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Tödliche Mutproben in Dresden

Selfies auf Gleisen und Blödelei an Bahndämmen kosten immer wieder Leben. Die Gefahren sind so groß wie unbekannt, warnen Bahn und Polizei in Dresden.

Bastian Peter vom Präventionsteam der Deutschen Bahn (l.) und Uwe Clausnitzer, Polizeihauptmeister der Kriminalprävention, arbeiten Hand in Hand, damit auf Trassen und an Bahnhöfen weniger Unfälle passieren.
Bastian Peter vom Präventionsteam der Deutschen Bahn (l.) und Uwe Clausnitzer, Polizeihauptmeister der Kriminalprävention, arbeiten Hand in Hand, damit auf Trassen und an Bahnhöfen weniger Unfälle passieren. © René Meinig

Dresden. Uwe Clausnitzer und seine Kollegen haben schon viel erlebt: schwer verletzte und auch tote Jugendliche, denen ein Spaß zum Verhängnis wurde.

Die Teenager haben auf Bahnsteigen gerangelt, Mutproben an Bahnübergängen gestartet, sind aus Langeweile auf Waggon-Dächer geklettert oder haben Selfies mitten auf den Gleisen gemacht - weil die Strecke, die scheinbar ins Nirgendwo führt, ein so schönes Symbol für die Unendlichkeit ist.

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Doch das Gegenteil ist der Fall. Die allgegenwärtige Selbstpräsentation auf Social-Media-Kanälen hat schon junge Leben beendet. "Die Züge von heute sind nicht mehr so laut wie früher", sagt Uwe Clausnitzer. Er gehört zum dreiköpfigen regionalen Präventionsteam der Bundespolizei und ist für den Raum Dresden zuständig.

Sorge vor steigenden Zahlen in der Ferienzeit

Niemand könne sich darauf verlassen, dass er eine nahende Bahn so rechtzeitig hört, dass er sich in Sicherheit bringen kann. "Außerdem tragen viele Jugendliche Kopfhörer", weiß der 57-Jährige. Ein immer wieder gern gebrachtes Argument derer, die vor unerlaubten Zonen nicht Halt machen: "Ich kenne doch den Fahrplan!" Doch darin steht kein Güterverkehr.

Bald beginnen die Ferien, und Uwe Clausnitzer macht sich große Sorgen, dass noch mehr solcher dramatischen Vorfälle passieren könnten. Die Lockerungen nach monatelangen Corona-Beschränkungen ziehen die Jugendlichen hinaus. Sie haben das Gefühl, viel nachholen zu müssen. Ohne Schule bleibt dafür reichlich Zeit.

Seit zwei Jahren hat der Präventionsbeamte der Bundespolizei auch auf Seite der Deutschen Bahn Verstärkung: Kollegen, die sein Anliegen unterstützen und aktiv versuchen, Unfälle auf Gleisen, Bahnübergängen und angestellten Bahnwagen zu verhindern. Bastian Peter übernimmt die Gefahrenvorsorge für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammen mit einer Kollegin.

Bundespolizei und Deutsche Bahn starten eine gemeinsame Kampagne gegen die tödlichen Gefahren im Bahnverkehr. Die nehmen zu viele Menschen nicht ernst genug.
Bundespolizei und Deutsche Bahn starten eine gemeinsame Kampagne gegen die tödlichen Gefahren im Bahnverkehr. Die nehmen zu viele Menschen nicht ernst genug. © René Meinig

Doch wie können die Präventionsteams vor Ort sein, bevor etwas Schlimmes passiert? "Es ist uns nicht möglich, ständig an allen Stellen präsent zu sein, die gefährlich werden können", sagt Uwe Clausnitzer. Dafür sei er auf die Streifenpolizisten, aber auch auf die Bevölkerung angewiesen, die Hinweise geben. Deshalb gehen sie gerade mit einer neuen Kampagne an die Öffentlichkeit.

Hotspots der Unvernunft machen er und seine Kollegen dort aus, wo Bahntrassen an Schulen vorbei verlaufen, in der Nähe von Getränkeshops und Imbissbuden oder mitten auf Wanderpfaden durch die Dresdner Heide. Nicht nur Kinder und Jugendliche kürzen ihre Wege über Bahnlinien ab. In Zschachwitz haben die Beamten immer wieder Ärger mit einem Trampelpfad, der übers Gleis führt. Dort haben sie bereits einen Sperrzaun errichtet und ein Verbotsschild aufgestellt. Doch der Zaun wird regelmäßig durchtrennt.

"Was soll man da noch machen?", fragt Uwe Clausnitzer. Die Renitenz macht auch einen erfahrenen Polizeihauptmeister für Kriminalprävention ratlos. Vor allem die Vorbilder, die Erwachsene damit Kindern bieten, ärgern ihn.

Bei Schülern anzusetzen hält er für sinnvoll. Deshalb sind er und sein Team regelmäßig an Schulen unterwegs. Spätestens, wenn es einen ernsten Vorfall gab, gehen die Präventionsexperten von Polizei und Bahn in die Klassenzimmer.

"Meistens sind die jungen Leute überrascht zu erfahren, wie gefährlich Mutproben und Selfies auf den Bahntrassen sind", sagt Clausnitzer. Kaum einer hat schon davon gehört, dass die elektrische Spannung der Oberleitungen 15.000 Volt beträgt. Sie springt ab einer Nähe von eineinhalb Metern auf den Körper über. Dabei entsteht eine Temperatur von etwa 18.000 Grad Celsius. Einen solchen Unfall zu überleben, braucht ein Wunder.

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