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"Die meisten Wunden der Menschen sind nicht sichtbar"

Seit Ende Mai hilft die Dresdner Ärztin Sabine Hartmann Frauen und Kindern in einem griechischen Flüchtlingscamp. Statt Medizin helfen oft schon Worte.

Jeden Tag läuft Sabine Hartmann durch die Containerdörfer und schaut, wo ihre Hilfe benötigt wird.
Jeden Tag läuft Sabine Hartmann durch die Containerdörfer und schaut, wo ihre Hilfe benötigt wird. © privat

Dresden. Wenn sie die Frau mit dem Koffer und der dunklen LandsAid-Weste sehen, dann kommen die Kinder oft von ganz allein angerannt und zeigen stolz ihre neuesten Schürfwunden. "Meist geht es gar nicht um schlimme Verletzungen und Krankheiten", sagt Sabine Hartmann, die normalerweise als Oberärztin in der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Städtischen Klinikum in Dresden arbeitet. "Es geht einfach darum, dass wir da sind. Die meisten Wunden der Menschen hier sind gar nicht sichtbar."

Ende Mai flog die 53-Jährige für die Hilfsorganisation LandsAid nach Griechenland, wo sie für knapp vier Wochen ehrenamtlich in zwei Flüchtlingscamps am Rande Thessalonikis hilft. Gemeinsam mit einer Krankenschwester aus Brühl bildet sie eine mobile Klinik. "Wie Rettungssanitäter laufen wir durch die Camps und widmen uns jeden Tag etwa 40 bis 60 Patienten." Von einigen wissen sie vorher, andere sprechen sie direkt an.

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Sabine Hartmann hat bereits große Erfahrung mit Katastropheneinsätzen wie diesem. Von 1996 bis 1999 lebte sie mit ihrem damaligen Mann und drei kleinen Kindern im bitterarmen Königreich Lesotho im Süden Afrikas. 2000 zog die Familie nach Ecuador, wo sie ein weiteres Jahr blieb. Auch in Haiti und Tansania engagierte sie sich schon für verschiedene Organisationen. Seit 2008 steht sie in Kontakt mit LandsAid, die sich auf schnelle und ehrenamtliche medizinische Notfallhilfe spezialisiert haben.

Viele Bewohner der Camps leben schon seit Jahren hier. Finanzielle Unterstützung durch die griechische Regierung gibt es nicht.
Viele Bewohner der Camps leben schon seit Jahren hier. Finanzielle Unterstützung durch die griechische Regierung gibt es nicht. © privat

"Die Anfrage für die Lager in Griechenland kam schon im November", sagt Sabine Hartmann. Allerdings habe die Corona-Pandemie die Hilfe vor Ort zunächst erschwert. Als die Fallzahlen zurückgingen und Lockerungen möglich wurden, sollte es dann aber ganz schnell gehen. Erst eine Woche vor ihrem Aufbruch buchte die Dresdner Ärztin den Flug.

Ihr Arbeitgeber, das Städtische Klinikum in Dresden, wusste natürlich Bescheid. Überstunden und eine befristete Freistellung ermöglichten Sabine Hartmann, ihren Einsatz anzutreten.

Als Gynäkologin und Geburtshelferin widmet sie sich vor Ort vor allem den Frauen, die in den Camps in der Mehrheit sind. "Mit ihrem ohnehin schon niedrigeren Bildungsstand sind sie die größten Verlierer der Flüchtlingskrise", betont sie. Oft erzählten ihr Menschen von sich aus ihre Lebensgeschichten. "Viele sind Nomaden, die vorher bereits in anderen Camps wohnten. Andere sitzen schon seit Jahren hier fest."

Mehr als ein Drittel sind Kinder

Die Zustände in den überfüllten Lagern auf dem griechischen Festland sind katastrophal. Einem UNO-Bericht zufolge leben hier derzeit fast 75.000 Flüchtlinge. Es sind vor allem Familien aus Afghanistan, Syrien und Kurdistan, die über den Seeweg kommen. Acht Flüchtlingscamps stehen rund um Thessaloniki.

Sabine Hartmann versorgt zwei Camps mit 1.500 und 750 Flüchtlingen, die hauptsächlich in Container-Unterkünften untergebracht sind. Mehr als ein Drittel davon sind Kinder.

Die Lage in den überfüllten Flüchtlingscamps auf dem griechischen Festland ist katastrophal.
Die Lage in den überfüllten Flüchtlingscamps auf dem griechischen Festland ist katastrophal. © privat

Die Situation in den Lagern hat sich nach dem Brand von Moria im September 2020 noch einmal verschärft. Hunderte ehemalige Bewohner von Moria sind auf das Festland gekommen und suchen nun Schutz und Unterstützung in den ohnehin schon überfüllten Lagern um Thessaloniki – die längst auch an ihre Grenzen stoßen.

Von der griechischen Regierung werden nur die registrierten Menschen finanziert und verpflegt. Die anderen erhalten keine offizielle Unterstützung und haben auch keinen Zugang zum Gesundheitswesen.

"Überall fehlt es an Ressourcen. Lebensmittel und Wasser sind rar, medizinische Versorgung quasi nicht vorhanden", sagte Carola Gerhardinger, die Projektleiterin von LandsAid. "Mangelerscheinungen, Hautkrankheiten wie die Krätze, entzündete Wunden, Infektionen, Zahnprobleme sind an der Tagesordnung. Die geflüchteten Menschen sind zum Teil schwer traumatisiert und zeigen psychosomatische Symptome wie Haarausfall oder Kopfschmerzen."

Schulungen in Erster Hilfe

Mit der zumindest vorübergehend abklingenden Corona-Pandemie könne nun endlich wieder ein Einsatzteam die lokale Partnerorganisation unterstützen, die seit 2015 in den Flüchtlingslagern um Thessaloniki aktiv ist, die Bewohner der Camps mit Medikamenten versorgt und medizinische Hilfsgüter zur Verfügung stellt.

Neben den Rundgängen durch das Camp geben Sabine Hartmann und ihre Kollegin in diesen Tagen auch etwa 100 geflüchteten Frauen Schulungen im Bereich Erster Hilfe und Hygiene.

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Um Sicherheit, Stabilität und eine dauerhafte medizinische Versorgung bieten zu können, ist der Einsatz von LandsAid langfristig angelegt. Sobald die Dresdnerin kommende Woche nach Deutschland zurückkehrt, werden weitere medizinische Teams ihre Aufgaben in den Camps übernehmen.

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