merken
PLUS Dresden

Die Rettung fürs Krankenhaus Dresden-Neustadt?

In der Diskussion um das Zukunftskonzept des Klinikums Dresden wurde nun ein Kompromiss gefunden. Dieser wird sehr unterschiedlich interpretiert.

Die Zukunft des Neustädter Krankenhauses in Dresden ist der Knackpunkt beim neuen Klinik-Zukunftskonzept. Die Entscheidung wird aufgeschoben.
Die Zukunft des Neustädter Krankenhauses in Dresden ist der Knackpunkt beim neuen Klinik-Zukunftskonzept. Die Entscheidung wird aufgeschoben. © Archiv/Sven Ellger

Dresden. Bis 2035 soll das Städtische Klinikum Dresden umgebaut werden. Der Plan sieht vor, die stationäre Versorgung in Friedrichstadt zu konzentrieren. In Trachau bliebe ein ambulantes Versorgungszentrum samt Notaufnahme, am Weißen Hirsch würde die Psychiatrie ausgebaut. Kommende Woche sollte der Stadtrat dieses Zukunftskonzept beschließen. Doch dazu wird es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht kommen.

Wird das Zukunftskonzept doch nicht beschlossen?

Der Gesundheitsausschuss, der zugleich der Aufsichtsrat des Städtischen Klinikums ist, empfiehlt, die Entscheidung über die Krankenhäuser Friedrichstadt und Neustadt zu verschieben. Nicht nur um ein paar Wochen. Bis spätestens 2024 wollen sich die Stadtpolitiker nun Zeit lassen. So hat es der Ausschuss am Mittwoch auf Antrag von Grün-Rot-Rot beschlossen. Hauptgrund ist, dass der Trachauer Standort als klassisches Krankenhaus aufgegeben werden soll. Grüne, Linke und SPD sehen das sehr kritisch. Lediglich die erste Phase des Zukunftskonzeptes soll nun kommenden Donnerstag vom Stadtrat auf den Weg gebracht werden. Die anderen, langfristigen Ziele nehme man zur Kenntnis, heißt es in der Beschlussempfehlung.

Elbgalerie Riesa
Hier macht Shoppen glücklich!
Hier macht Shoppen glücklich!

"Alles bekommen. In Riesa." – dieses Motto lebt die Elbgalerie Riesa.

Was passiert in der ersten Phase?

Für Friedrichstadt bedeutet das die Sanierung und Erweiterung des Hauses P, die ohnehin schon lange geplant war. Kosten: rund 44 Millionen Euro. Die Förderzusage des Freistaates gebe es bereits, so Klinik-Chef Marcus Polle. Darüber hinaus entstehen ein neues Laborgebäude, ein Parkhaus und ein Logistikzentrum. Das wären die Grundsteine dafür, dass die stationäre Versorgung einmal in Friedrichstadt gebündelt werden könnte. Mehr aber auch nicht.

Das Neustädter Krankenhaus würde zunächst gestärkt werden, indem die Kardiologie vom Weißen Hirsch an die Industriestraße zieht. Darüber hinaus sollen das medizinische Zentrum für Erwachsene mit Behinderung und das sozialpädiatrische Zentrum saniert und ausgebaut werden. Der Verbleib der chirurgischen und inneren Stationen ab Anfang der 2030er-Jahre bleibt dagegen ungeklärt. Bis zu einer endgültigen Entscheidung sollen weitere Analysen klären, wie sich die Schließung des Krankenhauses Neustadt auf die Gesundheitsversorgung in der Region auswirkt, insbesondere auf der Neustädter Elbseite.

Voll umgesetzt würde das Zukunftskonzept nur, was den Standort am Weißen Hirsch angeht. Dort ist ein Neubau für die Versorgung psychisch erkrankter Menschen geplant, ebenso eine sozialtherapeutische Wohnstätte und eine weitere Rettungswache. Kosten: etwa 95 Millionen Euro.

Warum haben sich die Stadträte so entschieden?

