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Wo Dresdens Obdachlose Hilfe finden

Kirchgemeinden bieten Schlafplätze, anderswo gibt es Essen und warme Kleidung. Wie das genutzt wird und warum ein Dresdner Obdachloser dennoch starb.

Wie wichtig ein warmer Schlafplatz - wie hier bei den Dresdner Nachtcafés - ist, zeigt Dresdens erstes Kälteopfer in diesem Winter.
Wie wichtig ein warmer Schlafplatz - wie hier bei den Dresdner Nachtcafés - ist, zeigt Dresdens erstes Kälteopfer in diesem Winter. © Symbolbild: Sebastian Kahnert/dpa

Dresden. Diese Nachricht schockierte Dresden: Am 4. Februar wurde in einem Abbruchhaus in Pieschen ein lebloser Mann entdeckt - er war in einer der vorhergehenden eisig-kalten Nächte auf seinem trostlosen Schlafplatz erfroren. Unterkühlung und akute Herzinsuffizienz, so die Ermittlungsergebnisse zur Todesursache. Der Mann hatte seit Langem freiwillig auf der Straße gelebt und auf soziale Hilfsangebote verzichtet, berichtet ein Bekannter.

Dabei hätte es in Dresden durchaus ein warmes Bett für ihn gegeben: Von Anfang November bis Ende März öffnen christliche Gemeinden jeden Abend ihre Räume für Menschen ohne feste Bleibe. Die sogenannten Dresdner Nachtcafés gibt es seit 25 Jahren, sie bieten einen Schlafplatz und Verpflegung.

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Wie gefragt sind diese und andere soziale Hilfsangebote in einem Dresdner Winter, der von eisigen Temperaturen und Hygieneregeln geprägt ist? Ein Überblick.

Nachtcafés: Lücke am Mittwoch geschlossen

Auch Gerd Grabowski hat vom traurigen Todesfall des Obdachlosen erfahren. Solche Nachrichten bewegen den Koordinator der Dresdner Nachtcafés - und sind ihm dennoch nicht fremd. So etwas passiere hin und wieder, weil es durchaus Menschen gebe, die sich auch in der größten Not nicht helfen ließen. "Ich habe in den vergangenen Jahren mit vielen Obdachlosen gesprochen, jetzt erst wieder in der Altmarktgalerie", sagt Grabowski. "Einige von ihnen kommen nicht in unsere Nachtcafés, weil sie die soziale Nähe zu anderen Menschen einfach nicht ertragen."

Paart sich diese Sozialphobie mit psychischen Krankheiten wie Depressionen und reichlich Alkohol, kann das in der Katastrophe enden. "Wir können als Kirchgemeinden nichts anderes tun, als unsere Unterkünfte anzubieten", sagt Gerd Grabowski. Nur die Dresdner Heilsarmee fahre auch raus, um vor Ort zu helfen.

Der Koordinator der Dresdner Nachtcafés Gerd Grabowski
Der Koordinator der Dresdner Nachtcafés Gerd Grabowski © Archiv: Sven Ellger

Die Nachtcafés selbst haben in dieser Saison ohnehin die große Herausforderung zu meistern, allen Corona-Anforderungen gerecht zu werden. Abstandregeln reduzieren das Angebot an Schlafplätzen in den einzelnen Unterkünften und nicht überall gibt es die vorgeschriebene Möglichkeit zum Lüften, sodass im November zunächst für den Mittwoch keine Unterbringung in einer Dresdner Kirchgemeinde angeboten werden konnte. Letztlich sprang die Dresdner Heilsarmee ein, die auf ihrem Gelände an der Reicker Straße eine beheizte Zelthalle aufbaute.

Anders, als bei den eisigen Temperaturen bis in den zweistelligen Minusbereich hinein erwartet, nutzen in dieser Saison deutlich weniger Wohnungs- und Obdachlose das Angebot in den Nachtcafés. Warteten sonst im Schnitt 45 Menschen am Abend vor den Türen der Kirchgemeinden, sind es dieses Mal durchschnittlich nur 15 Hilfsbedürftige pro Nacht. "Mal sind es sogar nur zehn, manchmal auch 18", sagt Grabowski.

Über die Gründe, warum es so viele Menschen weniger sind, kann er nur mutmaßen. "Wahrscheinlich haben einige schon von der Corona-Situation in den Unterkünften erfahren und sich anderweitig um einen warmen Platz gekümmert, bei Kumpels zum Beispiel." Wie Andi, der eigentlich jedes Jahr auftaucht, bis jetzt aber noch nicht im Nachtcafé war, so Grabowski.

Trotz aller Platzprobleme konnte bislang aber jedem Bedürftigen eine Übernachtung angeboten werden. Besonders eng ist es derzeit in der Christophorusgemeinde in Laubegast, dort gibt es nur zwölf Schlafplätze. "Es waren schon mehr Menschen da, als Betten zur Verfügung stehen. Das konnten wir aber mithilfe der Polizei lösen, die die Menschen dann in ein städtisches Übergangswohnheim gebracht haben."

