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Was ein Psychologe über den Dresdner Raser sagt

Thomas Wagner unterscheidet drei Typen von Rasern. Ist der Todes-Fahrer von der Budapester Straße einer von ihnen?

Thomas Wagner unterscheidet drei Typen von Rasern. Ist der Todes-Fahrer von der Budapester Straße einer von ihnen?
Thomas Wagner unterscheidet drei Typen von Rasern. Ist der Todes-Fahrer von der Budapester Straße einer von ihnen? © Roland Halkasch

Dresden. Für Mohammad F. ist das eine ganz neue Erfahrung. Seit zwei Wochen sitzt der gebürtige Syrer in Untersuchungshaft. Seinen Mercedes ist er los, den hat die Polizei beschlagnahmt. Der 220 CDI, den er gebraucht gekauft hat, wird von der Dekra untersucht. Denn damit hat der 31-Jährige am 22. August einen sechsjährigen Jungen überfahren. Ali starb später im Krankenhaus. F. soll bei einem illegalen Rennen mitgemacht haben.

Sein schwarzer Viertürer war ihm so wichtig, dass er sich damit mehrfach fotografieren ließ und die Bilder dann im Internet veröffentlichte: Mohammad F. am Steuer der Limousine, Mohammad F. daneben mit Siegerpose, Mohammad F. lässig mit Elektrozigarette auf dem Fahrersitz. Sein Auto fiel auf - die Karosserie blank wie ein Spiegel, Sonderfelgen, breite Reifen mit geringem Querschnitt, rote Bremssättel. Wer seinen Pkw so "schön hergerichtet hat, will nach Außen auch etwas darstellen, er will damit kommunizieren", sagt Thomas Wagner.

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Er ist Verkehrspsychologe und Chef aller bundesweit 40 Dekra-Begutachtungsstellen für Fahreignung. "Das hat wahrscheinlich auch etwas mit Selbstdarstellung und Selbstwert zu tun", denkt Wagner. Damit deutet er an: Besitzer solcher Autos neigen offenbar dazu, ihren Selbstwert über das Fahrzeug zu definieren und haben einen erhöhten emotionalen Bezug zum Autofahren.

Verkehrspsychologe Thomas Wagner hat an einer Studie zu Raser-Typen mitgearbeitet.
Verkehrspsychologe Thomas Wagner hat an einer Studie zu Raser-Typen mitgearbeitet. © privat

Der Verkehrspsychologe der Dekra hat in diesem Jahr an einer "Raserstudie" mitgearbeitet. Rund 100 Verkehrsexperten, -psychologen und Polizisten waren daran beteiligt. Das Ziel: Es sollten Typ-Kategorien für Autofahrer gefunden werden, die als Raser auffallen. Das könnte Ermittlungen gegen solche Autofahrer erleichtern und die Prävention verbessern, so die Erwartung der Studienverfasser. Hintergrund: Seit Oktober 2017 gelten illegale Autorennen als eine Straftat. Allein in Berlin gab es seitdem mehr als 1.000 Verfahren gegen mutmaßliche Raser, berichtet Wagner.

Raserstudie ordnet Fahrertypen ein

Den Begriff Raser definiert Wagner anders als die Polizei. Die Beamten nutzen die Bezeichnung bereits für Autofahrer, die auf einer 50er-Strecke 21 Stundenkilometer zu schnell fahren. Das sei "eine Bagatellisierung des Tatbestands", meint der Verkehrspsychologe aus Dresden. Für ihn ist ein Autofahrer dann ein Raser, wenn sich bei ihm "Ausmaß und Gefährdungsmerkmale von der Masse an Geschwindigkeitsüberschreitungen ganz erheblich abheben." Ein ganz wichtiges Merkmal seien der Wettbewerb und die Erzielung einer höchst möglichen Fahrgeschwindigkeit. Legt man diese Definition zugrunde, dann ist Mohammad F., der an einem illegalen Rennen teilgenommen haben soll, ein Raser. Denn dieser Geschwindigkeitsvergleich auf der Budapester Straße kostete einen Sechsjährigen das Leben.

Raser suchen Wettbewerbssituation

Die in der Raser-Studie definierten Fahrerkategorien lassen noch einen anderen Schluss zu. Zu einer der drei darin festgelegten Kategorien gehören Fahrer, die "sich für Geschwindigkeit begeistern und diese Wettbewerbssituation bewusst aufsuchen", sagt Wagner. Das ist eine von mehreren Eigenheiten dieser Fahrer, die anderen hat Wagner schon genannt. Es geht um Anerkennung, um das eigene Selbstwertgefühl. "Die Fahrer leben ihre Emotionalität im Straßenverkehr aus". Auch das passt auf Mohammad F.

Die zwei anderen Raser-Kategorien: ein Autofahrer flüchtet, weil er zum Beispiel von der Polizei verfolgt wird. Alkohol und Drogen können da im Spiel sein, vereinfacht spricht Wagner vom "berauschten Raser". Die dritte Kategorie sind für die Verkehrsexperten "dissoziale Raser". So nennen sie Autofahrer, die bereits mit "sehr vielen Verkehrsverstößen" aufgefallen sind. "Wir hatten einen, der war schon 130-mal polizeilich in Erscheinung getreten", berichtet er aus den Akten der Berliner Staatsanwaltschaft, die die Verfasser der Studie für ihre wissenschaftliche Arbeit auswerten durften.

Gerast wird zwischen Mitternacht und 6 Uhr

Von speziellen Raserstrecken in Dresden hat der Dekra-Mann aus der Landeshauptstadt noch nichts gehört. Die Polizei erklärt dazu, es müsse sich die Gelegenheit ergeben. Ob gerast werden kann, hänge vom "Verkehrsfluss" ab. Das heißt, die potenziellen Geschwindigkeitssünder brauchen freie Straßen mit wenig Verkehr. Das stimmt, sagt Wagner, und das belege auch eine andere Studie. Demnach passiert so etwas vor allem in der Zeit zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens. Auf das illegale Rennen, das sich Mohammad A. mit einem Landsmann in einem BMW geliefert haben soll, trifft das nicht zu. Die "Budapester" war nicht ganz frei, sie sollen wenigstens drei Autos überholt haben. Und die Zeit passt auch nicht, der Unfall ereignete sich um 20.50 Uhr.

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Die Polizei sucht nach diesen drei Autofahrern. Sie könnten den Beamten Hinweise zum Fahrverhalten der zwei Autos geben. Sie werden gebeten, sich bei den Beamten unter der Rufnummer 0351 4832233 zu melden oder ihre Beobachtungen im Hinweisportal der Polizei auf https://sn.hinweisportal.de mitzuteilen.

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