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"Ich bin davon überzeugt, dass es den Affen gut geht"

Der Zoologische Leiter des Dresdner Zoos über artgerechte Haltung von Orang-Utans, Vorwürfe von Tierschützern und das anstehende Großprojekt.

Männchen Toni kam vor 28 Jahren nach Dresden und gehört nicht nur für Wolfgang Ludwig zu den eindrucksvollsten Persönlichkeiten im Zoo.
Männchen Toni kam vor 28 Jahren nach Dresden und gehört nicht nur für Wolfgang Ludwig zu den eindrucksvollsten Persönlichkeiten im Zoo. © René Meinig

Dresden. Niemand zweifelt daran, dass die Orang-Utans im Dresdner Zoo dringend ein neues Zuhause brauchen. Ihre bisherige Unterkunft ist viel zu klein und in keiner Weise tiergerecht. Das Gebäude wurde 1986 als Übergangslösung errichtet. Seitdem hat sich an den Haltungsbedingungen wenig geändert. Ebenfalls seit 1986 ist Wolfgang Ludwig im Zoo angestellt. Über Jahrzehnte hinweg verfolgte der 60-jährige Zoologische Leiter hautnah die schwierigen Bemühungen, den Menschenaffen endlich ein anständiges Haus zu bauen.

Doch auch jetzt, kurz vor dem Startschuss für das mit 17 Millionen Euro größte Bauprojekt in der Geschichte des Zoos, fordern Tierschützer von Peta lautstark den Stopp der Orang-Utan-Haltung in Dresden. Am 12. Mai will der Stadtrat entscheiden.

Teppich Schmidt
Sieben Wohnwelten – ein Geschäft
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Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

Herr Ludwig, ein großes Menschenaffenhaus war wohl der Traum aller Zoodirektoren in Dresden. Warum gerade diese Tierart?

Das würde ich differenzierter sehen. Vor allem der langjährige Direktor Wolfgang Ullrich war fasziniert von Menschenaffen und setzte sich deswegen besonders für die Haltung der Orang-Utans ein. Früher waren die ja noch mit im Raubtierhaus untergebracht. Den Zoodirektoren, die später kamen, war dann vor allem bewusst: So darf man Menschenaffen nicht halten. Da muss etwas passieren.

Und warum ist so lange nichts passiert?

So ein Orang-Utan-Haus ist ein gewaltiges und teures Projekt. Deswegen sind vorher die Tiere an die Reihe gekommen, die auch schlecht untergebracht waren, deren Anlagen aber weniger Geld gekostet haben. Wie die Löwen, die Giraffen oder zuletzt die Schneeleoparden. Das Orang-Haus ist einfach finanziell lange Zeit nicht zu stemmen gewesen. Und nun sind sie die letzte Großtierart, die noch wartet.

Das neue Orang-Utan-Haus gleicht von außen einem Fußballstadion.
Das neue Orang-Utan-Haus gleicht von außen einem Fußballstadion. © Zoo Dresden

Stand es jemals zur Debatte, die Orang-Utan-Haltung in Dresden zu beenden?

Für uns nie. Von der Seite der Tierrechtler gibt es diese Forderung allerdings schon lange. Mit unseren zwei über 30-jährigen Affen-Damen wäre das aber gar keine Option gewesen. Das hier ist ihr Zuhause, wie schlecht die Anlage auch sein mag. Jetzt aber gibt es zum Neubau keine Alternative mehr, sonst hätten wir die Haltung wohl wirklich aufgeben müssen.

Sie sagen also, die älteren Affen leben lieber unter den aktuellen Bedingungen als umziehen zu müssen?

Ich bin davon überzeugt, dass es den Affen hier gut geht. Auch jetzt schon. Ein Beispiel: Wenn du einen Indianer nach Dresden in eine Neubauwohnung setzt, dann wird der dort nicht leben wollen. Wenn er aber in Prohlis aufgewachsen ist, dann wird er sich wohlfühlen. Und so ist das auch mit unseren Orangs. Die sind hier geboren, die kennen ihre Tierpfleger und die wollen um Gottes Willen nirgendwo anders hin. Da würden sie vor Angst wahrscheinlich sterben.

Haben Sie dennoch Verständnis für die zum Teil harsche Kritik an der Haltung der Affen in Dresden?

Ja, für die Kritik, die von Menschen kommt. Deren emotionale Gründe kann ich verstehen, und gehe auch in meinen Antwortschreiben darauf ein. Allein in den letzten zwei Wochen habe ich drei Briefe geschrieben. Bei einer Organisation wie Peta sind es dagegen meiner Ansicht nach Krokodilstränen. Die haben selbst so viel Geld und fordern von uns, wir sollten lieber das Geld, das wir für den Neubau brauchen, in den Schutz der wildlebenden Orang-Utans stecken. Die könnten aber genauso lieber die Orangs unterstützen, statt Hauskatzen.

