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So funktioniert Dresdens Schule ohne Zensuren

An der Universitätsschule in Dresden werden neue Lernformen ausprobiert. Keine Noten, Klassen und Lehrplan - ist das die Schule der Zukunft? Ein Besuch vor Ort.

Freies Lernen wird in der Unischule großgeschrieben: Hier dürfen die Kinder ihre Aufgaben auch im Schulhausflur erledigen. 2019 hat Ingo Frohberg seinen Sohn in der Schule von Leiterin Maxi Heß angemeldet - und ist vom Konzept begeistert.
Freies Lernen wird in der Unischule großgeschrieben: Hier dürfen die Kinder ihre Aufgaben auch im Schulhausflur erledigen. 2019 hat Ingo Frohberg seinen Sohn in der Schule von Leiterin Maxi Heß angemeldet - und ist vom Konzept begeistert. © René Meinig

Dresden. Wie startet man ein Schulexperiment, für das es noch kein Vorbild gibt? "Wir sind irgendwie hineingestolpert", sagt Maxi Heß, die seit 2019 Leiterin der Dresdner Universitätsschule ist. Vor knapp zwei Jahren begann das Projekt der Technischen Universität Dresden und der Landeshauptstadt, das sich zum Prestigeobjekt entwickeln könnte: Einen solch groß angelegten Schulversuch hat es bislang in Europa noch nicht gegeben. Und doch ist er so wichtig für die Bildungslandschaft von morgen, sagt Maxi Heß.

Die Grund- und Oberschule ist öffentlich und kostenfrei, alle Familien können sich bewerben, auch außerhalb des Schulbezirks. Träger ist die Landeshauptstadt, sie ist für den Standort und die Ausstattung verantwortlich.

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An der Unischule lernen Schüler abseits des bekannten Systems mit separaten Unterrichtsstunden in Deutsch, Mathematik und allen anderen Fächern. Schulnoten, feste Klassen und Zimmer, ein vorgegebener Lehrplan darüber, wann die Schüler welchen Stoff draufhaben müssen - all das gibt es in der Unischule nicht. Schon beim Betreten des Schulhauses wird schnell klar: Hier läuft einiges anders. Die Räume stehen offen, Kinder haben es sich an kleinen Tischen und auf Teppichen im Flur gemütlich gemacht, malen, schnattern, tauschen sich mit Lehrern aus.

Lehrer und Erzieher sind "Lernbegleiter"

Doch halt: Die Erwachsenen an der Unischule werden Lernbegleiter genannt, erklärt Maxi Heß. "Das sind nicht nur voll ausgebildete Lehrer, sondern auch Erzieher." An einer Regel-Grundschule sind Lehrer für den Unterricht zuständig, am Nachmittag übernehmen die Erzieher im Hort. An der Unischule sind alle Erwachsenen ganztägig für die Schüler ansprechbar, wenn sie Fragen haben, Hilfe brauchen. Ansonsten sind die Kinder sehr selbstständig und treffen ihre eigenen Entscheidungen, wenn es ums Lernen geht, nicht die Lernbegleiter.

Die Kinder sollen Spaß an der Schule haben, und nach ihrem Abschluss dennoch fit für eine Ausbildung, ein Studium und später den Job sein. Dieses Ziel verfolgen Maxi Heß, ihre Kollegen und die Bildungsforscher der TU, die das Ganze wissenschaftlich begleiten. Wie kann die Schule der Zukunft aussehen? In der Unischule wird das seit 2019 getestet.

Im Sommer 2019 wurde die Unischule an der Cämmerswalder Straße in Kleinpestitz eröffnet. In den kommenden Jahren soll sie weiter wachsen, sodass das Konzept möglichst gut umgesetzt und weiterentwickelt werden kann.
Im Sommer 2019 wurde die Unischule an der Cämmerswalder Straße in Kleinpestitz eröffnet. In den kommenden Jahren soll sie weiter wachsen, sodass das Konzept möglichst gut umgesetzt und weiterentwickelt werden kann. © René Meinig

Ingo Frohberg ist ein Vater, der seinen Sohn im Schuljahr 2019/20 an der Unischule angemeldet hat. Inzwischen besucht er die 3. Klasse - wobei es diese Einordnung eigentlich gar nicht gibt. Zwar gehören die Kinder einer Stammgruppe an, doch welche Aufgaben sie wo in der Schule erledigen, entscheiden sie allein. "Jeder ist für seinen Lernpfad selbst verantwortlich", sagt Maxi Heß. Das offene Schulhaus mit verschiedenen Lernateliers ermöglicht einen wichtigen Baustein des Konzeptes: Schüler unterschiedlichen Alters lernen gemeinsam, helfen sich gegenseitig, profitieren voneinander.

Gearbeitet wird grundsätzlich an Projekten. Ein Schuljahr ist in drei Module mit unterschiedlichen Themen unterteilt. Jeweils zehn Wochen befassen sich die Schüler dann mit einem Projekt dazu. Aber wie funktioniert das im Schulalltag? Ingo Frohberg erzählt, dass sein Neunjähriger zuletzt ein Brettspiel selbst entwickelt und gebaut hat.

