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Die Pflegefamilie: Leilas letzte Chance

Ute Blasco und ihre große Tochter haben in Dresden ein Pflegekind aufgenommen. Es hat Schlimmes erlebt und hofft darauf, endlich zu wissen, wohin es gehört.

Ute Blasco zeigt ihrer Pflegetochter Leila jeden Tag, was Familienleben heißt. Bei ihr kann die Achtjährige wieder Kind sein, mit Kuscheltieren, Sandmännchen und einem Weihnachtsbaum.
Ute Blasco zeigt ihrer Pflegetochter Leila jeden Tag, was Familienleben heißt. Bei ihr kann die Achtjährige wieder Kind sein, mit Kuscheltieren, Sandmännchen und einem Weihnachtsbaum. © Sven Ellger

Dresden. Den Moment, als ihre Tochter zum ersten Mal vor ihr stand, hat Ute Blasco noch deutlich vor Augen. Leila musterte sie von oben bis unten und sagte: "Du bist cool. Bei dir bleibe ich."

Dann stürmte sie an ihrer künftigen Pflegemutter vorbei ins Haus. Seit anderthalb Jahren ist es nun ihr Heim, ihr Halt, ihre Hoffnung. Zu diesem neuen Zuhause gehören Ute, die sie immer häufiger Mama nennt, und deren leibliche Tochter.

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Sie haben gemeinsam beschlossen, Leila "ein ganz normales Familienleben" zu geben und ihr zu zeigen, wie Alltag funktioniert - mit Regeln und Riten, Vertrauen und Verlässlichkeit, schönen und unbequemen Aufgaben und mit ganz viel Liebe.

All das kannte die Achtjährige nicht, bis sie von dieser Pflegefamilie aufgenommen wurde. Das geschah recht hopplahopp, fünf Tage vor ihrer Einschulung.

Wieder einmal hatte Leila, die eigentlich einen anderen Namen trägt und hier zum Schutz so genannt wird, zu ihrer Mutter zurückgedurft. Und wieder einmal gab es Gründe, sie von dort erneut in Obhut zu nehmen. "Wenn ich richtig gezählt habe, sind wir die siebente Pflegefamilie, in der Leila lebt", sagt Ute Blasco.

Bei ihr soll das Mädchen bleiben. Dieses Versprechen hat die 52-Jährige Leila gegeben - und sich selbst damit eine Aufgabe für die nächsten zehn Jahre. Endlich soll das Kind wissen, wohin es gehört und wer für es da ist, unerschütterlich und bedingungslos.

Wahrscheinlich ist das die letzte Chance für Leila, Grundvertrauen zu fassen.

Schritt für Schritt, Jahr um Jahr.

Ungewaschen und ohne Pausenbrot

Ute Blasco ist Grundschullehrerin. Seit Jahrzehnten arbeitet sie für Kinder. "Ich kenne aus der Schule Schicksale solcher Mädchen und Jungen, die ungewaschen und ohne Pausenbrot in die Klasse kommen", sagt sie.

Jedes Mal, wenn diese Schüler aus dem Grundschulalter herauswachsen und die Schule verlassen, sorgt sich Ute um sie. Wie wird es ihnen ergehen? Wird künftig ein anderer Lehrer ein wenig die Hand über diese jungen Menschen halten?

Als Ute Blascos ältester Sohn ausgezogen und mehr Platz im Haus geworden war, fassten sie und ihre jetzt 17-jährige Tochter den Entschluss: Wir werden Pflegefamilie.

In der Zeitung hatten sie die Ankündigung eines Informationsabends gefunden. Das Jugendamt Dresden suchte dringend Pflegefamilien für Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können.

Dort stellten sich auch unterschiedliche soziale Träger vor. Darunter die Outlaw Kinder- und Jugendhilfe, zuständig für sogenannte Erziehungsstellen. Die sind gefragt, wenn ein Kind neben der Versorgung im familiären Umfeld zusätzlich pädagogisch betreut werden muss.

Dafür braucht es Pflegeeltern vom Fach. "Voraussetzung ist, dass wenigstens ein Elternteil eine pädagogische Ausbildung, etwa als Lehrer oder Erzieher hat", sagt Simone Noack.

Sie schult, berät und begleitet Pflegefamilien, die diesen besonderen Status und damit eine erweiterte Aufgabe zu erfüllen haben. Seit Beginn steht sie auch Ute Blasco und ihrer großen Tochter zur Seite, ist jederzeit Ansprechpartnerin und kommt regulär einmal im Monat für Erfahrungsaustausch zu ihnen nach Hause.

Insgesamt 15 Erziehungsstellen, also Pflegefamilien mit besonderem Betreuungsauftrag, koordiniert die Outlaw gGmbH in ganz Sachsen.

Ein Pflegekind: Kein Ersatz für das eigene Wunschkind

Doch viel mehr Kinder brauchen ein neues Zuhause. "Allein im Januar haben wir Anfragen für sechs Mädchen und Jungen bekommen, für die sächsische Jugendämter solch eine Erziehungsstelle suchen", sagt Simone Noack. Deshalb wirbt der Träger um geschulte Pädagogen, die ein Kind bei sich aufnehmen.

