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"Ein Stück Dresdner Stadtgeschichte in Bildern"

Das Dresdner Fotografenpaar Christine und Günter Starke übergibt eine einzigartige Dokumentation an das Stadtarchiv - und bringt dessen Leiter zum Jubeln.

Aktenordner voller Leben: Christine und Günter Starke übergeben Fotos aus vier Jahrzehnten an das Dresdner Stadtarchiv.
Aktenordner voller Leben: Christine und Günter Starke übergeben Fotos aus vier Jahrzehnten an das Dresdner Stadtarchiv. © Jürgen Lösel

Dresden. Ab und zu steckte ihr der Statiker den Schlüssel zu. Dann betrat Christine Starke den verlassenen Erlweinspeicher an der Elbe und hielt mit ihrer Kamera all das fest, was sie glaubte, auf diese Weise beschützen zu müssen. "In der Ruine lagen Matratzen. Offenbar wohnte dort jemand", erinnert sich die 70-Jährige. "Nach zwei, drei Stunden habe ich mich gegruselt und bin ein anderes Mal wiedergekommen."

Von 2004 bis 2006 wurde der frühere Speicher zum Maritim-Hotel umgebaut und dabei komplett entkernt. Zwei Etagen verschwanden gänzlich. "Es hat mich richtig gegrämt, wie der Trockenbau viele faszinierende Formen gesichtslos machte", erinnert sich die Fotografin. Durch ihre Bilder konnte sie viel von jener Faszination festhalten.

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Der Erlweinspeicher an der Elbe vor seiner Verwandlung zum Maritim-Hotel.
Der Erlweinspeicher an der Elbe vor seiner Verwandlung zum Maritim-Hotel. © Christine Starke

Ähnliches gelang Christine Starke und ihrem Mann Günter auch in zahlreichen anderen Fällen. In unzähligen Fotoserien dokumentierten die beiden den Verfall und den beginnenden Sanierungsboom, der in Dresden vieles neu entstehen, gleichzeitig aber auch vieles verschwinden ließ. Unter anderem hielten sie die letzten originalen Fliesen an einer Säule des früheren Erlwein'schen Schlachthofs im Ostragehege fest, bevor dort die Bagger anrollten. Zudem begleiteten sie unter anderem den Abriss des HO-Cafés "Mokka-Perle" an der Bautzner Straße, die erste Inneneinrichtung des Hilton-Hotels Anfang der 90er und die Entwicklung der St-Pauli-Ruine.

Bereits als das Künstlerpaar Anfang der 80er-Jahre in die Neustadt zog, hatte Christine Starke das Antlitz ihrer früheren Heimat Gorbitz, Pieschen und Trachau schwarz auf weiß festgehalten. Günter Starke wiederum gilt heute als wichtigster Bild-Chronist der Äußeren Neustadt vor der Wende.

Vom einstigen Charme des früheren Schlachthofes im Ostragehege ist heute nichts mehr zu sehen.
Vom einstigen Charme des früheren Schlachthofes im Ostragehege ist heute nichts mehr zu sehen. © Christine Starke

Es kann nicht überraschen, dass Thomas Kübler, der Leiter des Dresdner Stadtarchives, seit geraumer Zeit ein großes Interesse am Wirken der Starkes zeigte. Allein zehn Jahre lang versuchte er zuletzt Günter Starke von einer Ausstellung im Stadtarchiv zu überzeugen. Die Schau mit dem Titel "Botschaften" wurde im vergangenen Herbst aller Corona-Einschränkungen zum Trotz eine der erfolgreichsten überhaupt.

Nun stand für Kübler erneut "ein großer Tag" an, wie er es selbst ausdrückte. Am Montag übergaben Christine und Günter Starke den größten Teil ihres Fotoschatzes mit Bezug zu Dresden offiziell an das Stadtarchiv. Mit glänzenden Augen nahm der Archivleiter zunächst mehr als zwei Dutzend Aktenordner entgegen, gefüllt mit geschätzt rund 10.000 Negativen und Dias. Teil der Schenkung ist auch Günter Starkes legendäres Neustadt-Archiv, mit dem der 77-Jährige jedoch bis auf Weiteres noch zu Hause arbeiten möchte. Gleiches gilt für die Gorbitz-Bilder seiner Frau aus den späten 70er-Jahren.

Das Kraftwerk in Mitte 2012 (l.) und nach seiner Umgestaltung zum Theaterfoyer fünf Jahre später.
Das Kraftwerk in Mitte 2012 (l.) und nach seiner Umgestaltung zum Theaterfoyer fünf Jahre später. © Günter Starke

Ebenfalls nachgereicht werden sollen Festplatten mit digitalen Fotografien, darunter die dokumentierte Entwicklung des Kraftwerks Mitte (Günter) und ein Fotoprojekt über Selbstständige in der Neustadt (Christine).

"Einen so eindrucksvollen Bestand mit so viel Persönlichkeit gibt es in Dresden nicht noch einmal", stellt Kübler begeistert fest. Private Fotoarchive seien für Archivare als Quelle außerhalb der Verwaltungsunterlagen von unschätzbarem Wert.

Der größte Teil ihrer Dresden-Sammlung hat nun bereits seinen Platz in einem rollenden Holzregal im Stadtarchiv gefunden, wo die Fotos allerdings keinesfalls verstauben sollen. "Uns ist es besonders wichtig, dass die Fotos weiter genutzt werden", sagt Günter Starke, und genau das hat Kübler auch vor. Viele der Fotografien ermöglichten es dem Archiv, die Stadtentwicklung genauer und lebensnaher zu dokumentieren. In besonderem Maße gelte das für die zwischen 1995 und 2001 entstandenen Luftaufnahmen, die allein einen ganzen Ordner füllen.

Bei der Übergabe am Donnerstag würdigte auch Dresdens Kulturbürgermeisterin Anne-Katrin Klepsch (Linke) den Wert der Schenkung mit ihrer Anwesenheit. "Für uns als Stadt ist es eine besondere Ehre, diesen Schatz für das Stadtarchiv gewinnen zu können", sagte sie. "Christine und Günter Starken haben Stadtgeschichte geschrieben und durch ihr Schaffen immer auch in die Stadt hinein gewirkt."

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