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Wo der Lärm in Dresden am größten ist

Lärm gilt als ein Hauptgrund für Umzüge aus Dresden heraus. In welchen Stadtteilen der Krach besonders belastend ist und was ein Verkehrsexperte dagegen rät.

Autos sind aus Sicht der Dresdner die Lärmquelle Nummer eins. Doch nicht überall fahren so viele, dass sie stören.
Autos sind aus Sicht der Dresdner die Lärmquelle Nummer eins. Doch nicht überall fahren so viele, dass sie stören. © Sven Ellger (Symbolbild)

Dresden. An vielen Stellen erreicht der Lärm in Dresden gesundheitlich bedenkliche Ausmaße. Das ist etwa an der Bautzner Landstraße, der St. Petersburger Straße und der Lommatzscher Straße so. Die Wohnhäuser dort werden auch nachts mit bis zu 65 Dezibel beschallt. Vergleichbar ist dies mit einem Fernseher in Zimmerlautstärke, wenn man doch eigentlich schlafen möchte. Die Stadtverwaltung hat nun mehr als 6.000 Dresdner befragt, wie stark die Lärmbelastung in ihrer Wohngegend ist und was sie besonders stört. Zwischen lauten und ruhigen Stadtteilen – das sind die Ergebnisse.

Wie viele Dresdner leiden unter Lärm?

Autos, Schleifmaschinen, Güterzüge: Für rund 84.000 Dresdner ist Lärm allgegenwärtig – nicht auf dem Weg zur Arbeit, sondern vor der eigenen Haustür. Das geht aus der Kommunalen Bürgerumfrage hervor. So sagten 15 Prozent der Teilnehmer, sie würden Lärm in ihrer Wohngegend stark bis sehr stark wahrnehmen.

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Zwar sind das etwas weniger als bei der letzten Umfrage 2018. Damals waren es noch 20 Prozent. Doch der Anteil derjenigen, die überhaupt keine Lärmbelästigung spüren, ist ebenfalls zurückgegangen.

Was stört die Dresdner am meisten: Autos, Baustellen, Nachbarn?

Störquelle Nummer eins ist der Straßenverkehr. Für ein Viertel aller Dresdner ist er ein ernstes Thema. Wie immer, möchte man sagen. Denn ein Blick auf die Umfrageergebnisse der vergangenen fünf Jahre zeigt, dass sich die Zahl der Betroffenen so gut wie nicht verändert hat.

Auf Platz zwei reihen sich Nachbarn und Passanten ein, deren Lautstärke von rund 14 Prozent als stark bis sehr stark wahrgenommen wird. Den dritten Platz belegen mit etwas Abstand Baustellen. Weniger als zehn Prozent der Dresdner empfinden Flugzeuge, Eisenbahnen, Wertstoffcontainer-Plätze und Firmenstandorte als zu laut.

In welchen Stadtteilen klagen die Dresdner besonders häufig über Straßenlärm?

Zwar hat die Stadtverwaltung nicht nach konkreten Straßen gefragt, die als besonders störend empfunden werden. Auffällig ist aber, dass die autobahn- und bundesstraßennahen Stadtteile zu den lärmgeplagtesten gehören. Das sind allem voran Briesnitz, aber auch Kaditz, Mickten und Trachau. Leiser hätten es mit Sicherheit auch gern die Pieschener und die Johannstädter.

Bundesstraßen und Autobahnen sind zwar auch von Gorbitz sowie Mockritz, Coschütz und Plauen nicht allzu weit entfernt. In beiden Gegenden wird Straßenlärm jedoch besonders selten wahrgenommen. Dasselbe gilt für Loschwitz und Schönfeld-Weißig.

Überraschen die Ergebnisse?

Dass fast genauso viele Dresdner Straßenlärm als belastend einschätzen wie vor zwei und vor vier Jahren, überrascht Udo Becker nicht. Er ist Professor für Verkehrsökologie an der Technischen Universität Dresden. Viele Menschen fragten zuerst, was technisch getan werden könnte, um den Lärm zu reduzieren.

Zu denken, man könne das Problem mit Ingenieurskunst lösen – Flüsterasphalt, leise Motoren, Ultra-Schallschutzfenster –, sei ein typisch deutscher Ansatz. Einer, der nicht zum Ziel führt, findet er. Ja, Flüsterasphalt senke den Schallpegel um fünf Dezibel. Wenn er neu ist. Die Wirkung verliere sich aber schnell, wenn nach zwei, drei Jahren Staub und Laub die Poren zusetzten.

