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Friedensrichter: "Aggressivität nimmt zu"

16 Dresdner Schiedsstellen schlichten Streitfälle ohne Gerichtsverfahren. Klaus-Jürgen Wilhelm beobachtet jedoch eine besorgniserregende Entwicklung.

Klaus-Jürgen Wilhelm engagiert sich als Friedensrichter in Klotzsche.
Klaus-Jürgen Wilhelm engagiert sich als Friedensrichter in Klotzsche. © Sven Ellger

Dresden. Es ist eine dieser Begleiterscheinungen der Corona-Krise: Wer mehr zu Hause ist, dem fallen auch mehr Dinge auf, die ihn stören könnten.

Warum müssen die Mülltonnen eigentlich gerade vor unserem Balkon stehen? Wie hoch soll die Hecke der Nachbarn eigentlich noch wachsen? Oder müssen die da oben ausgerechnet am Sonntagmorgen Klarinette üben?

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Wenn der freundliche Hinweis auf der Treppe nicht mehr ausreicht, dann müssen solche Konflikte irgendwann anders aus der Welt geschafft werden. Bevor jedoch ein Gericht eingeschaltet wird, bietet sich häufig noch eine andere Option an: ein Schlichtungsversuch durch einen Friedensrichter, der ehrenamtlich arbeitet und durch den Stadtrat gewählt wird.

16 dieser Schiedsstellen gibt es in Dresden. Klaus-Jürgen Wilhelm ist verantwortlich für Klotzsche und den gesamten Norden der Stadt.

Gleichzeitig ist er Vorsitzender der Landesvereinigung Sachsen im Bund Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen. Nur in Sachsen trägt dieses Amt den schönen Namen Friedensrichter.

Die Idee: Für kleines Geld vermittelt der Friedensrichter neutral zwischen den Streitparteien und versucht, unter aktiver Mitwirkung der Protagonisten einen Kompromiss zu finden, mit denen alle Beteiligten leben können.

"Aufgabe wird schwieriger"

Die Zahl solcher Schlichtungen ist seit Beginn der Corona-Krise gesunken, weil viele glauben, derartige Zusammenkünfte seien derzeit sowieso nicht möglich. Das allerdings ist ein Trugschluss, betont Klaus-Jürgen Wilhelm.

Laut Corona-Verordnung seien Stellen mit öffentlichen Aufgaben von den Beschränkungen ausdrücklich ausgeschlossen - natürlich unter Berücksichtigung der nötigen Hygieneregeln.

Seit vielen Jahren ist Wilhelm stolz auf seine hohe Erfolgsquote bei den Schlichtungen. In letzter Zeit jedoch beobachtet der 76-Jährige gesellschaftliche Entwicklungen, die in entgegengesetzte Richtungen verlaufen.

"Auf der einen Seite hat in Corona-Zeiten die Nachbarschaftshilfe zugenommen", sagt er. Menschen, die sich bislang kaum kannten, gingen nun für einander einkaufen oder mit fremden Hunden Gassi.

Auf der anderen Seite aber seien viele Leute immer weniger zugänglich. "Die Aggressivität nimmt zu und die Bereitschaft, auf einander zuzugehen nimmt ab. Das macht die Aufgabe für uns Friedensrichter zunehmend schwieriger."

Wenn sich jetzt die Menschen auch noch zu Hause eingesperrt fühlten, dann könnten sich schon vorhandene Probleme schnell hochschaukeln. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es in den meisten Fällen gar nicht so sehr um die Hecke geht, sondern um etwas, was schon seit langer Zeit schwelt." Jetzt, wo die Nerven in vielen Haushalten blank liegen, platze dann eben so mancher Kragen.

Auch Vor-Ort-Termin hilft nicht

Das zum Vorschein zu bringen, gehört zu den Aufgaben der Friedensrichter - wenn er denn überhaupt kontaktiert wird. Noch immer kennen viele Dresdner diese Möglichkeit gar nicht oder habe eine Rechtsschutzversicherung, die sie endlich auch mal in Anspruch nehmen wollen.

Entsprechend groß ist das Potenzial der Dresdner Schiedsstellen. Von den fünf Fällen, denen sich Wilhelm im Jahr 2020 widmete, konnte er drei als Erfolg verbuchen. In einem Fall habe das allerdings drei Stunden gedauert. Dabei ging es um die Aufgabenverteilung in einem Haus mit verschiedenen Eigentümern.

Bei einem der vergeblichen Vermittlungsversuche habe eine Partei auf ihr Recht bestanden, ohne die naheliegende Frage zuzulassen: "Was stört Sie eigentlich wirklich?" Trotz zweier Termine, einem davon vor Ort, habe Wilhelm schließlich aufgeben müssen.

In einem anderem Fall verweigerte der Antragsgegner von Anfang an die Mitwirkung. In normalen Zeiten ist das gar nicht gestattet und ihm würde ein Bußgeld von bis zu 1.000 Euro drohen. Unter Corona-Bedingungen sei die Zahl an möglichen Ausreden allerdings zu groß, um das realistisch durchsetzen zu können, sagt Wilhelm.

Kontakt über Stadtbezirksamt

Ab kommendem Jahr sucht die Stadt wieder neue Interessenten für das Friedensrichter-Ehrenamt. Zurzeit sei die Nachwuchsgewinnung besonders schwierig, da keine Schulungen durchgeführt werden könnten.

Womöglich könnten Videokonferenzen eine Alternative sein. Für die Schiedsverfahren selbst hält Wilhelm digitale Lösungen allerdings für wenig erfolgversprechend. "Da bin ich skeptisch, weil es eben doch wichtig ist, dass man für die Lösungssuche im wahrsten Sinne zueinander findet."

Im großen Bürgersaal im Rathaus Klotzsche sei ausreichend Platz für die Verhandlungen. Mit Mundschutz und sauberen Hände könne das Ansteckungsrisiko minimiert werden.

Die Mühe könnte es Wert sein, ist sich Klaus-Jürgen Wilhelm sicher. Der größte Vorteil: Bei der Vermittlung durch einen Friedensrichter bestehe die Chance, dass niemand das Gesicht verliert. "Vor Gericht wird es am Ende immer einen Verlierer geben."

Wer in Dresden einen Antrag auf Schlichtung durch einen Friedensrichter stellen möchte, der wendet sich am besten an sein Stadtbezirksamt oder informiert sich im Internet über Möglichkeiten und Kontakte.

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