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Treberhilfe: Eisige Armut

Wilfried hat keinen Strom, andere nicht einmal ein Zuhause. Am Sozialbus der Treberhilfe in Dresden erhalten sie Essen und Kleidung. Doch das reicht nicht.

Bei Emmanuel Siewert von der Treberhilfe Dresden bekommt Wilfried Hermsdorfer (r.) ein warmes Essen. Dafür ist der 65-Jährige dankbar. Zum Kochen fehlt ihm zu Hause der Strom.
Bei Emmanuel Siewert von der Treberhilfe Dresden bekommt Wilfried Hermsdorfer (r.) ein warmes Essen. Dafür ist der 65-Jährige dankbar. Zum Kochen fehlt ihm zu Hause der Strom. © Sven Ellger

Dresden. Jeden Moment könnten Schneeflocken vom Himmel rieseln. Aber noch bleiben es eiskalte Regentropfen. Sie durchnässen Jacken und Schuhe. Der Abend verharrt kurz vor der Kältegrenze zum Gefrierpunkt und verlangt Besuchern wie Betreibern der Essen-Ausgabestelle für Bedürftige viel ab.

Wie jeden Donnerstag hat der Koch der Dresdner Treberhilfe morgens die Lagerbestände gecheckt, Waren besorgt und dicken Eintopf gekocht. Mitarbeiter und Freiwillige organisieren Brot und Brötchen vom Vortag, die sie regelmäßig als Spende überlassen bekommen. Tee aufbrühen und Kaffee kochen gehören dazu. Dann wird der Bus beladen.

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Nicht nur mit Essen und heißen Getränken. Auch warme Winterjacken, feste Schuhe, Schlafsäcke, Steppdecken, Isomatten und Hygieneartikel nehmen die Helfer mit auf Tour. Deren Ziel ist der Dr. Külz-Ring in der Dresdner Innenstadt. Dort steht der sogenannte Sozialbus ab 17 Uhr, um Menschen zu versorgen, denen es an allem fehlt, was den meisten anderen selbstverständlich ist.

Der Sozialbus der Treberhilfe steht jeden Montag, 13 Uhr, auf dem Scheunevorplatz in der Neustadt und jeden Donnerstag, 17 Uhr, am Dr. Külz-Ring im Stadtzentrum. Dort erhalten Menschen in prekären Lebenslagen Essen, Kleidung und Hygieneartikel.
Der Sozialbus der Treberhilfe steht jeden Montag, 13 Uhr, auf dem Scheunevorplatz in der Neustadt und jeden Donnerstag, 17 Uhr, am Dr. Külz-Ring im Stadtzentrum. Dort erhalten Menschen in prekären Lebenslagen Essen, Kleidung und Hygieneartikel. © Sven Ellger

Strom zum Beispiel. Wilfried Hermsdorfer tritt an die Theke der mobilen Kantine heran. Erbsensuppe gibt es heute. "Hier schmeckt eigentlich alles", sagt er und lässt sich die Schale füllen. Unterm Vordach ist es nicht warm aber trocken, und ein paar freundliche Worte bekommt er auch.

Wilfried lebt nicht auf der Straße wie viele andere, die regelmäßig hierher kommen. "Ich habe meine Wohnung noch, aber der Strom wurde mir abgestellt", erzählt er. Deshalb könne er sich keine warme Mahlzeit zubereiten. "Sonst benutze ich einen Campingkocher, doch die Kartusche ist leer und Globetrotter wegen Corona geschlossen."

Für seinen täglichen Kaffee hat sich der 65-Jährige etwas einfallen lassen: "Ich nehme ein Stöfchen mit Teelicht und heißes Wasser aus der Leitung." Auf diese Weise bringe er es fast zum Sieden. Zum Glück funktioniere die Heizung noch. "Frieren muss ich nicht."

