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Dresdens ältestes Wasserwerk geht wieder in Betrieb

An der traditionsreichen Tolkewitzer Anlage ist umfangreich gearbeitet. Sachsen-Energie plant ein weiteres Großprojekt.

Von Peter Hilbert
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Die Arbeit ist geschafft. Wasserwerksmeister Max Kuhlmann inspiziert die Wände des Rohwasserbehälters im Wasserwerk Dresden-Tolkewitz. Bei der umfangreichen Wartung sind hier Rückstände beseitigt worden.
Die Arbeit ist geschafft. Wasserwerksmeister Max Kuhlmann inspiziert die Wände des Rohwasserbehälters im Wasserwerk Dresden-Tolkewitz. Bei der umfangreichen Wartung sind hier Rückstände beseitigt worden. © Sven Ellger

Dresden. Im Wasserwerk Tolkewitz boten sich in den vergangenen Wochen seltene Anblicke. Während die großen Behälter im neuen Funktionsgebäude sonst mit Wasser gefüllt sind, standen sie jetzt offen. Wasserwerksmeister Max Kuhlmann hat mit sechs Mitarbeitern seit dem 8. November die jährliche Wartung in Dresdens ältestem noch in Betrieb befindlichem Wasserwerk durchgeführt, die dieses Mal viel umfangreicher war. Seitdem kommt das Dresdner Trinkwasser nur noch aus den beiden anderen Dresdner Werken in Coschütz und Hosterwitz.

Bei der Wartung werden unter anderem die riesigen Behälter gereinigt. So auch der für das sogenannte Rohwasser, das noch gefiltert werden muss.

Kuhlmann steht mit seiner Taschenlampe in dem hallenartigen Bau und begutachtet die Wände. "Von ihnen haben wir Mangan und Eisen beseitigt, das sich dort abgesetzt hat", erläutert der 30-Jährige. Kuhlmann kennt sein Tolkewitzer Werk aus dem Effeff. Seit seinem Abschluss als Fachkraft für Wasserversorgungstechnik 2012 arbeitet er hier und hat ab 2015 noch berufsbegleitend die Meisterausbildung absolviert.

Das denkmalgeschützte Maschinenhaus zeugt noch heute vom 1898 fertiggestellten alten Wasserwerk.
Das denkmalgeschützte Maschinenhaus zeugt noch heute vom 1898 fertiggestellten alten Wasserwerk. © Sven Ellger

Mit Robert Haas, dem Sachsen-Energie-Gruppenleiter für den Betrieb der Wasseranlagen, erläutert er, wie das traditionsreiche Werk so in Schuss gehalten wird, dass es den äußerst hohen Anforderungen der Trinkwasserverordnung entspricht. Mittlerweile ist die Wartung komplett abgeschlossen, die Behälter im Wasserwerk sind gefüllt. Ab Mittwoch fließt wieder Tolkewitzer Trinkwasser ins Dresdner Leitungsnetz.

Die Geschichte: 1896 beginnt Bau in Tolkewitz

Die Dresdner Wasserversorgung hat eine lange Tradition: Die Stadt entwickelte sich vor allem durch die Industrie ab Mitte des 19. Jahrhunderts schnell. 1875 wurde zuerst das rechtselbische Wasserwerk Saloppe in Betrieb genommen. Die Bevölkerung wuchs jedoch weiter. Wurden 1876 noch 3,5 Millionen Kubikmeter Trinkwasser verbraucht, so waren es 1892 bereits elf Millionen. Also bekam Baurat Bernhard Salbach den Auftrag für ein Gutachten der künftigen Wasserversorgung und legte 1894 den Entwurf für den Bau des Wasserwerks Tolkewitz vor. Im Herbst 1896 begann der Bau, am 16. August 1898 konnte es in Betrieb genommen werden.

Gebietsleiter Robert Haas zeigt diese hölzerne Wasserleitung von 1545 im Maschinenhaus. Sie stammt aus den Anfängen der Dresdner Wasserversorgung. Im Tolkewitzer Wasserwerk sind diese und weitere historische Stücke aus der Geschichte der Dresdner Trinkwas
Gebietsleiter Robert Haas zeigt diese hölzerne Wasserleitung von 1545 im Maschinenhaus. Sie stammt aus den Anfängen der Dresdner Wasserversorgung. Im Tolkewitzer Wasserwerk sind diese und weitere historische Stücke aus der Geschichte der Dresdner Trinkwas © Sven Ellger

Nach der Wende wurde 1994 der Beschluss gefasst, das Wasserwerk zu einer modernen Anlage umzubauen. 1995 wurde das Werk außer Betrieb genommen. Von 1997 bis zum Februar 2000 wurde eine moderne Wasseraufbereitungsanlage errichtet. 2008 wurden die alte Chloranlage und eine große Halle mit der Vorreinigungsstufe von 1968 abgerissen.

