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Warum Dresden immer weniger Einwohner hat

Die angepeilten 600.000 Einwohner wird Dresden nicht so schnell erreichen - die Stadt schrumpft erneut. Corona ist nur zum Teil dafür verantwortlich.

Von Sandro Rahrisch
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Blick über den fast leeren Neustädter Markt in die Hauptstraße: Dresden wächst nicht mehr, sondern wird kleiner.
Blick über den fast leeren Neustädter Markt in die Hauptstraße: Dresden wächst nicht mehr, sondern wird kleiner. © freier Fotograf

Dresden. Die meisten Städte sind auf Wachstum aus. Attraktivität, wirtschaftliche Stärke und höhere Steuereinnahmen werden mit dieser Vorstellung verbunden. Dresden war da keine Ausnahme. Die Stadt peilte noch vor wenigen Jahren die 600.000-Einwohner-Marke an - so viele Menschen lebten hier zuletzt vor dem Zweiten Weltkrieg. Doch inzwischen kann Dresden froh sein, wenn man das Niveau einigermaßen hält. Denn 2021 ist die sächsische Landeshauptstadt das zweite Jahr in Folge geschrumpft. Der Trend lässt sich nicht nur auf Corona schieben.

Wie viele Einwohner hat Dresden verloren?

Die Zahlen klingen zunächst nicht dramatisch, die Stadtverwaltung selbst spricht davon, dass die Einwohnerzahl nur "leicht" gesunken sei: Ende Dezember hatten 561.002 Menschen ihren Hauptwohnsitz in Dresden - 940 weniger als im vorherigen Jahr. 2020 war Dresden bereits um 1.069 Einwohner geschrumpft. Macht in der Summe also etwa 2.000 Personen weniger als Ende 2019. Ein Straßenzug in der Größenordnung der Grunaer Straße.

Dass die Entwicklung doch tiefgreifender ist, zeigt ein Blick auf die beiden letzten Wachstumsjahre 2018 und 2019. In beiden Jahren wuchs Dresden noch um insgesamt fast 5.000 Menschen. 20 Jahre war die Bevölkerung kontinuierlich gewachsen.

Sind so viele Menschen an Corona gestorben?

Bereits 2020 ist ein Rekordjahr bei der Zahl der Verstorbenen gewesen. Im vergangenen Jahr ist diese noch einmal übertroffen worden. Genau 6.571 Menschen verloren ihr Leben - rund 22 Prozent mehr als im Mittel der Vor-Pandemie-Jahre.

Der Januar sei mit 882 Sterbefällen der Monat mit den bisher meisten Verstorbenen seit Beginn der monatlichen statistischen Auswertungen des Melderegisters im Jahr 1994 gewesen, so die Stadt. Zum Vergleich: In den Januar-Monaten 2016 bis 2019 starben im Schnitt 528 Personen, also etwa 350 weniger. Im Dezember schieden 752 Menschen aus dem Leben (2019: 407). Statistiker sprechen von einer Übersterblichkeit. Parallelen zum Pandemiegeschehen seien augenscheinlich, so die Stadtverwaltung in einer ersten Bewertung. 2020 starben laut Gesundheitsamt 484 Dresdner im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion, 2021 waren es 991.

Darüber hinaus wirke sich der steigende Anteil älterer Einwohner in Dresden aus. Mehr Hochbetagte - mehr Todesfälle, so die Gleichung. Laut aktueller Bevölkerungsprognose der Stadt wäre aus demografischen Gründen erst 2023/2024 die 6.000er-Marke bei den Sterbefällen erreicht worden.

Kommen denn nicht mindestens genauso viele Kinder zur Welt?

Nein, der Babyboom ist tatsächlich vorbei. Im vergangenen Jahr kamen 5.579 kleine Dresdner zur Welt - 168 Babys weniger als im Jahr davor. "Der Geburtenrückgang, der 2017 einsetzte, setzt sich somit fort", so die Stadt.

Damit macht sich der Geburtenknick Anfang und Mitte der 1990er-Jahre bemerkbar. Da damals weniger Kinder zur Welt kamen, gibt es nun zunehmend weniger Mütter, die selbst Kinder zur Welt bringen können. In der Gesamtrechnung stehen also rund 5.500 Neugeborene etwa 6.500 Verstorbenen gegenüber.

Könnte Dresden mit Zuzüglern den Ausgleich schaffen?

Nein, Dresden hat es im vergangenen Jahr geradeso geschafft, dass nicht mehr Menschen die Stadt verlassen haben, als zugezogen sind. Knapp 27.900 Personen kamen nach Dresden. Etwa ebenso viele hätten der Stadt den Rücken geehrt, so die Verwaltung. Die Wanderungsbilanz sei somit ausgeglichen gewesen. 2020 zogen rund 700 Menschen mehr fort als her. Zuletzt war 1999 ein solches Defizit aufgetreten. Die Verwaltung sieht somit die Sterbezahlen als die Hauptursache für die Schrumpfung.

Ein Blick in die Daten der Kommunalen Statistikstelle zeigt, für welchen neuen Wohnort die Dresdner ihre Heimat verlassen haben, und woher Neu-Dresdner gekommen sind. So kamen die meisten Zuzügler zwischen September und Dezember aus dem Ausland, gefolgt von den alten Bundesländern und anderen sächsischen Kommunen. Bei den Wegzüglern stand das Dresdner Umland an erster Stelle.

Sind weitere Wegzüge durch die Mieten zu befürchten?

Tatsächlich haben die meisten Menschen, die an der letzten Bürgerumfrage teilnahmen und sich mit dem Gedanken trugen, wegzuziehen, die hohen Mietkosten als Umzugsgrund angegeben. Danach folgten Lärm und Luftbelastung. Experten sehen darüber hinaus die Corona-Krise als eine mögliche Ursache dafür, dass weniger Menschen umziehen.

Laut Stadtverwaltung ist die Netto-Kaltmiete von 2019 auf 2021 im Schnitt von 6,48 Euro auf 6,67 Euro pro Quadratmeter gestiegen. Das entspricht knapp drei Prozent innerhalb von zwei Jahren. 2013 lag der Durchschnittspreis noch bei 5,43 Euro, wie aus dem Mietspiegel der Stadt hervorgeht.

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Inzwischen liegen auch erste Daten für das zurückliegende Jahr vor: Laut Immobilienportal Immowelt ist die Miete 2021 um ein Prozent gestiegen. Die Angebotsmieten, die hierfür betrachtet wurden - also die Preise für Neuvermietung nach Mieterwechsel oder Neubau - stiegen zwar noch an, die Preisdynamik habe allerdings nachgelassen. Laut Immowelt lag der mittlere Quadratmeterpreis letztes Jahr bei 7,50 Euro, im Jahr davor bei 7,40 Euro.