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Ein Zeugnis mit Makel für Ramin?

Ein junger Iraner soll als Krankenpflegehelfer Englisch können. Dazu hatte er keine Chance - und müsste es nach Länderwillen eigentlich auch nicht.

Ramin und seine Adoptivmutter Dorothea Kronefeld kämpfen sich seit Monaten durch Verordnungen und Behördenschreiben. Die füllen inzwischen einen dicken Ordner.
Ramin und seine Adoptivmutter Dorothea Kronefeld kämpfen sich seit Monaten durch Verordnungen und Behördenschreiben. Die füllen inzwischen einen dicken Ordner. © Sven Ellger

Dresden. Das Thema Integration war schon präsenter. Als vor sechs Jahren Tausende Geflüchtete nach Dresden und Sachsen kamen, ging es neben ihrer Unterbringung und Versorgung bald auch im großen Stil um die Frage: Wie gliedern sich die Neuankömmlinge möglichst rasch in die hiesige Gesellschaft ein?

Inzwischen beklagen vor allem Verantwortliche sozialer Integrativ-Projekte ein wachsendes Desinteresse seitens der Politik. Nahezu unwidersprochen entwickeln sich Teile der Wohngebiete Gorbitz und auch Prohlis zu Knotenpunkten mit einem Ausländeranteil von rund 50 Prozent. Dort bleibt, wer nach den ersten Jahren der Orientierung den Sprung in die Mitte der Gesellschaft nicht schafft.

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Ramin feiert dieser Tage sein Sechsjähriges in Deutschland. Ende 2015 kam er als unbegleiteter Jugendlicher aus dem Iran nach Freital in ein Flüchtlingsheim. Ein Dresdner Ehepaar, das dort ehrenamtlich half, lernte den 16-Jährigen dort kennen, nahm ihn bei sich auf und hat ihn inzwischen adoptiert.

Deutsch als fremde Sprache

Unterstützt von seiner neuen Familie und getrieben von Dankbarkeit und Ehrgeiz hat Ramin Kronefeld alles geschafft: Deutschkurse bis zum Sprachlevel B1, Hauptschulabschluss und schließlich Ausbildung zum Krankenpflegehelfer. Ramin spielt leidenschaftlich Fußball im Verein, am Wochenende geht er angeln, den Schein dafür hat er genauso erworben wie die Fahrerlaubnis.

Um jungen Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Iran oder Irak und all den anderen Herkunftsländern das Absolvieren eines Schulabschlusses zu erleichtern, sieht der Gesetzgeber vor, dass sie den Unterricht in der Sprache Englisch nicht zwingend belegen müssen. Es wird anerkannt, dass sie mit Deutsch bereits eine Fremdsprache erlernt haben - und zwar so gut, dass sie in der Lage sind, eine Regelschule und eine berufliche Ausbildung zu absolvieren. Nichtmuttersprachler dürfen die Prüfung zum Hauptschulabschluss mit einer Prüfung in der eigenen Landessprache ersetzen. Ramin tat das in Persisch.

Im Berufsschulbereich gibt es diese Regelung so nicht. Ramin Kronefeld hat eine zweijährige Ausbildung zum Krankenpflegehelfer an einer Dresdner Berufsfachschule besucht - der sächsische Lehrplan sieht insgesamt 40 Unterrichtsstunden im Fach Englisch vor. Auf Ramins Zeugnis steht eine Note 5.

Schulabschluss soll Türen öffnen

Die Anträge Ramins und seiner Eltern auf Befreiung vom Englischunterricht und Nichterteilung einer Zeugnisnote im Fach Englisch wurden vom Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) abgelehnt. Dafür gebe es keine rechtliche Grundlage, hieß es in der Begründung. Der Schriftverkehr liegt der Redaktion vor.

Gesetzlich vorgesehen ist auch, dass Berufsfachschüler mit einem Notendurchschnitt von 3,0 und besser auf dem Abschlusszeugnis den Realschulabschluss zuerkannt bekommen. Das ist Ramins großes Ziel, denn dieser nächsthöhere Schulabschluss befähigt ihn zu weiterführenden Qualifikationen. Ihm stünden Ausbildungen offen, die ihm mit Hauptschulabschluss verwehrt bleiben würden.