Ob sie als Paar lebend, gleichgeschlechtlich, verheiratet oder alleinerziehend sind, spielt keine Rolle. "Jede Familienkonstellation, die es im Leben gibt, kann einem Kind Geborgenheit geben."

Wichtig sei, dass die Eltern fest im Leben stehen, keine eigene schwere Zerrüttung und ein gutes Netzwerk mit Familie und Freunden haben, so Simone Noack. Auch Berufstätigkeit ist kein Problem, solange das Pflegekind genug Zuwendung bekommen kann. Für den Aufwand der Betreuung gibt es feste Pflegesätze.

"Paare müssen aber wissen: Ein Pflegekind ist kein Ersatz für ein sehnlichst gewünschtes eigenes Kind." Wer unfreiwillig kinderlos ist, sollte die Lücke im Leben nicht auf diese Weise füllen wollen. Das kann leicht zu Enttäuschungen und Brüchen führen.

Denn ein Pflegekind kommt mit einem Rucksack voller Probleme aus seinem bisherigen Leben in die neue Familie. Es hat Schlimmes erlebt.

Diese Prägungen bringt es mit und packt sie unbewusst Stück für Stück aus - eine große Herausforderung, auch für erfahrene Pädagogen.

"Wenn es klingelt, denkt sie, jemand holt sie ab"

Als Leila in Windeseile ihr Kinderzimmer, das ganze Haus, den Garten samt Baumhaus und Badebecken für sich entdeckt hatte, begann für Ute Blasco eine schöne, harmonische Zeit mit ihr.

Sie klärte die Einschulung ihrer Pflegetochter in der nahegelegenen Grundschule, kaufte mit ihr Schulranzen, Federmappe, Sporttasche und festliche Kleidung für die Feier, füllte eine große Zuckertüte.

"Nach einigen Wochen merkte Leila, dass wir nun ihr Alltag sind." Das schien sie zu verwirren, sagt Ute.

Es war, als sei in dem Mädchen eine innere Uhr abgelaufen und sie warte förmlich darauf, dass sie weiterziehen muss - zurück zu ihrer leiblichen Mutter, in den Kinder- und Jugendnotdienst oder zu einer anderen Pflegefamilie. Zu oft hatte sie das schon erlebt.

"Wenn es an der Tür klingelte, dachte sie immer, es hole sie jemand ab", erzählt Ute. Mit viel Geduld habe sie ihr beibringen müssen: Grundsätzlich klingelt es nur für Mama.

Noch viel mehr Überzeugungsarbeit brauche es bis heute, Leila klarzumachen: Du bleibst bei mir, egal was passiert und was du anstellst, selbst wenn du wegläufst, kommst du wieder hierher zurück.

Denn obwohl sich Leila zutiefst nach einer stabilen Familie sehnt, lehnt sie sich dagegen auf. "Diese Kinder können nicht wirklich glauben, dass sie endlich angekommen sind und testen, ob es stimmt, was die Erwachsenen sagen: dass das nun ihre feste Familie ist", weiß Fachberaterin Simone Noack. So ringen sie um Aufmerksamkeit in jeder Form.

"Zu keinem Zeitpunkt gezweifelt"

"Anfangs hat mir Leila fast stündlich ein Bild gemalt und alles geschenkt, was sie in der Schule gebastelt hat", erzählt Ute. Zugleich torpedierte sie das Familienglück mit dem Klassiker des kindlichen Protestes: "Du bist nicht meine Mutter! Du hast mir gar nichts zu sagen!"

Heute muss Ute Blasco darüber schmunzeln: "Das Verhalten war so durchschaubar." In Seelenruhe habe sie ihrer Pflegetochter erklärt, dass das eine stimme, das andere nicht.

Diese Schwierigkeiten sind weitgehend überstanden. Nun gibt es andere: "Für Leila ist die Schule mit ihrer Klasse und ihrer Lehrerin eine ganz wichtige Größe, die ihr Sicherheit gibt", erklärt Ute Blasco.

Dieses gewohnte und geliebte Umfeld entbehren zu müssen, fällt dem Mädchen schwer. Hat sie doch feste Strukturen besonders nötig. Dies auszugleichen, ist nun weitgehend Ute Blascos alleinige Aufgabe.

Schaut sie zurück, geht ein Lächeln über ihr Gesicht. "Ich habe zu keinem Zeitpunkt an unserer Entscheidung gezweifelt", sagt sie.

Immer wieder sei sie von Leila überwältigt - von ihrer Zuneigung, ihren Fortschritten, der Art, die Welt mit Kinderaugen zu sehen. "Diese Aufgabe ist absolut lohnend und ich möchte anderen Mut machen, für ein Kind wie Leila da zu sein."

Weitere Informationen erhalten Interessenten bei Outlaw-Fachberaterin Simone Noack unter 0160 90993957.

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