßiges, verlässliches Budget der sächsischen Notfallseelsorger und die vollständige juristische Gleichstellung der ehrenamtlichen Helfer mit anderen Rettungskräften ein.

Mangelndes Verständnis für die Seelenretter

"Unsere Leute brauchen Einsatzkleidung, wie zum Beispiel Warnwesten, die sie als Notfallseelsorger ausweisen." Vereine benötigen Geld für die Ausbildung künftiger Notfallseelsorger, für Weiterbildungen und Supervisionen. Außerdem Räumlichkeiten für Büroarbeiten und für Gespräche mit Angehörigen oder Zeugen.

Letzteres ist gefragt, wenn - wie bei besagtem Busunglück - Betroffene aus anderen Städten oder gar Ländern anreisen und seelisch versorgt werden müssen. Das geht nicht auf der Straße.

"Ein Drittel unserer Ausgaben deckt das Brand- und Katastrophenschutzamt ab", sagt Tom Gehre. Der große Rest muss über Spenden oder aus privater Tasche finanziert werden. Damit ist er nicht einverstanden.

Genau so wenig wie mit dem Stellenwert seiner Arbeit bei den Verantwortlichen. Zuständig für den Brand- und Katastrophenschutz, zu dem die Notfallseelsorger ungeregelt gehören, ist das sächsische Innenministerium.

Dort treffe er auf wenig Verständnis für das Anliegen des Vereins und des Verbandes. "Uns wurde deutlich gesagt, dass der Bürger keinen gesetzlichen Anspruch auf notfallseelsorgerische Unterstützung hat."

"Hier geht es um Menschlichkeit"

Im Gegensatz zu einem verletzten Körper soll die verletzte Seele nicht erstversorgt werden? Die Entscheider verweisen Gehre zufolge auf Hausärzte und Psychotherapeuten. Dass Termine für Psychotherapien selten unter einer Wartezeit von drei Monaten zu haben sind, ist kein Geheimnis.

Dabei können Betroffene durch fehlende Soforthilfe Traumata entwickeln, die lange Krankheit und Arbeitsunfähigkeit zur Folge haben - Probleme, die die Solidargemeinschaft unnötig belasten.

Aus welchen Töpfen, mit welchen Mitteln und unter welchen Hoheiten auch immer die Notfallseelsorge in Dresden und Sachsen gestützt werden soll, Tom Gehre will nur eins: Dass sich endlich etwas tut. "Es geht hier schließlich um einen Akt der Menschlichkeit."

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

Weiterführende Artikel

"Machen Sie sich bewusst, was noch geht!"

"Machen Sie sich bewusst, was noch geht!"

Notfallseelsorgerin Gerlinde Franke weiß, dass für viele Menschen Corona eine psychische Belastung darstellt. Trotzdem ermutigt sie, die Zeit gut zu überstehen.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden