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"Dresden und ich - wir kommen zurecht"

Meistgelesen: Vineeth Surendranath kam vor 17 Jahren als Wissenschaftler aus Indien. Inzwischen betreibt er ein Café - und rettet nebenbei jeden Tag Leben.

"Ein Café leiten? Ich?": Vineeth Surendranath ist kein Mann für eine Schublade.
"Ein Café leiten? Ich?": Vineeth Surendranath ist kein Mann für eine Schublade. © Sven Ellger

Dresden. Sein Doktorvater verstand die Welt nicht mehr. Wollte dieses Genie allen Ernstes alles hinschmeißen? Seinen Doktortitel? Seine Karriere? Für ein Café? "Er sagte mir, dass die Wissenschaft mein Schicksal sei", erinnert sich Vineeth Surendranath. "Und ich habe ihm geantwortet: Aber mein Schicksal muss nicht meine Wahl sein." Seine Wahl fiel stattdessen auf das Café Oswaldz in der Dresdner Neustadt.

Ein Blick auf den Lebenslauf des 41-Jährigen würde jeden Personalchef bei einem Bewerbungsgespräch stutzen lassen. Zunächst studierte Vineeth Surendranath in seiner indischen Heimat Maschinenbau, um mit dem Abschluss in der Tasche festzustellen, dass er darauf keine Lust hat.

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Stattdessen wandte er sich dem boomenden IT-Bereich zu und traf zufällig einen Professor aus den USA, der ihn davon überzeugte, in die Genetik einzusteigen. "Moderne Genetik ist vor allem Mathematik und Informatik", erklärt er. Und so fuchste er sich innerhalb kurzer Zeit in die Materie hinein und plante, seine Doktorarbeit in den USA zu schreiben.

Bei der DKMS in Dresden versucht Vineeth Surendranath täglich, Stammzellspender mit den richtigen Patienten zusammenzubringen.
Bei der DKMS in Dresden versucht Vineeth Surendranath täglich, Stammzellspender mit den richtigen Patienten zusammenzubringen. © privat

Sein Besuch am Max-Planck-Institut in Dresden vor 17 Jahren sollte eigentlich nur ein kurzer Zwischenstopp werden. Aber so ist das manchmal mit kurzen Zwischenstopps. "Meine Chefs boten mir an, die Doktorarbeit hier zu schreiben." Das Angebot fühlte sich gut an.

Vineeth Surendranath blieb und forschte weiter, bis er in eine tiefe Identitätskrise geriet. "All diese Wissenschaft, das macht doch alles keinen Sinn", dachte er und machte sich daran, das "echte" Leben zu erspüren. Mit Freunden im Café.

Er lernte jetzt viel darüber, wie man einen guten Kaffee macht und fand sich ab 2013 an den Wochenenden als Aushilfe im Café Oswaldz an der Bautzner Straße wieder. Als er dann das unverhoffte Angebot bekam, die Leitung eben jenes Cafés zu übernehmen, entschloss er sich, der Wissenschaft den Rücken zu kehren - zum Entsetzen seines Doktorvaters.

"Inzwischen ist er aber bei mir Stammgast", sagt Vineeth und lacht laut auf. Trotz der ewigen Corona-Krise, die den sonst so belebten Innenhof des Cafés wie ausgestorben erscheinen lässt, ist er noch immer glücklich mit seiner Entscheidung.

Und langweilig dürfte es ihm so schnell auch nicht werden, denn - natürlich - hat sich längst eine neue Tür für ihn geöffnet, auch wenn er diesmal die alte nicht hinter sich schließen musste.

Vor der Arbeit noch schnell zur Arbeit

Vor fünf Jahren unterschrieb Vineeth einen Arbeitsvertrag bei der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, die weltweit Stammzellspender mit Blutkrebspatienten zusammenbringt. Das "Life Science Lab" der DKMS in Dresden ist das weltweit größte Typisierungslabor seiner Art. Auch hier sind Menschen wie Vineeth äußerst gefragt, die mit vielen und großen Zahlen umgehen können. In seinem Büro stehen vier Computer, um die riesigen Datenmengen zu verarbeiten. "Mein Bruder hat schon gesagt, er hätte nicht geglaubt, dass ich noch mal was Sinnvolles in meinem Leben machen würde", sagt Vineeth.