Zum Thema "Wir spielen" mussten sich die Kinder zunächst ein Konzept überlegen, das dann vorgestellt und genehmigt werden musste. "Er hat dann die Anleitung dazu geschrieben, das Spiel gebaut, er musste es vermessen und in der Werkstatt überlegen, wie er es mit welchen Materialien herstellen kann", berichtet Papa Ingo Frohberg. Deutsch, Mathematik, Werken - all diese Fächer fließen in das Projekt ein. "Für die Kinder fühlt es sich gar nicht so an, als ob sie lernen. Sie tun etwas, was ihnen Spaß macht, aber erarbeiten sich dennoch Wissen."

Einzige staatliche Schule ohne Noten

Und doch sollen sich die Kinder auch mal durchbeißen, wenn etwas nicht so gut klappt, ergänzt Maxi Heß. Gefördert werden so jene Eigenschaften, die später im Alltag und im Berufsleben wichtig sind. Maxi Heß unterscheidet an dieser Stelle Lehrplaninhalte von Lehrplanzielen. Sie nennt ein Beispiel für die Grundschule: Im sächsischen Lehrplan ist vorgesehen, dass die Zweitklässler das Verhalten eines Laubfrosches beobachten. Daran ist eine Regelschule gebunden. "Bei uns geht es zwar auch darum, die Kompetenz des Beobachtens zu erlernen. Wen oder was der Schüler beobachtet, ist dabei aber egal."

Die Dresdner Unischule ist die einzige staatliche Schule in Sachsen, an der es bis zur Klasse 9 keine Noten gibt und damit auch kein Ziffernzeugnis am Ende des Schuljahres. Das musste das Kultusministerium zunächst genehmigen. "Wir haben lange darum gekämpft", sagt die Schulleiterin. Der Kompromiss: Die verbale Einschätzung des Schülers - ein Lern- und Entwicklungsbericht, der ganz individuell, aber auch zeitaufwendig vom Schulteam erstellt wird - kann auch in Noten abgebildet werden, sollte das Kind etwa die Schule wechseln.

Ziel ist es nun, die Unischule als Gemeinschaftsschule zu führen und es den Schülern zu ermöglichen, ihr Abitur zu machen.

"Wir wollen weder Förder- noch Eliteschule sein"

Viele Dinge müssen sich im Laufe der Zeit entwickeln, betont Maxi Heß. So habe es durchaus gedauert, bis sich nach dem Start 2019 alles eingespielt hatte, nicht alles war vorhersehbar. Etwa, dass zunächst nur Familien ihre Kinder anmeldeten, die in ihrer Regelschule nicht zurechtgekommen sind. "Viele Kinder hatten ein großes Problem mit Schule, sie mussten wir erst einmal wieder auf den richtigen Weg bringen."

Ihre Eltern sahen in der Unischule eine Rettung für ihren Nachwuchs. Allerdings entspricht das nicht dem Konzept, denn das sieht vor, dass die Schulgemeinschaft einen Durchschnitt der Dresdner Gesellschaft abbildet. "Wir wollen weder Förder- noch Eliteschule sein." Kinder aus armen und reichen Haushalten, mit Akademikereltern und Eltern ohne Studienabschluss, ausländische Schüler, die nur wenig Deutsch sprechen, aber auch Kinder mit Förderbedarf - sie sollen gemeinsam und voneinander lernen.

Auch für den Anteil von Jungen und Mädchen gibt es ein klar gestecktes Ziel. Dafür müssen sich aber möglichst viele verschiedene Schüler auf die Plätze bewerben, was inzwischen auch der Fall ist, sagt Maxi Heß. An der Oberschule haben sich für das kommende Schuljahr 92 Kinder auf 83 Plätze beworben, bei der Grundschule waren es sogar 130 Schüler auf 75 Plätze.

Bei der Anmeldung erhebt die TU Dresden die Daten der Kinder - auch das war aufgrund des Datenschutzes gar nicht einfach umzusetzen - und ein Computerprogramm berechnet, wer angenommen wird und wie sich die Gruppen zusammensetzen. In den kommenden Jahren sollen mithilfe eines Algorithmus auch die Lernpläne für jeden einzelnen Schüler erstellt werden. Diese digitale Unterstützung entlastet künftig auch die Pädagogen und die Schulleitung, erklärt Maxi Heß. Damit haben sie Zeit für andere Aufgaben. Mit dem Tablet können Erzieher und Lehrer überall im Schulhaus sofort digital vermerken, was sie bei den Kindern beobachten, was sie gelernt haben, wo es noch Probleme gibt. Und Eltern können jederzeit darauf zurückgreifen und schauen, wo ihr Kind steht. Das ist die Schule der Zukunft, sagt Maxi Heß.

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Ingo Frohberg bemerkt schon jetzt den Unterschied zu einer Regelschule, denn er hat den direkten Vergleich. Sein älterer Sohn besucht heute ein großes Gymnasium in Dresden. "Als er in die Grundschule kam, war er immer angespannt, später kam die Angst vor Arbeiten oder Prüfungen dazu. Der Druck ist an einer Regelschule einfach groß." Stures Einpauken von Schulstoff - das will er seinem jüngeren Sohn mit dem neuen Konzept der Unischule ersparen. "Er geht entspannt zur Schule und kommt völlig gelöst nach Hause." Das Brettspiel, das er entwickelt hat, wurde daheim mit der Familie schon ausgetestet. "Es ist wirklich spielbar", sagt der Vater lachend.

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