Ist das Bild nicht ein bisschen schief?

Anders gesagt: Das Geld, dass wir für die Haltung der Orang-Utans nutzen, wird keinem Artenschutzprojekt weggenommen. Das ist Geld, das für die Attraktivität des Zoos zur Verfügung steht. Dazu kommt: Je mehr Besucher in den Zoo kommen, desto mehr können wir am Ende auch für die Orang-Utans tun.

Peta spricht konkret von "sinnlosen Nachzuchten in Gefangenschaft". Sind die sinnlos?

Das sehe ich nicht so. Zwar wird dieser Aspekt oft unter den Teppich gekehrt, aber wir Menschen haben nun mal seit Urzeiten eine enge Verbindung zu Tieren. Das ist etwas zutiefst Soziales. Die Menschen kommen in den Zoo und erfreuen sich an den Tieren. Das ist doch etwas wert. Dazu kommt unser Bildungsauftrag. Wir klären auf, wo die Arten herkommen und wie bedroht sie sind. Das halte ich keinesfalls für sinnlos.

Der Bereich für das neue Haus ist bereits mit Holzpflöcken abgesteckt worden.
Der Bereich für das neue Haus ist bereits mit Holzpflöcken abgesteckt worden. © René Meinig

Die Tierschützer betrachten auch die künftige Haltung im geplanten Orang-Haus als nicht artgerecht. Ist das verständlich?

Die Frage ist doch: Wer entscheidet, was für den Orang-Utan artgerecht ist? Das artgerechteste ist natürlich der Regenwald, aber deswegen kann man nicht sagen, dieses in Dresden geborene Tier gehöre nach Sumatra. So viel Anpassungsfähigkeit haben auch Wildtiere. Im neuen Haus werden wir ihnen viele Möglichkeiten bieten, ihr natürliches Verhalten auszuleben. Und dafür kann es statt der wild gewachsenen Liane eben auch ein Seil sein. Das ist dem Orang völlig egal.

Muss es nicht das Ziel sein, die Natur so gut wie möglich abzubilden?

Artgerechte Haltung bedeutet für mich, dass die Bedürfnisse, die das Tier hat, erfüllt werden. Sicherheit, Nahrung, Klima. Speziell bei den Organ-Utans kommen dazu Orte, an denen sie ruhen und ihre Umwelt beobachten können. Auch Material für die Nester muss ihnen angeboten werden. Außerdem gehen sie gern weit nach oben, weil der Boden in der Natur eine Gefahr für sie darstellt. Dazu werden sie im neuen Haus bessere Möglichkeiten bekommen.

Also wird man die Affen künftig nur noch in den Bäumen erleben?

Nicht unbedingt und das ist ein wichtiger Punkt. Es gibt Dinge, die es in der Natur nicht gibt, die aber für die Tiere viel bequemer sind. Zum Beispiel ein sicherer Boden. Der Orang-Utan merkt schnell, dass er auf einem ebenen Untergrund angenehmer liegen kann, als auf einem Ast. Aus diesem Grund wird es auch im neuen Orang-Haus erhöhte Plattformen statt nur Baumstämme geben.

Bei der Kritik an der Haltung ist auch von Verhaltensauffälligkeiten die Rede. Sehen Sie die bei den Orang-Utans?

Meist wird ja nicht gesagt, was konkret damit gemeint ist. Das einzige, was immer kommt, ist dieses Hervorwürgen von Nahrung und Wiederaufnehmen. Aber auch das ist arttypisches Verhalten. In der Natur schieben sie das Futter nur auf ihre lange Unterlippe, um es dann einem Jungtier zu verfüttern oder wieder herunterzuschlucken. Im Zoo nutzen sie eben den Boden dazu, weil sie es können. Ich gebe allerdings zu: Dass die Tiere das so häufig machen, liegt an ihrer unzureichenden Unterkunft.

Sehen Sie die Gefahr, dass das Projekt am 12. Mai noch im Stadtrat scheitern könnte?

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Nach allem, was ich gehört habe, habe ich keine Bedenken, dass es zu viele Gegenstimmen wegen des Geldes geben wird, selbst wenn Peta noch daran arbeitet. Es ist ja auch schon einiges passiert. Der Bauantrag ist durch und das Baufeld wird jetzt freigemacht. Ich gehe fest davon aus, dass wir 2023 in Dresden ein neues Orang-Utan-Haus eröffnen werden.

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