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Tritt gegen Kopf eines Polizisten in Dresden

Seit Dezember läuft der Prozess um eine Schlägerei vor dem Kraftwerk Mitte in Dresden. Erst jetzt kamen die ersten Zeugen. Die Probleme liegen woanders.

Die Verteidigerinnen Elena Bogdanzaliew (m.) und Ines Kilian (r.) lassen kein gutes Haar an den Ermittlungen gegen ihren Mandanten Sajad A. (l.). Der Prozess begann am 23. Dezember 2020 vor dem Landgericht Dresden.
Die Verteidigerinnen Elena Bogdanzaliew (m.) und Ines Kilian (r.) lassen kein gutes Haar an den Ermittlungen gegen ihren Mandanten Sajad A. (l.). Der Prozess begann am 23. Dezember 2020 vor dem Landgericht Dresden. © Alexander Schneider

Dresden. Nachermittlungen, von denen die Verteidiger nichts wussten, fehlende Akteninhalte, seltsame Vernehmungen. Eine Frage dieser Hauptverhandlung dürfte nun lauten, ob die Ermittlungen so offensichtlich angreifbar durchgeführt wurden, obwohl mehrere Polizeibeamte aus Berlin zu den Geschädigten gehören – oder weil das so ist.

Zu erleben ist das derzeit in einem Prozess vor dem Landgericht Dresden. Es geht um nichts weniger als versuchten Totschlag, den die Staatsanwaltschaft einem der beiden Angeklagten vorwirft. Der 20-jährige Sajad A. sitzt seit Mitte vergangenen Jahres in Untersuchungshaft. Vorher hatte sein Bruder Hussein A. (19), beide Flüchtlinge aus dem Irak, wegen desselben Vorwurfs für einige Wochen Bekanntschaft mit einer sächsischen Haftanstalt gemacht. Auch das ist eine der Merkwürdigkeiten dieses Falls. Doch der Reihe nach.

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Eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei aus Berlin war am 15. Februar 2020 in Dresden im Einsatz. Die Uniformierten hatten an jenem Sonnabend gut zu tun, um Rechtsextreme und Gegendemonstranten anlässlich des 75. Jahrestages der Bombardierung Dresdens auf Abstand zu halten. Nach Dienstschluss feierten zahlreiche Beamte im Kraftwerk Mitte, natürlich in Zivil. Als gegen 3.30 Uhr einige gingen, fiel ihnen ein BMW ins Auge, der dort recht sportlich vorgefahren war und möglicherweise Gäste gefährdet hatte.

Es gab einen Disput mit Sajad A., dem Fahrer. Schnell entwickelte sich eine Schlägerei. Am Ende war ein Polizist bewusstlos, ein anderer blutete. Sajad A. soll einen Mann mit einem Gürtel geschlagen und später einen Beamten, der schon am Boden lag, gegen den Kopf getreten haben, so sehr, dass der 33-Jährige das Bewusstsein verlor. Mit diesem Tritt habe er den Tod des Mannes billigend in Kauf genommen. Hussein A. soll einem Beamten mehrere Faustschläge verpasst haben. Ihm wird gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Kritik von den Verteidigerinnen

Am Montag vernahm das Gericht die ersten Zeugen, darunter auch die beiden geschädigten Polizisten aus Berlin. Sie erkannten die Angeklagten wieder. Was jedoch den Ablauf des Geschehens angeht, erschloss sich Beobachtern aus den Aussagen der Verletzten nicht, wie es überhaupt zu dieser Eskalation kommen konnte. Der 33-jährige Beamte sagte, er sei von Kollegen auf die Seite gezogen worden, als der BMW kam. Er selbst habe das nicht gesehen, weil er am Handy nach einer Taxi-Nummer gesucht habe.

Interessanter war, dass das mehrseitige Gedächtnisprotokoll des 32-jährigen Polizisten mehrere Wochen später 1:1 in seiner Polizeivernehmung landete, als wenn er das dort so gesagt hätte. Das kritisierten die Verteidigerinnen des Hauptangeklagten, Ines Kilian und Elena Bogdanzaliew. Das ginge gar nicht. Der Vernehmer hätte es als Anlage der Akte beifügen – und den Beamten ausführlich befragen müssen. Das Gericht schien diese Auffassung zu teilen. Das genüge jedoch nicht, die geplanten Zeugenvernehmungen abzubrechen, sagte der Vorsitzende.

Der Prozess begann am 23. Dezember vergangenen Jahres. Die Angeklagten haben sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. An den beiden ersten Sitzungstagen ging es vor allem um Formalitäten und die Kritik der Verteidiger an den Ermittlungen. Sie hatten zunächst eine Aussetzung des gesamten Verfahrens beantragt, weil sie sich nicht ausreichend hätten vorbereiten können.

Verteidigern Akten vorenthalten?

Ganze Aktenteile seien ihnen vorenthalten worden. Einer der Gründe für die Probleme war auch, dass eine ganze Abteilung der Kriminalpolizei unter Quarantäne gestanden haben soll, hieß es in dem Prozess.

Das Gericht - die Hauptverhandlung findet aufgrund des Alters der Angeklagten vor einer Jugendkammer statt - lehnte eine Aussetzung ab, gab den Anwälten jedoch Zeit sich in die Akten einzuarbeiten, indem erst jetzt die ersten Zeugen geladen wurden.

Anfang Februar wurde dann bekannt, dass auch gegen mehrere Beamte aus Berlin Ermittlungsverfahren anhängig sind, beziehungsweise eingeleitet worden seien. Verteidiger Ulf Weinhold, er vertritt den 19-jährigen Iraker, sagte, auch sein Mandant sei an jenem Abend erheblich verletzt worden, auch auf ihn sei eingetreten worden, als er am Boden gelegen habe.

Der Prozess wird fortgesetzt. Ein Urteil wird Ende März erwartet.

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