Dr. Udo Becker ist Inhaber der Professur für Verkehrsökologie an der Fakultät für Verkehrswissenschaften der TU Dresden.
Dr. Udo Becker ist Inhaber der Professur für Verkehrsökologie an der Fakultät für Verkehrswissenschaften der TU Dresden. © Archiv: Ronald Bonß

Auch leisere Motoren würden nicht zu einem ruhigeren Leben an viel befahrenen Straßen führen. Denn immer mehr Menschen kauften sich größere Autos, SUVs. Diese hätten ein ordentliches Gewicht, so Becker. Sie verursachten beim Überfahren von Steinen oder Schlaglöchern deutlich mehr Schallenergie als Kleinwagen. Auch höhere Motorenleistungen verstärkten die Lärmbelastung durch ein stärkeres Beschleunigungs- und Bremsrauschen vor und hinter Kreuzungen.

Wie sehr schadet Lärm ganz konkret?

Ein einziger Pkw verursacht im Durschnitt zwischen 1.000 und 3.000 Euro Kosten im Jahr, sagt Udo Becker. Dazu gehörten Umweltschäden durch Abgase, zu einem geringeren Teil aber auch die Folgen des Straßenlärms.

Was sind das genau für Kosten? Da wären einmal die offensichtlichen. Permanenter Lärm stört tagsüber die Konzentration und nachts den Schlaf. Darunter leidet die Leistungsfähigkeit.

Wer ständig Lärm ausgesetzt ist, kann auch krank werden. Wobei Lärm nicht der alleinige Grund für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sei, betont Becker. Rauchen und fettreiche Ernährung begünstigten einen Herzinfarkt deutlich stärker. Doch je mehr belastende Faktoren zusammenkämen, umso höher sei das Risiko. Im besten Fall erhole sich der Patient, was allerdings mit hohen Behandlungs- und Reha-Kosten verbunden wäre. Im schlimmsten Fall sterbe ein Mensch. Hinterbliebene würden leiden und müssten obendrein die Bestattungskosten tragen.

Das zeige sehr eindrücklich: Die Lärmkosten trägt nicht allein der Autofahrer, sondern die ganze Gemeinschaft. Hinzu kämen Kosten für Schallschutzfenster sowie der Wertverlust von Immobilien, die an lauten Straßen liegen.

Wie könnte der Ausweg aussehen?

Da gebe es tatsächlich einen Ansatz, der günstiger wäre, als Millionen Euro in technische Neuerungen zu investieren, sagt Udo Becker. Die größten Effekte erziele man mit Verhaltensänderungen und einer Raumordnung, die das Auto vielleicht nicht obsolet mache, aber Spaziergänge und Fahrradfahrten als sinnvoller erscheinen lasse. „Im Kleinen kann sich jeder fragen: Muss ich allein zur Arbeit fahren oder kann ich einen Kollegen mitnehmen? Muss ich abends mit dem Auto nach Kaditz/Mickten fahren, um noch eine Packung Milch zu holen?“

Die Raumordnung, also die Stadtplanung, könne Anreize schaffen. Ein Supermarkt im Viertel, der bis 22 Uhr geöffnet hat, verhindere Einkaufsfahrten zu einem Einkaufszentrum, das ans Autobahnkreuz gesetzt wurde, so der Verkehrsökologe.

Macht das Dresdens Stadtpolitik so?

„Lärm gehört zu den Abfallprodukten der menschlichen Zivilisation“, heißt es auf den Internetseiten des Umweltamtes. Mit Aktionsplänen wird versucht, dem Straßenlärm Einhalt zu gebieten. Diese sehen zum Beispiel Straßensanierungen vor, aber auch Tempolimits, Schallschutzwände und Schutzfenster. Zwar ist es auch ein erklärtes Ziel, mehr Menschen in Busse und Bahnen und aufs Fahrrad zu bringen. Die Maßnahmen dafür – Radwege-Ausbau, Erhöhung der Parkgebühren – werden aber in erster Linie verfolgt, um die Luftqualität zu verbessern.

Welche Konsequenzen ziehen die Dresdner aus der Lärmbelastung?

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