merken
PLUS Dresden

Dresdner Eltern ignorieren Empfehlungen

Eigentlich darf nur aufs Gymnasium, wer einen Schnitt von 2,0 hat. Doch Hunderte Familien in Dresden schicken den Nachwuchs trotzdem.

Ab der 5. Klasse geht es entweder auf das Gymnasium oder auf die Oberschule.
Ab der 5. Klasse geht es entweder auf das Gymnasium oder auf die Oberschule. © dpa/Sebastian Kahnert

Dresden. Mehr als 4.000 Dresdner Familien warten in den nächsten Monaten gespannt auf eine Entscheidung zur Frage: Welche Schule wird unser Kind ab Klasse fünf künftig besuchen? Am 11. Juni werden sie Gewissheit haben, dann steht fest, ob es an der Wunschschule geklappt hat oder nicht.

Was bei den diesjährigen Anmeldungen auffällt: Hunderte Dresdner Eltern ignorieren die Empfehlung der Grundschule, ob das Kind ab August an einer Oberschule oder an einem Gymnasium lernen sollte.

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Eine Empfehlung für das Gymnasium bekommt, wer auf dem Halbjahreszeugnis oder Ganzjahreszeugnis der 4. Klasse einen Schnitt von 2,0 oder besser hat. Entscheidend sind die Fächer Deutsch, Mathe und Sachkunde. Seit 2017 können sich die Eltern allerdings über die Empfehlung der Grundschule hinwegsetzen. Das Kind muss dann einen Test am Gymnasium und ein Gespräch mit der Schulleitung absolvieren. Doch selbst die Empfehlung daraus ist nicht bindend.

Wie viele Kinder sind ohne Bildungsempfehlung an einem Gymnasium angemeldet?

Insgesamt 544 Dresdner Grundschüler wurden für eine andere weiterführende Schulart angemeldet, als es die Grundschule eigentlich empfiehlt. Das sind mehr als zwölf Prozent aller angemeldeten Schüler.

Davon haben sich 148 Familien für den Weg aufs Gymnasium entschieden, obwohl ihr Kind keine Bildungsempfehlung dafür bekommen hat. Dabei gibt es keinen erheblichen Unterschied zum aktuellen Schuljahr. Von allen Anmeldungen an Dresdner Gymnasien machten die ohne Bildungsempfehlung im vergangenen Jahr 6,6 Prozent aus, in diesem Jahr sind es knapp 6 Prozent.

Die meisten Anmeldungen ohne Bildungsempfehlung gibt es am Gymnasium Pieschen, dort sind es 15 Kinder, gefolgt vom Tschirnhaus-Gymnasium mit 13 sowie jeweils zwölf am Bertolt-Brecht- und am Hülße-Gymnasium.

Der Trend zeigt, dass heute insgesamt deutlich mehr Kinder an einem Gymnasium angemeldet werden, als noch vor einigen Jahren. Wählten 2014 etwa rund 53 Prozent den Weg auf die Oberschule und 47 Prozent den aufs Gymnasium, hat sich das Verhältnis inzwischen umgekehrt. Im vergangenen Jahr meldeten rund 56 Prozent der Eltern ihr Kind für ein Gymnasium an, 44 Prozent für eine Oberschule.

Der Trend setzt sich weiter fort: Für das kommende Schuljahr wählen 57,3 Prozent das Gymnasium und 42,7 Prozent die Oberschule. Was aber eben auch daran liegt, dass die Bildungsempfehlung in Sachsen seit 2017 nicht mehr bindend ist.

Warum entscheiden sich Eltern anders als empfohlen?

Martin Raschke ist Chef des Dresdner Elternrats und hat eine mögliche Erklärung gefunden. Er beobachte oft einen großen Ehrgeiz bei den Eltern. "Viele haben selbst studiert und wünschen sich das dann unbedingt für den Nachwuchs." Für die Schüler ist das nicht unbedingt der beste Weg, viele bekämen dann oft auf dem Gymnasium einen Dämpfer. "Die Kinder, die auf das Gymnasium geschickt werden, sollten auch mit Misserfolgen umgehen können", sagt er.

Er warnt davor, übertriebenen Druck zu machen. "Entscheidend ist die 12. Klasse. Vorher sind ein paar schlechte Noten verschmerzbar." Genau das befürwortet auch Agnes Scharnetzky, Grünen-Bildungspolitikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Dresden. "Die Eltern sollten ihr Kind vor Frust und Überforderung auf dem Gymnasium schützen." Sie fragt sich aber auch, ob der Schnitt von 2,0 unbedingt so bleiben müsse.