Diese Nachtcafés sind in Dresden geöffnet:

  • Montag: Dreikönigskirche (Hintereingang), Hauptstraße 23
  • Dienstag: Christophoruskirche Dresden-Laubegast, Hermann-Seidel-Straße 3
  • Mittwoch: beheizte Zelthalle der Heilsarmee Dresden, Reicker Straße 89
  • Donnerstag: Ev. Gemeindehaus Loschwitz/Nähe Körnerplatz, Grundstraße 36
  • Freitag: Ev. Zionskirche/Nähe Nürnberger Ei, Bayreuther Straße 28
  • Sonnabend: Ev.-Methodistische Immanuelkirche in Dresden-Cotta, Hühndorfer Straße 22
  • Sonntag: Ev. Zionskirche/Nähe Nürnberger Ei, Bayreuther Straße 28

Alle Informationen zu den Nachtcafés und die Möglichkeit, sie mit Spenden zu unterstützen, gibt es unter www.nachtcafe-dresden.de.

Suppenküche: Bedarf ist gestiegen

Großen Zulauf in der Pandemie hat die Dresdner Heilsarmee, erzählt Chefin Rosi Scharf. "In unserer Wärmehalle haben jede Nacht zehn bis 15 Personen geschlafen, und auch zur Lebensmittelausgabe sind rund 80 Personen mehr gekommen, als sonst", sagt sie. Darunter seien viele Kurzarbeiter gewesen, die im Lockdown plötzlich weniger Geld haben. Die Angebote der Heilsarmee reichen von Duschmöglichkeiten über Essensangebote und Kleidungsausgabe bis hin zum Waschen von Kleidung. Die tatsächliche Begegnung ist - aufgrund der Hygieneauflagen - sehr eingeschränkt.

Erstmals in diesem Winter bis Ende März öffnet die Heilsarmee täglich ab 10 Uhr die Wärmehalle in Reick. Neben dem Aufenthalt in der Wärme können obdachlose Menschen dort Frühstück und Mittag essen. Ebenso steht durchgängig heißer Tee bereit.

Darüber hinaus leistet die Heilsarmee Straßensozialarbeit für obdachlose Menschen. Im Winter ist sie mit einer Kältestreife in Dresden unterwegs und bietet Obdachlosen auf der Straße warme Getränke und Suppe sowie Gesprächsmöglichkeiten an. Sie ist im gesamten Stadtgebiet tätig.

Dresdner Tafel: "Gäste kommen wegen der sozialen Kontakte"

Die Tafel Dresden betreibt insgesamt neun Ausgabestellen von Lebensmitteln. Diese versorgen jede Woche rund 5.000 Dresdner. Voraussetzung dafür ist ein Berechtigungsschein, den die Tafel abhängig vom Einkommen und der Größe der Familie ausstellt. "Seit Beginn der Corona-Krise haben wir das Antragsverfahren noch einmal vereinfacht", erklärt Alrik Schumann vom Vorstand der Tafel.

Laut Schumann ist der Zulauf der Tafel sehr konstant. "Wir haben immer eine recht hohe Fluktuation, mal kommen Menschen hinzu, mal gehen welche weg", sagt er. Die Bedingungen, wann jemand Tafelkunde werden kann, sind seit Jahren unverändert. "Wer weniger als 1.200 Euro netto verdient, darf unsere Hilfe in Anspruch nehmen."

Die Tafel hat vor allem Backwaren, Milchprodukte, Obst, Gemüse und Dinge des täglichen Bedarfs im Sortiment. Der Verein ist bei seiner Arbeite auf Spenden angewiesen, so wie zuletzt etwa FFP2-Masken, die von der Eisenbahner-Wohnungsbaugenossenschaft (EWG) übergeben wurden.

Ebenso konstanten Zulauf hat Anne Klawa von der Suppenküche auf der Kamenzer Straße. "Es kommen gerade nicht mehr Bedürftige als sonst. Ich nehme an, es liegt daran, dass unsere Gäste vor allem wegen der sozialen Kontakte kommen, im Kampf gegen die Einsamkeit", so Klawa. Aktuell könne sie nur Essen zum Mitnehmen anbieten. Aber ab 1. März will sie auch wieder Menschen in die Suppenküche hineinlassen.

Wie viele Dresdner haben keine eigene Wohnung?

Zunächst muss zwischen wohnungslos und obdachlos unterschieden werden. Menschen ohne Obdach leben und schlafen auf der Straße und in Abrisshäusern, wohnungslose Menschen in Wohnungen oder Wohnheimen der Stadt. Zum 31. Januar waren 297 wohnungslose Menschen in den Unterbringungseinrichtungen der Stadt untergebracht, teilt das Sozialamt mit. Darunter befinden sich 14 Kinder und 54 Frauen. Die untergebrachten Menschen kommen unter anderem aus Afghanistan, Deutschland, Estland, Indien, Irak, Iran, Italien, Kasachstan, Libyen, Mosambik, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Türkei, Ungarn und Vietnam.

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Die Zahl der Obdachlosen hingegen lässt sich nur schätzen, da sich die Menschen nicht bei den Behörden melden. Freie Träger rechnen damit, dass in Dresden derzeit 700 bis 900 Menschen auf der Straße leben.

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