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Die erste Weihnacht im Frieden

Als Kind hat Helga Kluge das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt. Dem Mut und Geschick ihrer Mutter verdankte sie ein besonderes Geschenk zu Heiligabend 1945.

Das Weihnachtsfest in diesem Jahr erinnert Helga Kluge daran, was es wirklich heißt, Entbehrung zu ertragen und das Beste aus den Umständen zu machen.
Das Weihnachtsfest in diesem Jahr erinnert Helga Kluge daran, was es wirklich heißt, Entbehrung zu ertragen und das Beste aus den Umständen zu machen. © Marion Doering

Dresden. Wenige Grad über Null und Regen. Das Wetter am Heiligabend 1945 war so unangenehm wie für die Menschen das ganze Leben so kurz nach Kriegsende. Hunger und Kälte, Sorgen um Väter, Söhne und Brüder in Gefangenschaft begleiteten das Fest. Auch die Trauer um jene, die diese erste Weihnacht im Frieden nicht mehr erleben konnten.

So wie Helga Kluges Vater. "Ich hatte leider nie das Glück, mit Mama und Papa jemals Weihnachten feiern zu dürfen", erzählt die 81-Jährige. Sie hat ihren Vater nie kennengelernt. Er fiel bereit 1940. Da war seine Tochter Helga gerade ein Jahr alt.

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An die Tage rund um den 24. Dezember 1945 erinnert sich Helga Kluge mit Gefühlen zwischen Beklemmung und Glück: "Meine Mutti, die gesamte Familie, beide Großeltern, mein Onkel Willi, die Familie von Tante Wilma mit Renate und Bernd, wir waren eine große Gemeinschaft, die in der schweren Zeit des Krieges immer zusammengehalten hat." Das gab Geborgenheit und Kraft, besonders den Kindern, vor denen die Erwachsenen so gut es ging alle Nöte fernhielten.

Pelzmantel aus Wehrmachtwesten

Wenn Helga Kluge das Klagen über die diesjährigen Feiertage hört, kann sie nur abwinken. Fast alle Menschen haben ein warmes, trockenes Zuhause. Die Supermärkte sind voller Waren, und wer vor die Tür muss, schlüpft in seine Winterschuhe und die dicke Jacke.

Wärmende Kleidung war im letzten Kriegsjahr genau so rar wie Kohlen und Feuerholz, Lebensmittel und Medikamente. Deshalb erinnert sich die Dresdnerin ganz besonders an jenes Weihnachten und an den Pelzmantel, den sie als Sechsjährige geschenkt bekam. Einen Pelzmantel! Etwas so Vornehmes schien absolut nicht in die Zeit zu passen. Doch das Geschenk hat eine ganz besondere Geschichte, und auch die hängt mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zusammen.

"Als der Krieg gerade zu Ende war, erfuhren meine Mutter, dass die Wehrmachtskasernen von allen Soldaten verlassen wurden und dort Dinge zu holen waren, die man dringend gebrauchen konnte", erzählt Helga Kluge. Also sei die Bevölkerung losgezogen, um Lebensmittel, Decken, Matratzen, Schuhe und Bekleidung aus den Depots zu räumen. Auch Helgas Mutter machte sich mit ihrer Kleinen und einem Jungen aus der Nachbarschaft von Johannstadt in die Albertstadt auf.

Was aus dem Pelzmantel von einst geworden ist, weiß Helga Kluge nicht mehr. Aber sie ist sicher: Nachdem sie selbst nicht mehr hinein passte, hat er ein anderes Kind gewärmt.
Was aus dem Pelzmantel von einst geworden ist, weiß Helga Kluge nicht mehr. Aber sie ist sicher: Nachdem sie selbst nicht mehr hinein passte, hat er ein anderes Kind gewärmt. © privat

Was sie mitnahmen, weiß die Seniorin heute nicht mehr. Sie war ja noch so klein gewesen. Viele Jahre lang hatte sie auch keine Vorstellung davon, wo genau sich die Kaserne befunden hat. Nur daran, dass sie in der Nähe der Königsbrücker Straße war und an das Objekt mit riesengroßen Hallen konnte sie sich entsinnen.

"Ich habe meine Mutter zwar später danach gefragt, doch sie wusste es nicht mehr." Häufig habe ihr die Erinnerung an Orte und Zeiten gefehlt. "Es gab eben zu viele wichtigere Probleme zu lösen." Überhaupt den Krieg und sein Ende zu überleben, war nicht selbstverständlich. "Auf dem Heimweg von der Neustadt zurück nach Johannstadt sind Tiefflieger über uns geflogen. Zum Glück gab es dort ein paar Bäume, unter denen wir uns verstecken konnten, so dass uns nichts passiert ist."

Wie froh wird Helga Kluges Mutter gewesen sein, als sie mit den Kindern wohlbehalten wieder zu Hause war - im Kopf schon die Überraschung für ihre kleine Tochter. "Damals wurden alle Geschenke selbst gebastelt, genäht oder gestrickt." Zu kaufen gab es ja fast nichts. "Meine Mutter war von Beruf Modistin. Heute sagt man eher Hutmacherin. Als solche hat sie auch gelernt, Pelz zu Kappen zu verarbeiten."

"Diese Erlebnisse sind es wert, dass man sie weitergibt"

Nur so kann sich Helga Kluge erklären, wie es möglich wurde, in diesem entbehrungsreichen Jahr einen Pelzmantel zu Weihnachten geschenkt zu bekommen. "Meine Mama hat ihn wohl aus Fellwesten der Wehrmacht genäht. Jedenfalls war er wunderschön und herrlich warm."

Erst 1961 erschloss sich ihr durch einen Zufall, wo sie im Mai 1945 mit ihrer Mutter gewesen war. "Ich hatte schon Familie, und mein Mann war als Soldat der NVA im Lazarett zum Dienst eingeteilt." Dort habe sie ihn besucht, erzählt sie, und erkannte die Hallen von damals wieder.

Zwei Kinder, drei Enkel und vier Urenkel hat Helga Kluge heute. "Ich glaube, diese Erlebnisse sind es wert, dass man sie an seine Kinder und deren Kinder weitergibt", sagt sie. Die Entwicklung in der Welt mache sie sehr traurig, nicht nur wegen der Pandemie. "Unser aller Bestreben sollte es sein, dass alle Menschen in Glück und Frieden leben können."

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