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Von der Theatergastronomie zur Chipfabrik in die Kita

Corina Tietze ist als Restaurantfachfrau gestartet, hat bei Infineon gearbeitet und danach Tageskinder betreut. Heute leitet die Dresdnerin eine besondere Kita.

Es gibt kein schlechtes Wetter - nur falsche Kleidung. Wer ein richtiger Wiesenfrosch ist, fürchtet sich nicht vor Nässe. Kitaleiterin Corina Tietze verbringt so viel Zeit wie möglich mit den Kleinen an der frischen Luft - mit ganz viel Action.
Es gibt kein schlechtes Wetter - nur falsche Kleidung. Wer ein richtiger Wiesenfrosch ist, fürchtet sich nicht vor Nässe. Kitaleiterin Corina Tietze verbringt so viel Zeit wie möglich mit den Kleinen an der frischen Luft - mit ganz viel Action. © Marion Doering

Dresden. Der Gummistiefelbaum hängt voller Früchte. Er steht im Flur der Kita "Wiesenfrösche" mitten im Grün des Schönfelder Hochlandes. Die Stiefel, die jeder Pfütze trotzen, sind daran aufgespießt, ihre Sohlen starren vor eingetrockneter Pampe. Genau so soll es sein. Schließlich sind hier keine Stubenhocker zugange, sondern Knirpse mit viel Spaß an der frischen Luft. Den bietet der riesige Garten der ASB-Kindertagesstätte, und direkt vor ihrer Tür der Wald, die Wiesen und Felder. Sogar ein Bach plätschert. "Wir wollen, dass unsere Kinder sich viel bewegen", sagt Corina Tietze.

Sie leitet die Einrichtung seit dreieinhalb Jahren und ist stolz auf das Gütesiegel "Bewegte Kita", eine Initiative der Unfallkasse Sachsen und sächsischer Kindertageseinrichtungen, die sich entsprechend zertifizieren lassen können. Die Wiesenfrösche gehören dazu und haben viel Bewegendes vorzuweisen: eine große Boulderwand zum Beispiel. Auch draußen gibt es viele Möglichkeiten zum Klettern, Hangeln, Balancieren. Auf der Sportstrecke können die Mädchen und Jungen Slalom laufen, um die Wette hüpfen, Bälle werfen. "Wir haben einen richtigen Fußballplatz gebaut, mit festen Toren, die immer stehen bleiben können und nicht dauernd umkippen", erzählt Corina Tietze.

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Wenn sich die 47-Jährige in ihrer Kita umschaut, sieht sie vieles, was sie gern noch schöner hätte. Aber sie freut sich noch viel mehr über alles, was sie geschafft hat - für die Kinder und für sich selbst. Der Weg dahin war weit und ungewöhnlich. Denn dass sie einmal Kitaleiterin sein würde, das sah ihr Lebensplan zunächst nicht vor.

Vom Restaurant in die Halbleiterindustrie

Als sie aus der Schule kam und eine Lehrstelle suchte, hatte sie wie die meisten Jugendlichen jener Zeit schlechte Karten. Die Wende wirkte sich gerade denkbar negativ auf den Arbeitsmarkt des Ostens aus. Unzählige Betriebe wurden geschlossen. Zig Bewerbungen zu schreiben, war keine Seltenheit. "Ich hatte eine Ausbildung als Restaurantfachfrau und als Kinderkrankenschwester in Aussicht", erzählt Corina Tietze. Als sie die Nachricht bekam, als Lehrling der Theatergastronomie in der Semperoper anfangen zu können, war sie happy und unterschrieb den Vertrag. "Einen Tag später bekam ich auch die Zusage als Kinderkrankenschwester. Doch meine Eltern rieten mir, kein Risiko einzugehen."

