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Die geheime Stadt unter Dresdens Uniklinik

Die Lebensadern der Uniklinik Dresden sind zur Hochsicherheitszone ausgebaut worden. Warum sie auch für Patienten überlebenswichtig sind.

Projektleiter Marco Fischer (l.) und Technikchef Steffen Kluge in dem Gang, der frisch erneuert ist. Ein drei Kilometer langes Netz mit Ver- und Entsorgungsleitungen verläuft unter der Dresdner Uniklinik.
Projektleiter Marco Fischer (l.) und Technikchef Steffen Kluge in dem Gang, der frisch erneuert ist. Ein drei Kilometer langes Netz mit Ver- und Entsorgungsleitungen verläuft unter der Dresdner Uniklinik. © Sven Ellger

Dresden. Tief hinab ist Steffen Kluge gestiegen. Der Geschäftsbereichsleiter Bau und Technik der Dresdner Uniklinik ist hier oft unterwegs. Schließlich sind diese Gänge mit ihren vielen Ver- und Entsorgungsleitungen, die er als Kollektoren bezeichnet, die Lebensadern des Krankenhauses. „Wir haben hier eine kleine Stadt unter dem Uniklinikum“, sagt der 64-Jährige. Und die muss nicht nur instandgehalten und saniert, sondern hochmodern ausgebaut werden. Dafür ist sein Projektleiter Marco Fischer zuständig, mit dem er in seinen Kollektoren unterwegs ist. 

Die Geschichte: Verbindungen für Patienten und Personal

Ab Ende des 19. Jahrhunderts war das Stadtkrankenhaus Dresden-Johannstadt gebaut worden, erklärt Kluge. Am 2. Dezember 1901 war es mit den Abteilungen Chirurgie, Innere Medizin und Augenheilkunde eröffnet worden. Die Gebäude waren durch unterirdische Gänge verbunden, die vom Personal und von Patienten unter anderem bei Krankentransporten genutzt wurden. Doch ab den 1920er-Jahren wurde es in den Gängen enger. Denn das Krankenhaus bekam eine Fernheizsystem mit einem zentralen Kesselhaus, erklärt der Technikchef den nächsten Schritt. Die Leitungen kamen in die Gänge, die somit zu sogenannten Kollektoren wurden. Dennoch wurden sie weiter als Durchgänge genutzt.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden schrittweise sämtliche Leitungen in die zwei bis vier Meter hohen Gänge verlegt, so für Wasser, Abwasser, Gas Telekommunikation und auch medizinische Zwecke. Zuvor hatten die Häuser separate Anschlüsse.

Über solche Umwege müssen Leitungen geführt werden, damit die Zugänge frei bleiben.
Über solche Umwege müssen Leitungen geführt werden, damit die Zugänge frei bleiben. © Foto: SZ/Peter Hilbert

Das Desaster: Gänge bei Jahrhundertflut unter Wasser

Zur Katastrophe kam es bei der Jahrhundertflut im August 2002. Zwar stand die Elbe nicht so hoch, dass die Uniklinik überschwemmt wurde. Das Grundwasser war aber so stark gestiegen, dass es von unten in die Gänge drückte, beschreibt Kluge eine Ursache. Außerdem war der Hauptkanal auf der Augsburger Straße, der aus Striesen kommt und direkt durch die Uniklinik führt, randvoll. Deshalb habe sich das Abwasser in den Anschlüssen aus den Kollektorgängen zurückgestaut und hatte sie mit überschwemmt.

Die Uniklinik hat für solche Fälle Konsequenzen gezogen. Wäre der Hauptkanal wieder voll, kann das Abwasser aus der Uniklinik mit sogenannten Hebeanlagen abgepumpt werden, damit die Gänge nicht wieder überschwemmt werden. „Für uns ist es wichtig, dass wir immer eine sichere Ver- und Entsorgung gewährleisten“, sagt der Technikchef. Die sei in der Uniklinik im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtig.

Der Ausbau: Tunnelbauer errichten neue Gänge

Mittlerweile ist das Kollektornetz bereits drei Kilometer lang. Seit der Wiedervereinigung haben Bauleute unterirdische Gänge auf einer Länge von rund einem Kilometer errichtet. Das war nötig, um neue Gebäude anschließen zu können. Als Beispiele führt er das Parkhaus, das Kinder-Frauenzentrum und die Klinik für Strahlentherapie an. 

Durch die Gänge verlaufen auch spezielle Leitungen, so für medizinische Druckluft. „Sie wird unter anderem für die Herstellung von Vakuum benötigt, wenn beispielsweise Wunden abgesaugt werden müssen“, erläutert Kluge. Gleich daneben ist eine Sauerstoffleitung zur Versorgung von Patienten installiert.

Das sind die speziellen Leitungen im Kollektorgang, die für medizinische Zwecke nötig sind.
Das sind die speziellen Leitungen im Kollektorgang, die für medizinische Zwecke nötig sind. © SZ/Peter Hilbert

Vor allem im Bereich der Anschlüsse von Gebäuden sind die Gänge sogar zweistöckig, damit sich die großen Leitungen nicht in die Quere kommen. „Wir nennen sie Mammutfallen“, sagt Kluge. Denn dort sind die Gänge insgesamt so hoch, dass solche Rüsseltiere dort hineinpassen würden. 

Schrittweise werden die Gänge mit ihren Leitungen saniert. Zuletzt war das im vergangenen Jahr in einem 280 Meter langen Abschnitt unter dem ehemaligen Johannstädter Krankenhaus an der Fetscherstraße abgeschlossen worden. In dem Zuge wurden fast alle Leitungen erneuert. Die großen Fernwärmerohre hatten neue Hüllen bekommen. Dafür investierte der Freistaat rund 1,6 Millionen Euro.

Eine Vielzahl von Leitungen verläuft durch die gut gesicherten Gänge.
Eine Vielzahl von Leitungen verläuft durch die gut gesicherten Gänge. © Foto: SZ/Peter Hilbert

Die Sicherheit: Zugang für nächtliche Schlafgäste dicht

Besonders wichtig sei es, dass sämtliche Zugänge gut gesichert sind. Früher waren unter anderem Obdachlose hinabgestiegen, um sich ein warmes Schlafplätzchen zu sichern. „Die Türen sind seit etwa zehn Jahren aber so gesichert, dass kein Unbefugter mehr in diese Technikräume kommt“, sagt Kluge. Eingebaut wurden zudem neue stählerne Klappen an Verbindungen zur Oberfläche, die fest verschlossen sind. „Wenn hier unten einer am Rädel dreht, geht der Sauerstoff aus. So etwas darf nicht passieren.“ 

Das ist eine der sicheren Klappen zur Oberfläche, die erneuert wurde.
Das ist eine der sicheren Klappen zur Oberfläche, die erneuert wurde. © Foto: SZ/Peter Hilbert

Der Brandschutz: Vorsorge für den Fall der Fälle

Höchste Priorität habe zudem der Brandschutz. So wurden automatische Brandmelder eingebaut. Zudem haben Spezialisten automatische Entrauchungsklappen installiert, die sich bei einem Brand öffnen. „Wir haben in den vergangenen zehn Jahren die hohen Auflagen von Feuerwehr und Sicherheitsbehörden erfüllen können“, sagt Kluge. „So haben wir keinerlei Gefahren mehr an den Versorgungsanlagen beziehungsweise an den Zugängen zu den Kliniken zu befürchten.“

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