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Dresdens "unbequemer" Obelisk wird entschärft

Lange hat es gedauert, nun gibt es einen Plan, wie ein Gedenkstein in Altnickern vor Missbrauch von rechts und links geschützt und zum Modellprojekt werden soll.

"Bombenterror" steht auf dem Obelisken in Altnickern, das sorgt seit Jahren für kontroverse Diskussionen.
"Bombenterror" steht auf dem Obelisken in Altnickern, das sorgt seit Jahren für kontroverse Diskussionen. © René Meinig

Dresden. Dass der Gedenk-Obelisk in Dresden-Altnickern so eine Art Pilgerstätte für Neonazis ist, liegt vermutlich an der Inschrift: "1945, 13. Februar - Wir gedenken der Opfer des anglo-amerikanischen Bombenterrors".

Linksextreme haben ihn bereits mehrfach verhüllt und den Hüllen Aufschriften wie "Nationalismus und Geschichtsverklärung verhüten – Dresden du Täter*in!" verpasst. Die Stadt sucht nach einer Lösung für das offenkundige Problem und hat nun einen konkreten Vorschlag.

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Rund um den 13. Februar ist der Dorfkern in Altnickern einer der Orte, die im Fokus stehen - neben dem Altmarkt, dem Heidefriedhof und anderen Orten, die im Zusammenhang mit der Bombardierung Dresdens 1945 stehen.

2016 war der Obelisk das Ziel des Neonazi-Aufmarschs zu diesem Anlass. Seitdem werden an dem Ort jedes Jahr vorsorglich Versammlungen angemeldet und der Platz vorab von Linksextremen gekapert, um den Missbrauch von Rechtsradikalen zu verhindern. Viele Dresdner ärgern sich über beides.

Historische Einordnung

Seit Jahren gibt es Diskussionen in der Stadt, wie angemessen mit solchen Objekten umgegangen werden kann. Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) hat jetzt eine Vorlage dazu vorgelegt. Sie will den Nickerner Obelisken zum Modellprojekt für "unbequeme Gedenkobjekte" machen.

Zunächst sei es wichtig, den Stein und die Inschriften historisch einzuordnen. Denn eigentlich stammt er ursprünglich aus dem Jahr 1920, wurde zur Erinnerung der 18 Gefallenen aus Dresden-Nickern im Ersten Weltkrieg geschaffen. Nach dem 13. Februar 1945 wurde er umgewidmet und mit der Inschrift versehen, die der damaligen Geschichtspolitik entsprach: "1945, 13. Februar - Wir gedenken der Opfer des anglo-amerikanischen Bombenterrors".

1946/47 kam die zweite Seite dazu: "Dass sie nicht sinnlos in den Gräbern ruhn liegt nur an unserm Willen, unserm Tun". "Das SED-Regime übernahm teilweise wörtlich die NS-Propaganda vom anglo-amerikanischen Bombenterror, um den neuen Feind im Westen zu diskreditieren", heißt es zur Einordnung in der Vorlage.

"Strafrechtliche Aktivitäten"

Heute gehe es aber darum, wie öffentlich an die Angriffe am 13. Februar 1945 erinnert werde, aus dem "Blickwinkel der Gegenwart" müssen auch die "Befindlichkeiten einer Gesellschaft und ihr Verhältnis zur Vergangenheit" beleuchtet werden.

"Der Obelisk war Ziel zahlreicher Aktivitäten, darunter strafrechtlich relevanten Verhaltens im Umfeld des Gedenkens an den 13. Februar", so Klepsch. Näher könne sie dies nicht ausführen, weil es sich um Vorgänge handelt, die vom sächsischen Verfassungsschutz als Verschlusssachen eingestuft wurden. Es geht um Vorgänge in den Jahren 2017 und 2019.

"Deutungsverzerrung"

Der konkrete Vorschlag lautet, den Obelisken so zu lassen wie er ist. Zusätzlich soll für rund 8.500 Euro eine Stele aufgestellt werden, die mit einem längeren Text zur Einordnung versehen wird. "Zum einen wird die Historie des Denkmals und dessen Einbettung in den ehemaligen Dorfkern thematisiert", so Klepsch. "Andererseits wird die symbolische Dimension des Denkmals und die damit einhergehende Deutungsverzerrung dargestellt."

Es gibt auch einen konkreten Vorschlag für den Text an der Stele. Die Überschrift lautet "Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung". Eingeleitet wird dann mit: "17 Millionen Tote des Ersten Weltkrieges und 55 Millionen Tote des Zweiten Weltkrieges sind das furchtbare Ergebnis von Nationalismus, Diktatur und Genozid. Denkmäler, Ehren und Mahnmale für die Toten und Vermissten sind Orte der Trauer und der Erinnerung. Sie mahnen uns zu Verständigung, Versöhnung und Frieden. Frieden in Europa ist nicht selbstverständlich. Die Überwindung von Nationalismus und Rassismus, von Hass und Intoleranz, von Unterdrückung und Verfolgung braucht Mut, Zivilität, und Beharrlichkeit."

Etwas später heißt es dann: "Der Gedenkobelisk Dresden-Nickern muss auf Grund seiner Entstehungsgeschichte, des zeitlichen Kontextes und der verwendeten Symbolik kritisch eingeordnet werden." Es wird erklärt, dass es 1919 einen Wettbewerb für die Gestaltung gab und für die Umsetzung Spenden gesammelt wurden.

Am Ende wird aber auch darauf verwiesen, dass heute Nationalismus erneut "wachse". "Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir gemeinsam der Opfer der Kriege gedenken und uns über Grenzen hinweg über vergangenes Leid, dessen Ursachen und die Voraussetzungen für ein friedliches Miteinander austauschen", so das Ende.

Ein Vorstoß von Grünen, Linken und SPD, die Original-Inschrift zu verändern, wurde bereits abgelehnt. Aber es gibt auch Kritik daran, die "Erklär"-Stele aufzustellen. Diese könne eher noch Neonazis anziehen und zu Vandalismus führen.

Die Stadträte im Kulturausschuss sollen im Februar darüber entscheiden. Dieser Ansatz könne dann auch auf andere "unbequeme Gedenkobjekte" angewendet werden.

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