Dass sie sich für den Restaurantbetrieb entschied, nennt sie heute die beste Entscheidung: "Ich habe diesen Beruf geliebt!" Doch nach drei Jahren Ausbildungszeit war Schluss. "Wir Lehrlinge wurden nicht übernommen, das war damals oft so", erinnert sich Corina Tietze. Ein Jahr lang blieb sie arbeitslos, bis sich eine neue Chance eröffnete: Infineon war gerade dabei, die Produktion aufzunehmen, und suchte massenhaft Mitarbeiter. "Aus heutiger Sicht lief das wirklich schräg ab. In einer Informationsveranstaltung wurden die verschiedenen Aufgabenbereiche vorgestellt und am Ende konnte sich jeder melden, der einen Arbeitsvertrag unterschreiben wollte."

So wurde aus der Restaurantfachfrau eine Instandhalterin für Chemieanlagen. Nach dreimonatiger Weiterbildung in Österreich ging es los. "Ich war dafür zuständig, dass die Maschinen funktionieren und die chemischen Materialien korrekt gemischt wurden. Die Arbeit hat mir wirklich gut gefallen." Dreizehn Jahre blieb sie für Infineon tätig, war inzwischen Mutter zweier Kinder geworden, hatte Mann und Haus. Als das Unternehmen schließlich auf Zwölfstundendienste umstellte, passte der Job nicht mehr zum Privatleben.

Damit andere Eltern Beruf und Familie gut unter einen Hut bekommen, startet die Kita "Wiesenfrösche" wochentags sechs Uhr den Betrieb. Sie bietet Platz für 46 Kindergarten- und 18 Krippenkinder ab dem ersten Lebensjahr. "Unsere Kinder kommen fast alle hier aus der Umgebung. Doch auch von Pirna oder Weißig aus ist es nicht weit bis zu uns", sagt die Leiterin, die aktuell noch freie Plätze anzubieten hat.

Jahrelang war sie ausgebucht. Allerdings mit nur fünf Knirpsen. Als Tagesmutter. Denn Corinas berufliche Wandelwege waren nach dem Aus als Instandhalterin einer Chipfabrik noch lange nicht zu Ende. "Ich habe eine Abfindung bekommen und mir mit dem Geld eine neue Existenz aufgebaut", erzählt sie. Ihre Oma habe in einer Mensa gearbeitet, ihre Mutter als Kitaleiterin. Tief im Herzen gab der Wunsch, auch mit Kindern zu arbeiten, nicht Ruhe. So richtete sie sich auf dem Familiengrundstück Räumlichkeiten ein und begann nach dem nötigen Lehrgang mit ihrer ersten kleinen Kindergruppe.

Vier Jahre lang Sechstagewoche plus Familie

Egal, an welcher Station Corina Tietze in ihrem Leben angekommen war und in welcher Etappe sie sich gerade verwirklichte - immer sagt sie im Brustton der Überzeugung: "Es war eine schöne Zeit, es hat Spaß gemacht." Aber wenn sich über kurz oder lang in die Zufriedenheit Zweifel mischten, war das ihr Signal. So wie jenes, das ihr das Ende ihrer Zeit als Tagesmutter anzeigte. "Auf Dauer waren es mir zu wenige Kinder, und als Tagesmutter ist man auch sehr allein." Mit keiner Kollegin konnte sie sich austauschen, das wünschte sie sich anders.

Fünf Tage als Tagesmutter, freitags von 16 bis 21 Uhr Schule, ebenso wie samstags von acht bis zum Abend. Dazu die eigene Familie. So sah ihr Pensum vier Jahre lang aus, nachdem sie sich dazu entschlossen hatte, berufsbegleitend ihre Ausbildung zur Erzieherin zu absolvieren. Beim Hören mag man staunen, doch Corina Tietze lächelt. Ja, gibt sie zu, einfach sei es nicht gewesen, aber schon im Weg sah sie das Ziel.

Nun ist sie Chefin von sieben Erzieherinnen und sagt: "Ich habe jetzt meinen beruflichen Traum erreicht und nicht vor, noch einmal etwas ganz Neues anzufangen." So mündet ein bewegtes Leben in eine bewegte Kita, aus der möglichst viele bewegliche Kinder in ihre Zukunft starten.

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