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Dresden: Lieber Oberschule als Gymnasium?

Meistgelesen: Immer mehr Familien schicken ihre Kinder trotz guter Leistungen auf die Oberschule statt aufs Gymnasium. Das sind die Gründe.

Zum kommenden Schuljahr haben sich fast 400 Dresdner Familien für den Weg auf die Oberschule entschieden - trotz Bildungsempfehlung für ein Gymnasium.
Zum kommenden Schuljahr haben sich fast 400 Dresdner Familien für den Weg auf die Oberschule entschieden - trotz Bildungsempfehlung für ein Gymnasium. © dpa

Dresden. Eigentlich hätte Mara im kommenden Schuljahr auf ein Gymnasium gehen können. Mit dem Notendurchschnitt von 2,0 bekam sie von ihrer Grundschule eine Bildungsempfehlung dafür. Doch nun meldeten ihre Eltern sie auf einer Dresdner Oberschule an. "Ich habe den Stress und den Druck auf dem Gymnasium mit meinen beiden großen Kindern durch, das wollte ich meiner Tochter und mir so nicht noch einmal antun", erzählt Susanne Schneider, die Mutter von Mara.

Die vielen Tests, die ständigen Vorträge - all das sei eine Belastung für die Familie gewesen, vor allem zuletzt in der häuslichen Lernzeit. Nun soll ihre jüngste Tochter das anders erleben. "Sie soll Kind sein dürfen und am Nachmittag Zeit für Hobbys und Freunde haben und nicht immer nur büffeln müssen", so Schneider, die eigentlich anders heißt. So wie dieser Familie geht es vielen in Dresden.

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Mehr Kinder mit Bildungsempfehlung an die Oberschule

Eine Empfehlung für das Gymnasium bekommt, wer auf dem Halbjahreszeugnis oder Ganzjahreszeugnis der 4. Klasse einen Schnitt von 2,0 oder besser hat. Entscheidend sind die Fächer Deutsch, Mathe und Sachkunde. Seit 2017 können die Eltern allerdings selbst entscheiden, welchen schulischen Weg das Kind ab der fünften Klasse beschreiten soll. Das heißt, auch wenn das Kind keine Bildungsempfehlung hat, kann es an einem Gymnasium angemeldet werden.

Dort muss es dann einen Test am Gymnasium und ein Gespräch mit der Schulleitung absolvieren. Doch selbst die Empfehlung daraus ist nicht bindend. Zum kommenden Schuljahr wurden 148 Kinder an einem Dresdner Gymnasium angemeldet, obwohl die Grundschule rät, das Kind an einer Oberschule lernen zu lassen.

Andererseits wollen wie Familie Schneider etliche Dresdner Eltern ihr Kind trotz Bildungsempfehlung lieber an eine Oberschule schicken. In diesem Jahr sind es mit 396 Anmeldungen deutlich mehr als noch 2020. Vor einem Jahr wollten nur 299 Familien, dass ihr Kind eine Oberschule besucht, obwohl es sich auch an einem Gymnasium hätte anmelden können. Damit stiegt der Anteil der Kinder mit Bildungsempfehlung bei den Oberschülern in den fünften Klassen von 15,7 Prozent im Schuljahr 2020/21 auf 21 Prozent im Schuljahr 2021/22.

Sichtweise der Eltern ändert sich

Petra Müller ist Fachverbandsvorsitzende im Bereich Oberschulen im Sächsischen Lehrerverband und kennt viele Eltern, die im Abitur die besseren Chancen für ihre Kinder sehen. Zunehmend würde sich aber auch die Sichtweise durchsetzen, dass dem Nachwuchs auch nach der Oberschule alle Wege offen stehen. "Die Kinder können zum Beispiel Abitur an einem beruflichen Gymnasium machen und sich dabei sogar noch in eine Fachrichtung orientieren", so Müller.

Sie beobachtet auch, dass sich die Oberschulen in Dresden zunehmend gut nach außen präsentieren und zum Beispiel mit guten Ganztagesangeboten profilieren. "Die Eltern schauen auch auf die Freunde und den Schulweg", so Müller. Und als ein Ergebnis des monatelangen Homeschoolings könnten jetzt viele Eltern den Fleiß und Leistungsstand ihrer Kinder besser einschätzen, so Müller.

Martin Raschke ist Chef des Dresdner Elternrates, und auch er sieht den Faktor Freunde als mitentscheidend an. "Wenn das Kind eher Freunde hat, die auch an die Oberschule gehen, dann will es sie nicht verlieren und die Eltern entscheiden sich dann ebenfalls dafür." Oft fielen die Entscheidungen auch für den Weg, den Mutter und Vater selbst gegangen sind, so Raschke. "Wenn die Eltern selbst kein Abitur haben, schicken sie ihre Kinder öfter auf die Oberschule."

"Unser Bildungssystem ist flexibler als behauptet"

Wolfgang Melzer, Seniorprofessor am Institut für Erziehungswissenschaft der TU Dresden, teilt diese Einschätzung. So sei bei Akademiker-Eltern der Wunsch nach dem höchstmöglichen Schulabschluss für den Nachwuchs um einiges größer, als bei Eltern, die selbst kein Abitur haben, so der Bildungsforscher. Allerdings gibt es keine Erhebung zur sozialen Herkunft der Dresdner Schüler.

Angesichts der Corona-Pandemie und ihrer Folgen auf die schulische Bildung nimmt Melzer große Unsicherheit bei den Familien wahr. Auch das könnte ein Grund sein, warum sich Eltern für den niedrigeren Bildungsweg entscheiden. Er verweist auf eine Studie, in der deutschlandweit Eltern zu ihren Erfahrungen mit dem Homeschooling befragt wurden.

Demnach berichten etwa 75 Prozent der Eltern, dass die Beziehung zu ihrem Kind durch die Herausforderungen in der häuslichen Lernzeit gelitten hat und belastet ist. "Viele Eltern und Kinder sind einfach genervt voneinander. Deshalb trauen sich Eltern nun nicht zu, mit ihrem Kind den Weg aufs Gymnasium zu gehen." Es sei nicht auszuschließen, dass die Sorge vor zu anspruchsvollen Aufgaben bei Kindern wie Erwachsenen zu groß ist.

Dabei wird die Entwicklung durchaus positiv bewertet. "Die aktuellen Anmeldezahlen für Oberschule und Gymnasium in Dresden beweisen vor allem eins: Unser versäultes Bildungssystem ist flexibler, als gemeinhin behauptet. Und das ist auch gut so", findet Stadträtin Dana Frohwieser, SPD-Bildungsexpertin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Dresden. Egal, welche Entscheidung die Familien am Ende der 4. Klasse treffen: Den Kindern bleiben alle Bildungs- und Berufswege offen, so Frohwieser weiter.

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Das Abitur könne auch mit Oberschulabschluss noch erworben werden, beispielsweise über ein Abendgymnasium oder Berufliches Gymnasium. Genauso wie die Abiturienten später einen Handwerksberuf ergreifen könnten. Dabei sei der starke Anstieg von Kindern mit Gymnasialempfehlung, die an einer Oberschule lernen, ein interessantes Zeichen. "Vielleicht hat die Corona-Pandemie hier mal einen positiven Effekt: Dass mehr Eltern sich entscheiden, nicht schon ihre zehnjährigen Kinder allein an Schulleistungen messen zu lassen", so Frohwieser.

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