Aber warum nun doch wieder Wissenschaft? Angewandte Forschung liege ihm mehr, weil es auf konkrete Fragen konkrete Antworten gebe: Ja, es geht. Nein, es geht nicht. Grundlagenforschung finde aus seiner Sicht dagegen nie ein Ende.

Vineeth Surendranath füllt damit jetzt zwei Vollzeitjobs aus, die unterschiedlicher kaum sein könnten. "Ich habe das große Glück, dass mein Team im Oswaldz sehr gut und selbständig arbeitet", sagt er. Meist schaue er vormittags im Café vorbei, bevor er ins Labor fährt. Nach Feierabend bei der DKMS führe ihn sein Weg dann wieder ins Café.

"Plötzlich ein Leben in der Hand"

Da kann es schon mal passieren, dass mitten im DKMS-Meeting jemand anruft, um ihm mitzuteilen, dass der Kühlschrank kaputt sei. In der Regel könne er seine Jobs aber ganz gut trennen. "Ich habe keine Familie und keine Haustiere und kann mir die Zeit deswegen einteilen."

Das gilt auch für überraschende Aufträge. Im Februar fragte ihn sein Chef eines Tages, ob er schnell mal nach Indien fliegen könne. Eine Stammzellspende musste dort abgeliefert werden, die aus Sicherheitsgründen nie einfach nur per Post verschickt werden. In Corona-Zeiten kann es bei Trips wie diesem aber schnell Visa-Probleme geben, sodass ein Inder der beste Mann für diese Mission zu sein schien. In Frankfurt nahm Vineeth Surendranath den Koffer mit der wertvollen Fracht entgegen.

"Bis dahin war die Arbeit bei der DKMS für mich völlig abstrakt. Ich hatte ja nie Kontakt zu Patienten. Deswegen war das schon ein komisches Gefühl, plötzlich ein Leben in der Hand zu haben." Der Auftrag war klar: Der Koffer musste so schnell wie möglich im richtigen Krankenhaus landen.

Drama am Flughafen

Auf dem Flughafen in Indien wollte man ihn allerdings nicht so einfach durchwinken, zumal sein Koffer nicht gescannt werden durfte. "Die Mitarbeiter dort hatten noch nie was davon gehört", sagt Vineeth, der den Flughafen zunächst über Stunden nicht verlassen durfte, dann von Sicherheitspersonal begleitet zum Hotel gefahren wurde, wo er aber nicht eincheckte, um keine Quarantäne zu riskieren. "Ich wollte ja noch am selben Tag wieder nach Hause fliegen." Also ging es wieder zurück zum Flughafen , wo er nun aber auch nicht mehr reingelassen wurde. "Und ich hatte ja immer noch den Koffer bei mir."

Endlich bekam er die Erlaubnis, das Krankenhaus zu kontaktieren, sodass die Spende abgeholt werden konnte. Danach sei er deutlich entspannter gewesen, habe mit Hilfe eines findigen Mitarbeiters doch noch eine Möglichkeit zum Check-in gefunden und dann bis zum Abflug noch fast einen Tag ohne Schlaf auf dem Flughafen verbringen müssen.

"Das war schon extrem, aber ich weiß ja, wofür ich es getan habe." Die Transplantation hat stattgefunden, über das Ergebnis darf er allerdings nicht informiert werden. Da gibt es strenge Datenschutzregeln.

Nach "Dresden" gegoogelt

Zurück im Oswaldz, brauchte Vineeth erstmal einen starken Kaffee. "Ich war einfach froh, wieder da zu sein." Und das ist er immer noch.

"Dresden und ich - wir kommen zurecht", sagt er und lächelt vielsagend. Vor seinem ersten Flug aus Indien nach Sachsen vor 17 Jahren habe er noch nach "Dresden" googeln müssen. Inzwischen wisse er, was er an der Stadt habe und verteidige sie energisch gegen die üblichen Klischees. Es ist keine brennende Liebe, aber auch mehr als eine Vernunftsehe.

Ob er eines Tages seine Zelte hier wieder abbrechen wird? Da muss Vineeth lange überlegen. "Nichts zwingt mich zu gehen, nichts zwingt mich zu bleiben", formuliert er es dann vorsichtig. Nach diesem Grundsatz hat er immer gelebt. Denn sein Schicksal muss nicht seine Wahl sein.

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