Sich zunächst nur auf die erste Phase zu konzentrieren, ist der einzige Weg, das komplette Klinik-Konzept nicht sofort scheitern zu lassen. Denn im Finanzausschuss war der Plan am Montag bereits mit knapper Mehrheit durchgefallen: „Das ist ein guter Kompromiss, durch die Änderungen sind alle Zweifel und Bedenken aufgenommen worden“, sagt die CDU-Gesundheits-Expertin Daniela Walter. „Wir wollten nicht jetzt alles beschließen und bis 2035 nichts mehr davon hören, sondern in allen Ausbauphasen Einfluss behalten.“

Dass die Entscheidungen über die weiteren Schritte ab 2025 spätestens im Jahr der nächsten Stadtratswahlen getroffen werden sollen, habe nichts mit Wahlkampf zu tun oder der Hoffnung auf andere Mehrheiten, so Walter. „Wir wollen so spät wie möglich entscheiden, um dann die aktuellsten Zahlen, zum Beispiel zur Bevölkerungsprognose, vorliegen zu haben.“

Michael Schmelich von der neuen Dissidenten-Fraktion sagt, die Ablehnung im Finanzausschuss sei eine „kluge Entscheidung“ gewesen. „Das hat alle aufgeweckt. Bei einer so wichtigen Entscheidung ist es wichtig, knappe Ergebnisse zu vermeiden.“ Bei der Entscheidung vom Dienstag handle es sich keinesfalls um einen faulen Kompromiss. „Es hat sich gezeigt, dass viele ein Problem mit der radikalen Variante – Schließung Neustadt – haben, die Personalie Polle hat das zudem neu befeuert.“

Jetzt gebe es die Grundsatzentscheidung für die erste und unstrittige Phase. „Ein neuer Direktor hat dann vielleicht auch andere Ideen für die weiteren Phasen, da ist es klug, abzuwarten.“ Als "große Niederlage" wertet Schmelich die Ausschuss-Entscheidung für die Sozialbürgermeisterin und den Klinik-Direktor. Den CDU-Wunsch, erst 2025 zu entscheiden, hält Schmelich für zu spät. „Vielleicht wird darauf spekuliert, dass der Stadtrat dann anders besetzt ist und eindeutiger entschieden wird.“

Wie stehen die Chancen, dass das Neustädter Krankenhaus erhalten bleibt?

Die Grünen gehören mit Blick auf den Trachauer Standort zu den größten Kritikern. Aus ihrer Sicht ist die Krankenhaus-Schließung nicht vom Tisch. Aber: „Wir klären, wie künftig die medizinische Versorgung auf rechtselbischer Seite sichergestellt wird, wenn der Standort Trachau aufgegeben werden sollte, insbesondere in medizinischen Notfallszenarien wie einem Hochwasser, und welche Auswirkungen sich für das Dresdner Umland ergeben.“ Daher sei es wichtig, die zweite und dritte Phase bis 2025 vertieft zu untersuchen, unter Einbeziehung des Stadtrates.

Dabei seien für Trachau mehrere Varianten zu untersuchen, unter anderem zur Aufrechterhaltung einer stationären internistischen und chirurgischen Grund- und Regelversorgung, einer erweiterten Notfallversorgung sowie zur Bildung eines medizinischen Zentrums für Kinderheilkunde und Geburtsmedizin.

Die Sozialdemokraten verstehen die aufgeschobene Entscheidung als Lichtblick für den Standort Trachau. „Zumindest ist es nicht die endgültige Entscheidung über das Aus des Krankenhauses Neustadt“, sagt SPD-Fraktionsvize Vincent Drews. Es sei wichtig, jetzt die Fördermittel für den Standort Weißer Hirsch zu sichern. Geprüft werde nun eine umfangreichere Notfallmedizin in Trachau zu etablieren. Die Quasi-Schließung des Standorts als Krankenhaus könnte somit noch verhindert werden. Derzeit ist für die Zukunft eine Ambulanz mit zehn Überwachungsbetten vorgesehen. Allzu lange könne sich der Stadtrat aber nicht Zeit lassen, so Drews weiter. Für die weiteren Phasen müssten Fördermittel beantragt werden, die nicht erst in vier Jahren beantragt werden könnten.

Noch weiter geht Jens Matthis (Linke) in seiner Einschätzung. „Die Schließung des Klinikums Neustadt ist damit vom Tisch. Der Kompromiss ist die Einigung auf das realistisch Mögliche in den nächsten fünf Jahren.“ Zuvor hatte er die Pläne als „Luftschlösser“ bezeichnet, weil die geplanten Fördersummen unrealistisch seien.

Gibt es auch Stadträte, die eine Schließung in Neustadt weniger kritisch sehen?

Mit dem Beschluss würden zwar alle Optionen offengehalten sagt, sagt FDP-Stadtrat Christoph Blödner. Die geforderten weiteren Untersuchungen würden allerdings zu demselben Ergebnis führen, dass die Zusammenlegung beider Krankenhäuser sinnvoll sei, ist er sicher. „Wichtig ist, dass es endlich losgeht“, sagt FDP-Stadtrat Christoph Blödner, der von einem Startschuss für die Umstrukturierung spricht.

Die AfD möchte die Zukunft Trachaus von den weiteren Untersuchungen abhängig machen. "Wir wollen uns alle Türen offenhalten und den Standort erhalten, wenn es ökonomisch sinnvoll ist", sagt Stadtrat Bernd Lommel. Ähnlich sehen es auch die Freien Wähler. "Ich verstehe die Bürger vor Ort", sagt Fraktionschef Jens Genschmar. "Deshalb gibt nun ja eine gewisse Puffer-Zeit für die Entscheidung zum Standort Neustadt." Mit dem Kompromiss könne er gut leben.

Sieht die Stadt das Konzept als Ganzes in Gefahr?

Die Stadtverwaltung zeigt sich froh, beginnen zu können. „Das Votum des Gesundheitsausschuss gibt unseren Patientinnen und Patienten und vor allem unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine nachhaltige Perspektive", sagt Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke). "Wer sein Ziel kennt, findet seinen Weg."

Wie reagiert der Klinik-Direktor auf die Entscheidung?

Und was sagt der Klinik-Chef dazu, dass ein Großteil des Strategiepapiers, an dem er mitgewirkt hat, erst einmal nicht beschlossen wird? „Ich begrüße die Entscheidung, dass wir die erste Phase des Zukunftskonzeptes 2035 so umsetzen können“, sagte Polle am Donnerstag der SZ. Zur zweiten und dritten Phase gebe es in der Stadtpolitik unterschiedliche Auffassungen, das sei erst einmal in Ordnung so. „Wir werden in den nächsten Jahren weitere Analysen durchführen, um die Entscheidungsgrundlage für alle aufzuarbeiten.“ Wichtig sei, mit dem Förderantrag für den Psychiatrie-Neubau loslegen zu können. Die Förderanträge für die zweite und dritte Phase seien „eh kein Thema für die Jahre 2021 und 2022“ gewesen. „Dadurch werden wir keine zeitlichen Verzögerungen erhalten.“

Weiterführende Artikel

Klinikum Dresden: Leugnen einer Niederlage

Klinikum Dresden: Leugnen einer Niederlage

Die Entscheidung zum Rettungskonzept für das finanziell angeschlagene Klinikum Dresden wird aufgeschoben. Trotzdem gibt es Gewinner und Verlierer. Ein Kommentar.

Krankenhaus-Chef verlässt Dresden

Krankenhaus-Chef verlässt Dresden

Nach nur eineinhalb Jahren wird Marcus Polle den Chefposten im Städtischen Klinikum abgeben. Die Reaktionen darauf sind heftig.

Klinikum: Notaufnahme ohne Krankenhaus?

Klinikum: Notaufnahme ohne Krankenhaus?

Bis 2035 will Dresden sein Klinikum umbauen. Vieles ist den Dresdnern noch unklar. Am Donnerstagabend stellten sich die Verantwortlichen den Fragen.

Rettungsstrategie fürs Dresdner Klinikum

Rettungsstrategie fürs Dresdner Klinikum

Millionenverluste führten zu Schließungsdiskussionen beim Städtischen Klinikum Dresden. Jetzt erklären die Verantwortlichen ihre Vision.

Marcus Polle wird somit nicht mehr Klinik-Chef sein, wenn sich die Zukunft der beiden großen Krankenhäuser entscheidet. Sein Vertrag läuft Ende des Jahres planmäßig aus. Polle wechselt nach Dortmund. „Natürlich hätte ich mich gefreut, wenn wir das Konzept komplett auf den Weg gebracht hätten. Aber ich sehe die Entscheidung jetzt als einen wichtigen ersten Schritt an. Wir sind nach wie vor von dem Gesamtkonzept überzeugt.“

Mehr zum Thema Dresden