Nach der Modernisierung konnte 2008 die Rezirkulatorenhalle abgerissen werden. Hier sind Anfang 2009 noch die letzten Überbleibsel zu sehen.
Nach der Modernisierung konnte 2008 die Rezirkulatorenhalle abgerissen werden. Hier sind Anfang 2009 noch die letzten Überbleibsel zu sehen. © Peter Hilbert

Neben dem neuen Funktionsgebäude blieben denkmalgeschützte Gebäude erhalten, so die Maschinenhalle von 1898, die heute innen mit modernen Anlagen bestückt ist. Allerdings ist dort auch noch der alte Brückenkran aus der Bauzeit zu sehen, der bis vor wenigen Jahren in Betrieb war.

Bis zu 35.000 Kubikmeter Trinkwasser können heute täglich im Tolkewitzer Werk aufbereitet werden. Das sind 15 Prozent der Kapazität der drei Dresdner Wasserwerke von insgesamt bis zu 240.000 Kubikmetern. Rund 60 Prozent davon kommen aus Coschütz und ein Viertel aus Hosterwitz.

Das System: Wasser kommt aus 72 Brunnen

In Tolkewitz wird über eine Vakuumanlage mit zwei großen und zwei kleinen Pumpen Uferfiltrat der Elbe und Grundwasser durch ein Leitungssystem in den Sammelbrunnen des Wasserwerks gesaugt, erklärt Meister Kuhlmann. Es kommt aus 72 Brunnen auf den Elbwiesen zwischen Blasewitz und Laubegast, die zwischen 13 und 18 Meter tief sind. Etwa 70 Prozent sind Uferfiltrat, der Rest Grundwasser.

Im Maschinenhaus sind auch alte Brunnenrohre und Filter zu sehen. Über sie wird das Uferfiltrat und Grundwasser aus der Tiefe unter den Elbwiesen gesaugt.
Im Maschinenhaus sind auch alte Brunnenrohre und Filter zu sehen. Über sie wird das Uferfiltrat und Grundwasser aus der Tiefe unter den Elbwiesen gesaugt. © Sven Ellger

Vom Sammelbrunnen aus wird das Wasser weiter gepumpt und intensiv belüftet, um Mangan und Eisen zu entfernen und Sauerstoff zuzusetzen. Dann wird es gefiltert und aufbereitet.

Ein Blick hinunter zum Sammelbrunnen, in dem das angesaugte Wasser im Werk ankommt. Von dort aus wird es zur weiteren Aufbereitung gepumpt.
Ein Blick hinunter zum Sammelbrunnen, in dem das angesaugte Wasser im Werk ankommt. Von dort aus wird es zur weiteren Aufbereitung gepumpt. © Sven Ellger

Die Sanierung: Über 120 Jahre alte Rohre werden ersetzt

Doch nicht nur die Aufbereitungsanlagen im Werk wurden modernisiert, sondern auch die Brunnen, von denen der erste 1891 gebaut wurde. Ende der 1990er-Jahre hatten die ersten Arbeiten begonnen, erläutert der Wasserwerksmeister. Anfangs wurden die etwa sieben Meter langen alten Saugrohre und die Filter gereinigt. Ab 2010 haben die Brunnensanierer damit begonnen, die alten Kupferrohre durch neue aus Edelstahl zu ersetzen.

Ein weiterer Brunnen auf den Tolkewitzer Elbwiesen wird derzeit saniert. Dieses Bild wird auch in den kommenden Jahren das Gebiet prägen.
Ein weiterer Brunnen auf den Tolkewitzer Elbwiesen wird derzeit saniert. Dieses Bild wird auch in den kommenden Jahren das Gebiet prägen. © Sven Ellger

Derzeit wird an einem Brunnen wenige Steinwürfe unterhalb des Werks gearbeitet. Dort ersetzen die Bauleute auch ein knapp zwei Meter langes Anschlussrohr aus Kupfer, das undicht ist. Immerhin ist es auch schon über 120 Jahre alt und muss Bewegungen im Untergrund ausgleichen. "Etwa ein knappes Viertel der Brunnen haben wir schon saniert", sagt Kuhlmann.