Früher hat Wilfried Hermsdorfer als Koch gearbeitet und als Stahlwerker. Aber einiges sei schief gegangen in seinem Leben, erzählt er. Knast, Arbeitslosigkeit und eine Vergangenheit, die er nicht los wird. Irgendwie gab's immer Probleme. "Schon als Kind. Da bin ich immer wieder aus dem Heim ausgerissen und wollte zurück zur Mama. Durfte ich aber nicht." Dabei heiße er doch Wilfried: "Will-Fried. Ich will einfach nur Frieden."

Corona blockiert lebenswichtigen Austausch

Anderen geht es noch schlechter als ihm. Sie schlafen in Notunterkünften oder im Freien. Das Angebot der Treberhilfe, die mit ihrem Versorgungsbus auch jeden Montag, 13 Uhr, auf dem Scheunevorplatz in der Neustadt steht, hilft ihnen zu überleben. "Im Sommer kommen bis zu 40 Leute, um bei uns zu essen oder Kleidung oder Hygieneprodukte zu holen", erzählt Eva Karsten. Jetzt im Winter seien es deutlich weniger Menschen.

Die Sozialarbeiterin betreut das Sozialbus-Projekt und ist als Streetworkerin für Kinder und Jugendliche unterwegs. Corona stellt auch sie und die anderen Mitarbeiter vor große Aufgaben: "Wir müssen darauf achten, dass sich nicht zu viele Menschen zu eng am Bus versammeln", erklärt die 26-Jährige.

Masken zu tragen, ist Pflicht. Außerdem steht der Sozialbus momentan nicht so lange am Treffpunkt wie sonst. "Damit erfüllt er zwar immer noch die Aufgabe der Versorgung der Bedürftigen. Aber der soziale Aspekt leidet." Normalerweise brauchen Sozialarbeiter wie sie mehr Zeit, um mit den Menschen in extrem schwierigen Lebenslagen im Gespräch zu bleiben. Nur so können sie erfahren, was sie außer Essen, Kleidung und Hygieneartikel noch brauchen.

Vielleicht spezielle Beratung oder ärztliche Versorgung. Coronabedingt sind zahlreiche soziale Anlaufstellen für Wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Dresdner geschlossen. Tagestreffs und Kleiderkammern zum Beispiel. Entsprechend schwerer funktioniert die Kommunikation, und die Ausgrenzung nimmt zu. Auf der Straße kämpft jeder für sich allein. Helfende Hände sind durch geltende Regeln zum Schutz vor Infektion gebunden.

Eva Karsten und Joien Jank halten auch bei Kälte und Dunkelheit aus, um Bedürftigen zu helfen. Die haben aufgrund von Corona viel weniger Anlaufstellen, als in anderen Zeiten und sind auf mobile Angebote angewiesen.
Eva Karsten und Joien Jank halten auch bei Kälte und Dunkelheit aus, um Bedürftigen zu helfen. Die haben aufgrund von Corona viel weniger Anlaufstellen, als in anderen Zeiten und sind auf mobile Angebote angewiesen. © Sven Ellger

Doch die Mitarbeiter des Treberhilfe Dresden e.V. lassen Bedürftige nicht allein. Auch nicht unter widrigen Bedingungen. Nässe und Kälte gehören für Eva Karsten nicht zu den größten Herausforderungen: "Das bin ich gewohnt", sagt die Streetworkerin. Schwieriger ist es, genügend Mittel für den Sozialbus auch in der Krise zu sichern.

Er finanziert sich nämlich ausschließlich über Spenden und braucht das ehrenamtliche Engagement. "Warme Kleidung und Schlafsäcke haben wir im Augenblick ausreichend, weil viele Dresdner zu Hause aussortiert haben." Am meisten helfen Geldspenden. "Die brauchen wir beispielsweise, um die Menschen, die zu uns kommen, mit Desinfektionsmittel und frischen Masken auszustatten.

Schutzlosigkeit lässt sich steigern. Nämlich dann, wenn schon kein Dach über dem Kopf Deckung gibt, kein fließendes Wasser Sauberkeit. Dann wird das Virus zur Bedrohung ohne jede Barriere.

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

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