Auf Anfrage an das Sächsische Staatsministerium für Kultus antworten die Verantwortlichen: "Seine Note 5 in Englisch ist ausgleichbar." Die Befürchtung Ramins und seiner Eltern, dass eine Zeugnis-Fünf sowohl den Berufsabschluss als auch den Realschulabschluss kippt, bestätigt sich damit nicht.

Englisch kann entscheidend sein

Die Noten seines Zeugnisses am Ende des zweiten Ausbildungsjahres ergeben einen Schnitt von rund 2,0. Wie seine schriftlichen Prüfungen ausfallen, weiß der 23-Jährige noch nicht. Sie werden gerade erst korrigiert. Ramins praktische Prüfung wurde mit 3 benotet. Mit seinen Vornoten hat er sich ein gutes Polster erarbeitet. Die Englisch-Fünf jedoch macht ihm Sorgen. Nicht nur, dass sie den Gesamteindruck seines Berufsabschlusses schmälert - sie könnte ihm auch im Gesamtnotenschnitt zum Verhängnis werden und den ersehnten Realschulabschluss verhageln.

Ramins Eltern wollen die Zitterpartie nicht akzeptieren. "Es ist völlig unverständlich, warum Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, von Englisch befreit werden und kurz darauf in der Berufsausbildung plötzlich Englisch beherrschen sollen", sagt Dorothea Kronefeld.

Das Ministerium begründet das mit der großen Bedeutung, die Englisch als Weltsprache habe. In einer Rahmenvereinbarung hat sich die Kultusministerkonferenz allerdings darauf geeinigt, dass für den Abschluss an einer Berufsfachschule entweder Englisch nach fünfjährigem Unterricht nötig ist - oder der Abschluss einer anderen Fremdsprache mit dem Sprachlevel B1, vorausgesetzt der Schüler spricht Deutsch nicht als Muttersprache.

Sachsens eigener Stiefel

Ramin hatte keine Chance auf fünf Jahre Englischunterricht. Als 13-Jähriger verließ er im Iran die Schule, um als Parkassistent zu arbeiten und seine Familie wirtschaftlich zu unterstützen. Als er nach Dresden kam, konnte er gerade so in seiner eigenen Sprache lesen und schreiben. In der deutschen Sprache auf seinem Bildungsweg so weit gekommen zu sein, hat einer immensen Kraftanstrengung bedurft.

Die Kultusminister der Länder erkennen das für alle Geflüchteten und Migranten in ihrer Rahmenvereinbarung an. Sachsen macht einen Unterschied. Es besteht auf dem Englischunterricht und der Abschlussnote. Die zuständigen Stellen sind nicht bereit, Englisch aufzuheben und Ramins Fremdsprachenleistung im Fach Deutsch stattdessen anzuerkennen - mit der Begründung, "das Beherrschen von Fremdsprachen, insbesondere der englischen Sprache" sei "unverzichtbarer Bestandteil der beruflichen Bildung".

Mag sein, das Ramin aufgrund seiner guten Auffassungsgabe, seines Fleißes und der uneingeschränkten Unterstützung seiner deutschen Familie den Notendurchschnitt 3,0 und somit den Realschulabschluss schafft. Doch was, wenn sich der Kampf darum und den weiteren beruflichen Weg an dieser Note entscheidet?

Es geht nicht nur um Ramin

Und wie vergleichbar soll künftig sein Zeugnis mit den Abschlusszeugnissen in anderen Bundesländern sein? Ramin wird ein Zeugnis erhalten, für das er einerseits die gesetzlichen Vorgaben gar nicht erfüllt, weil er keine fünf Jahre lang Englischunterricht hatte. Andererseits gewährt man ihm den unter den Ländern vereinbarten Ausgleich dieses Defizits nicht.

Zahlreiche Geflüchtete, insbesondere aus Ländern wie Afghanistan, Iran und Irak, auch aus ländlichen Gegenden Syriens haben kein Englisch gelernt. "Doch sie stellen sich hier der großen Herausforderung, in der deutschen Sprache fit für Schule und Beruf zu werden", sagt Dorothea Kronefeld. "Das muss berücksichtigt werden. Dabei geht es mir nicht nur um Ramin."

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