Die Wartung: Starke Kalkschicht im Rohr abgemeißelt

Kuhlmann ist froh, dass die dieses Mal viel aufwendigere Jahreswartung pünktlich abgeschlossen ist. Deshalb hat sie auch statt ein bis zwei Wochen einen Monat gedauert. Zwar haben die Wasserwerker wie üblich unter anderem die Behälter oder die Dosieranlage gereinigt, Pumpen überprüft und falls nötig Dichtungen erneuert.

Auf diesem Bild wird deutlich, welche gewaltige Kruste die Wasserwerker von der Innenwand des Reinwasserrohrs abpickern mussten.
Auf diesem Bild wird deutlich, welche gewaltige Kruste die Wasserwerker von der Innenwand des Reinwasserrohrs abpickern mussten. © Sachsen-Energie

Doch dieses Mal musste auch die rund 30 Meter lange Leitung, durch die das Wasser von den Filtern zum Reinwasserbehälter fließt, innen gereinigt werden. Ein enormer Aufwand. Das 60 Zentimeter starke Rohr musste zerlegt werden. An den Innenwänden hatte sich in den drei Jahren seit der letzten Reinigung eine bis zu 15 Zentimeter starke Kalkschicht abgesetzt. Solche Ablagerungen sind in Haushalten auch aus Wasserkochern bekannt.

Jetzt ist das glänzende Metallrohr wieder zusammengebaut. Zu sehen sind auch die Leitungen, durch die dem gefilterten Wasser Natronlauge zugesetzt wird, um den vorgeschriebenen pH-Wert zu erreichen.
Jetzt ist das glänzende Metallrohr wieder zusammengebaut. Zu sehen sind auch die Leitungen, durch die dem gefilterten Wasser Natronlauge zugesetzt wird, um den vorgeschriebenen pH-Wert zu erreichen. © Sven Ellger

Schließlich wird am Anfang der Leitung Natronlauge zugegeben, um den laut Trinkwasserverordnung vorgeschriebenen pH-Wert zu erreichen. Das hinterlässt eben Spuren. Also mussten Kuhlmanns Mitarbeiter mit speziellem Werkzeug ran – mit Hämmern und Meißeln aus Bronze. Das Metall ist weicher als der Edelstahl des Rohrs. "So werden Schäden vermieden", erklärt der Meister. Mittlerweile ist das lange Rohr wieder hoch oben unter der Decke montiert. Schließlich geht das Werk jetzt wieder in Betrieb.

Der Plan: Große Wasserfilter werden komplett saniert

Doch Sachsen-Energie hat noch weitere große Sanierungspläne fürs Tolkewitzer Wasserwerk, erläutert Gruppenleiter Haas. Vorgesehen ist, die jeweils acht Mehrschicht- und Aktivkohlefilter zu sanieren. Sie funktionieren nach folgendem Prinzip: In der starken Anthrazit- und Kiesschicht des Mehrschichtfilters wird das Wasser zuerst vorgereinigt. Im anschließenden Aktivkohlefilter werden Geruchs- und Geschmacksstoffe wie Koffein aus dem aufbereiteten Wasser entfernt. Das ist nötig, damit das Trinkwasser eine einwandfreie Qualität hat. Ist das Wasser gefiltert, wird es noch desinfiziert und mit Natronlauge stabilisiert, bevor es in den Reinwasserbehälter kommt. Von ihm fließt es ins 2.418 Kilometer lange Dresdner Leitungsnetz.

Ein Blick in einen Aktivkohlefilter, der künftig umfassend saniert werden soll.
Ein Blick in einen Aktivkohlefilter, der künftig umfassend saniert werden soll. © Sven Ellger

Die Sanierung soll 2024 beginnen. Jedes Jahr kommt ein Mehrschicht- und ein Aktivkohlefilter an die Reihe. Dabei werden unter anderem Tausende Kunststoffdüsen der Aktivkohlefilter erneuert. Sie verhindern, dass Kohlegranulat in den Abfluss zum Reinwasserbehälter gelangt. Bei dem insgesamt rund drei Millionen Euro teuren Projekt wird außerdem der Beton der Filterbehälter saniert werden.