Auch Erziehungsforscher Wolfgang Melzer beobachtet, dass der Druck auf Elternhäuser größer wird. "Prinzipiell wird die höchstmögliche Schulart gewünscht", sagt Melzer, Seniorprofessor am Institut für Erziehungswissenschaften der TU Dresden. Obwohl es nach Melzers Aussage keine Statistiken zur sozialen Herkunft der am Gymnasium angemeldeten Kinder gibt, sei der Wunsch bei Akademikern noch einmal deutlich höher. Deshalb geht er davon aus, dass vor allem diese Eltern nun die Möglichkeit nutzen, ihre Kinder auch ohne entsprechende Empfehlung an einem Gymnasium anzumelden.

Eltern, die selbst kein Abitur haben, würden ihre Kinder nicht diesem Druck aussetzen. "Sie sagen sich: Wir kommen doch auch ganz gut ohne Abitur zurecht."

Ist die Entscheidung in Stein gemeißelt?

Nein, Kinder können auch noch später von der Oberschule auf das Gymnasium wechseln und umgekehrt. Dana Frohwieser ist SPD-Bildungsexpertin und wissenschaftliche Mitarbeiter im Bereich Bildung an der TU Dresden. Auch sie ist sich sicher, dass es für viele Kinder im Alter von zehn Jahren viel zu früh sei, für sie zu entscheiden, welche Bildungs- und Berufslaufbahn sie einmal einschlagen wollen.

"Weder die alleinige Schuleinschätzung, also die Bildungsempfehlung, noch die alleinige Entscheidung der Eltern ist hier der richtige Weg. Dass mehr als zwölf Prozent der Familien anders als von der Schule empfohlen entscheiden, zeigt vor allem die große Unsicherheit", so Frohwieser zu den aktuellen Dresdner Zahlen.

Sie betont: Egal, welche Entscheidung die Familien am Ende der 4. Klasse treffen: Den Kindern bleiben alle Bildungs- und Berufswege offen. Das Abitur kann auch mit Oberschulabschluss noch erworben werden beispielsweise über ein Abendgymnasium oder Berufliches Gymnasium.

Große Unsicherheit bei den Eltern bestätigt auch Wolfgang Melzer. "Das Problem ist hausgemacht." Melzer, der als Wissenschaftler die Einführung einer Gemeinschaftsschule in Sachsen unterstützt, hält den Übergang an eine weiterführende Schule für die Kinder nach der 4. Klasse ebenfalls für viel zu früh. Vor allem für Jungen, deren Entwicklung mitunter etwas langsamer ist.

In zwei Forschungsprojekten hat sich Melzer mit dem Thema Gemeinschaftsschule befasst, die wissenschaftlichen Ergebnisse sind in den Volksantrags zum "Längeren gemeinsamen Lernen" eingeflossen. Im Juli 2020 hat der Landtag beschlossen, dass Gemeinschaftsschulen in Sachsen gegründet werden können, allerdings unter Bedingungen, die der Antrag so nicht vorgesehen hat.

Was sagen Schulleiter zu Anmeldungen ohne Bildungsempfehlung?

Jens Reichel, Schulleiter am Gymnasium Bürgerwiese, erlebt immer wieder Eltern, die ihr Kind ohne Bildungsempfehlung an seiner Schule anmelden. "Zum einen, weil die Freunde des Kindes auch an die Schule wollen, aber viele Eltern sind auch sehr ehrgeizig und wollen das Beste aus ihrem Kind herausholen", so Reichel.

Weiterführende Artikel

Dresden: Lieber Oberschule als Gymnasium?

Dresden: Lieber Oberschule als Gymnasium?

Meistgelesen: Immer mehr Familien schicken ihre Kinder trotz guter Leistungen auf die Oberschule statt aufs Gymnasium. Das sind die Gründe.

Das sind Dresdens begehrteste Schulen 2021

Das sind Dresdens begehrteste Schulen 2021

Meistgelesen: An 19 Oberschulen und Gymnasien gibt es mehr Anmeldungen als Plätze. Wer darüber entscheidet und wann Eltern davon erfahren.

Es gebe zwar auch immer wieder Kinder, die trotz eines schlechteren Schnittes als 2,0 auf dem Zeugnis der 4. Klasse am Gymnasium durchstarten, aber in der Regel hätten es diese schon schwerer, beobachtet der Schulleiter. "Ich lade immer die Eltern mit dem Kind gemeinsam zum Gespräch ein und wir werten die Ergebnisse des Testes in Deutsch, Mathe und Sachkunde gemeinsam aus", so Reichel. Hier sehe er genau die Stärken und Schwächen des Kindes. Oft würden dann die Eltern auch seinen Empfehlungen folgen.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden