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"Sie dürfen noch einmal das Leben spüren"

Als Pflegerin im Dresdner Marien-Hospiz begleitet Cindy Handrick Menschen an ihren letzten Tagen. Ein Traumjob für sie, auch wenn der Tod allgegenwärtig ist.

"Was ich immer machen wollte": Cindy Handrick ist seit Herbst Pflegerin im Dresdner Marien-Hospiz.
"Was ich immer machen wollte": Cindy Handrick ist seit Herbst Pflegerin im Dresdner Marien-Hospiz. © Sven Ellger

Dresden. Der Moment kurz vor dem Tod ist ein ganz besonderer. Das Atmen wird langsamer, die Pausen länger. "Und dann ist es ganz still", sagt Cindy Handrick. "Das Gesicht entspannt sich und die Verkrampftheit im ganzen Körper lässt nach."

Die 32-Jährige weiß, wann es Zeit ist, Abschied zu nehmen. "Manchmal hat sich der Mensch auch schon in den Tagen zuvor verändert, sich auf den Weg gemacht."

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Nicht selten verbringt Cindy Handrick die letzten Stunden an der Seite des Sterbenden. Vielen Angehörigen kann sie damit einen Teil ihrer Angst nehmen, ein Anker im Gefühlschaos sein. Manchmal ist außer ihr auch gar niemand da und sie wacht die ganze Nacht an einem Bett. Dann legt sie noch einmal die CD mit den schönen Melodien ein, gibt eine sanfte Fußmassage, sie liest eine Geschichte vor, tupft den Mund ab oder sitzt einfach nur da und schweigt.

Zwei bis drei Menschen sterben jede Woche im Dresdner Marien-Hospiz, dem ersten seiner Art in der Stadt. Eröffnet wurde das Haus an das Canalettostraße, das zum Krankenhaus St. Joseph-Stift gehört, erst im vergangenen Oktober. Seit Mitte Februar sind die zwölf Plätze voll belegt. Die Anmeldeliste ist lang.

"Kann ich Ihnen noch etwas Gutes tun?" Cindy Handrick erfüllt den Gästen im Marien-Hospiz fast jeden ihrer letzten Wünsche.
"Kann ich Ihnen noch etwas Gutes tun?" Cindy Handrick erfüllt den Gästen im Marien-Hospiz fast jeden ihrer letzten Wünsche. © Sven Ellger

Als Cindy Handrick von der Eröffnung des Hospizes hörte, war ihr sofort klar, dass sie Teil dieses Teams werden wollte. "Das ist genau das, was ich immer machen wollte", sagt die Krankenschwester, die bis dahin im St. Joseph-Stift in der Gynäkologie eingesetzt worden war. Nebenbei begleitete sie aber schon damals ehrenamtlich Schwerkranke für den Christlichen Hospizdienst.

"Ich war 16 als sich mein Vater das Leben nahm", sagt sie. "Damit kam das Thema Tod in mein Leben und hat mich nie mehr losgelassen." Sie überlegte, Bestatterin oder Gerichtsmedizinerin zu werden. Stattdessen entschied sie sich für einen zweijährigen Freiwilligendienst in der Altenpflege, auf den die Ausbildung zur Krankenschwester folgte. Seit Herbst ist nun das Hospiz ihr Arbeitsplatz.

Es ist Mittagszeit. Für eine ältere Dame gibt es Quarkeulchen mit Apfelmus. Als einzige Bewohnerin isst sie auch in Pandemiezeiten nicht in ihrem Zimmer, sondern auf dem Flur. "Sie erfreut sich daran, die anderen zu beobachten", sagt Cindy Handrick, die in den vergangenen Wochen bereits eine vertraute Beziehung zu der Frau aufbauen konnte. "Mögen Sie Zimt und Zucker?" Die Frau nickt. "Und Schlagsahne?" Auch das gern. Schwester Cindy streichelt ihr über die Schulter und wünscht einen guten Appetit.

Wie fast immer trägt die Dame ihre bunte Strickjacke, die sie im Alter von 17 Jahren selbst aus alten Wollresten genäht hat, wie sie stolz sagt. "Man kann nur erahnen, wie viel Erinnerung da dran hängt", sagt Cindy Handrick. Am Anfang habe die Frau noch mehr geredet, ihr manches aus ihrem langen Leben erzählt. Heute genießt sie am liebsten still ihre Zigarette auf der Terrasse oder ihren kleinen Eierlikör.

"Ein Hospiz ist kein Krankenhaus" betont Cindy Handrick. "Deswegen sprechen wir auch nicht von Patienten, sondern von unseren Gästen." Medizinische Behandlungen sind hier die Ausnahme. Es gibt keine Visiten, keine Akten und keine sterilen Gänge. "Diese Menschen sollen hier nicht einfach ihre letzten Atemzüge machen. Sie dürfen bei uns noch mal das Leben spüren und sollen sich geborgen fühlen." Wenn irgendwie möglich, ohne Schmerzen, Atemnot und Angst. "Es geht nicht mehr darum, gesund zu werden. Vielen nimmt auch dieser Gedanke eine Last."

Das merken auch die Angehörigen. Die größte Anerkennung für Cindy Handrick sei es, wenn ihr die Hinterbliebenen am Ende sagten: Vielen Dank, es war so schön bei Ihnen. Schön. Ein komisches Wort in Zusammenhang mit dem Tod. Doch an diesem Ort passt das zusammen.

Von ihrer Familie wird Cindy Handrick daheim schnell in den Alltagsmodus zurückgeholt.
Von ihrer Familie wird Cindy Handrick daheim schnell in den Alltagsmodus zurückgeholt. © privat

"Wir leben hier ganz bewusst wie in einer Blase", sagt Cindy Handrick. Die Probleme der Welt da draußen spielen in diesen Räumen keine Rolle - mal abgesehen von der Corona-Krise, die in den vergangenen Monaten die Besuchsmöglichkeiten einschränkte.

Wer möchte, bekommt hier ein Rinderfilet gebraten oder einen großen Eisbecher serviert. Was ermöglicht werden kann, wird ermöglicht. Erst kürzlich überraschte ein Spieler von Dynamo Dresden hier einen Fußballfan.

Was sich nach einem Fünf-Sterne-Hotel anhört, ist dennoch ein Ort, an dem auch die inneren Konflikte der Todkranken sichtbar werden. Im Sterben lässt der Mensch die Maske falle, sagt man. "Natürlich gibt es diejenigen, die mit ihrem Schicksal hadern und sich dagegen auflehnen." Cindy Handrick mag es niemandem verübeln, wenn er sie anblafft oder aus seinem Zimmer wirft. "Das muss man aushalten. Wer das persönlich nimmt, ist hier falsch."

Wie aber soll man solche Schicksale nicht persönlich nehmen? Das der 21-Jährigen mit der unheilbaren Tumorerkrankung oder das des jungen Familienvaters, der zum Hochzeitstag noch einmal raus darf. Und kurz darauf stirbt. "Es ist wichtig, dass das jeder emotional nur so eng an sich heranlässt, wie er gut damit umgehen kann."

"Hier darf gelacht werden"

Cindy Handrick ist eine derjenigen, die nach Dienstschluss ganz gut abschalten können. Nur selten nimmt sie Arbeit gedanklich mit nach Hause. "Meine zwei Kinder bringen mich schnell in den Alltagsmodus", sagt sie und lächelt vielsagend.

Kajus wurde 2015 geboren, Jakob 2019. Der Große weiß, wo Mama arbeitet und fragt daheim am Abendbrottisch auch mal, ob heute wieder jemand gestorben ist. "Es ist mir wichtig, meinen Kindern zu zeigen, dass der Tod zum Leben dazugehört und nichts Schreckliches ist, über das nicht gesprochen werden darf."

Aus dem gleichen Grund gibt es im Hospiz auch eine Kinderecke. Neulich erst spielte ein Enkel für seinen Opa Klavier. "So wie wir als Kind den Tod kennenlernen, so begleitet er uns ein Leben lang. Das Hospiz ist bunt. Hier darf gelacht werden."

Wenn Cindy Handrick nach Feierabend nach Hause fährt, fühlt sie sich nur selten bedrückt und viel öfter beglückt, ja beseelt.

Lässt sich diese Leichtigkeit an der Schwelle zwischen Leben und Tod ewig bewahren? Wird sie womöglich in drei Jahrzehnten hier im Hospiz in Rente gehen? Da muss sie kurz nachdenken. "Ich weiß es nicht", sagt sie dann, "aber ich hoffe, mir dieses Gefühl noch lange bewahren zu können."

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