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Vonovia vermietet erstmals an Obdachlose

Das Unternehmen bietet Menschen ohne Wohnung gemeinsam mit der Stadt Dresden eine Chance. So viele Verträge wurden bei "Housing First" unterschrieben.

Die Menschen sollen eine Chance bekommen und nicht mehr im Freien oder in Unterführungen schlafen müssen.
Die Menschen sollen eine Chance bekommen und nicht mehr im Freien oder in Unterführungen schlafen müssen. © Symbolbild: dpa

Dresden. Der Winter war kalt und lang. Viele Hilfeeinrichtungen hatten wegen Corona geschlossen oder waren nur eingeschränkt geöffnet. Für Obdachlose und wohnungslose Menschen eine besonders schwierige Situation. Jetzt haben vier von ihnen einen Mietvertrag beim Wohnungsunternehmen Vonovia unterschrieben und beziehen eine eigene Wohnung. Das Projekt, das dies ermöglicht, heißt Housing First, auf Deutsch "Unterkunft zuerst". Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Was ist Housing First?

Housing First ist ein in Deutschland relativ junges Unterstützungskonzept, das die möglichst rasche Versorgung wohnungsloser Menschen mit einem per Mietvertrag dauerhaft gesicherten Wohnraum zum Ziel hat.

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"Charakteristisch für den Ansatz ist, dass zwischen der bis dato wohnungslosen Person und dem beteiligten Vermieter ein reguläres Mietverhältnis begründet wird", erklärt das Dresdner Sozialamt. Beim Abschluss des Mietvertrages bekommen die Teilnehmer Unterstützung durch das Sozialamt. Danach können sie, wenn sie wollen, weiter Unterstützung von Sozialarbeitern erhalten.

Außerhalb von Housing First hat das Sozialamt in diesem Jahr 133 wohnungslose Menschen, die vorher in Heimen oder Wohnungen der Stadt untergebracht waren, in reguläre Mietverhältnisse vermittelt. "Es ist für alle Partner ein herausforderndes und langfristig ausgerichtetes Projekt von Landeshauptstadt, Sozialamt und Vonovia", sagt Vonovia-Sprecher Matthias Wulff.

Und man stehe noch am Anfang. Vieles hänge an den Kapazitäten des Sozialamtes, denn die Begleitung der Klienten sei entscheidend für den Erfolg des Projekts, so Wulff.

Wie viele Obdachlose nehmen teil?

Housing First wird aktuell durch das Sozialamt in Kooperation mit Vonovia mit fünf Teilnehmern erprobt. Bislang haben vier der fünf Teilnehmer einen Mietvertrag mit der Vonovia geschlossen, die Stadt Dresden ist selbst kein Vertragspartner. Ob das Projekt weitergeht, will man nach der Probephase entscheiden.

Wie schwer ist die Suche nach geeigneten Wohnungen?

In der Probephase stellt Vonovia die Wohnungen für die Teilnehmer zur Verfügung. Die bisherige Umsetzungserfahrung zeigt, dass Wohnungen - auch unter Berücksichtigung der individuellen Präferenzen der Teilnehmenden - gefunden werden konnten. Inwieweit Housing First in Dresden ausgeweitet werden kann, hängt insbesondere von der Verfügbarkeit der Fachkräfte der Sozialen Arbeit im Sozialamt ab.

Der erste Vertrag wurde am 1. März zwischen dem Mieter und Vonovia geschlossen. Der Lockdown habe einige Punkte bei der Vermietung verzögert, so Vonovia. "Die Mietpreise für die Wohnungen sind sozial verträglich und entsprechen den Kosten der Unterkunft", sagt der Sprecher. Konkreter will er nicht werden.

Laut Tabelle der Stadt sind aktuell 378,39 Euro Brutto-Kaltmiete für einen Ein-Personen-Haushalt als Kosten der Unterkunft vorgesehen, das heißt, von der Stadt bezahlt. Auch die Heizkosten werden übernommen.

Nach welchen Kriterien werden die Mieter ausgesucht?

Bislang haben fünf vorher wohnungslose Menschen den Auswahlprozess erfolgreich gemeistert. Sie wurden dabei durch die Sozialarbeiter des Sachgebiets Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten begleitet. In einem Gespräch analysieren die Wohnungsnotfallexperten gemeinsam mit den Betroffenen deren individuelle soziale Situation, so das Sozialamt.

Das Projekt richtet sich an alleinstehende wohnungslose Menschen, die bisher nicht erfolgreich in eine eigene Wohnung vermittelt werden konnten, den Wunsch nach einer eigenen Wohnung haben und bereit sind, mit den Sozialarbeitern zusammenzuarbeiten.

Warum Paare oder Eltern mit Kindern ausgeschlossen bleiben, ist unklar. Die Menschen müssen eine Privathaftpflicht- und Hausratsversicherung abschließen und die Miete zahlen können, etwa weil sie Sozialleistungen bekommen. Doch genau diese Gänge zum Amt fallen vielen Wohnungslosen oft schwer aus Angst vor Diskriminierung.

Ausgeschlossen von Housing First sind Menschen mit einer schweren kognitiven Einschränkung, mit starker Beeinträchtigung der Kommunikations- und Absprachefähigkeit oder einer akuten Suchterkrankung, außerdem Personen mit schwerer psychischer Erkrankung oder schlimmen Messi-Tendenzen, erklärt das Sozialamt. Bei dieser Liste dürfte eine große Zahl der Dresdner Obdachlosen vom Projekt ausgeschlossen sein, da mindestens einer dieser Punkte auf viele der Betroffenen zutrifft.

Wie viele Wohnungslose sind derzeit von der Stadt untergebracht?

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Stand Ende März hat das Sozialamt insgesamt 304 wohnungslose Menschen in den Heimen und Wohnungen untergebracht. Wie viele Menschen obdachlos sind, also unter Brücken oder im Park schlafen, kann die Stadt nicht sagen, da darüber keine Statistik geführt wird. Die freien Träger wie Diakonie und Treberhilfe schätzen ihre Zahl anhand der Menschen, die ihre Angebote nutzen, auf rund 1.000.

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