merken
PLUS Dresden

Dresdner Kinderarzt: "Mütter weinen am Telefon"

Eigentlich ist Dresden mit Kinderärzten überversorgt - Ärzte und Eltern berichten aber von vollen Praxen und langen Wartezeiten. Wie kann das sein?

Dr. Andreas Krimmenau ist seit 33 Jahren Kinderarzt in Dresden. Mit 66 denkt er zwar langsam ans Aufhören, doch das ist gar nicht so einfach.
Dr. Andreas Krimmenau ist seit 33 Jahren Kinderarzt in Dresden. Mit 66 denkt er zwar langsam ans Aufhören, doch das ist gar nicht so einfach. © Sven Ellger

Dresden. In den Wintermonaten ist es besonders schlimm, sagt Andreas Krimmenau. Nicht selten müssen Eltern dann im Wartezimmer sogar stehen, weil alle Stühle besetzt sind. In den vergangenen Jahren hat er immer mehr Kinder versorgen und Familien auch abweisen müssen, die einen festen Kinderarzt suchten. Dass das früher ganz und gar nicht so war, weiß Dr. Krimmenau aus langer Erfahrung.

Seit 1988 führt er seine Praxis in der Liebigstraße, die Villa am Nürnberger Ei in der Südvorstadt ist schon zu DDR-Zeiten Teil einer Poliklinik gewesen. Auch heute finden sich in dem Ärztehaus mehrere Praxen, darunter auch eine Zweigstelle des Kinderzentrums in der Dresdner Friedrichstadt, die am Standort neben Krimmenau für die Kindergesundheit zuständig ist.

Anzeige
Jetzt vorbei kommen - bei toom Radeberg
Jetzt vorbei kommen - bei toom Radeberg

Der Radeberger Markt hat ab sofort wieder komplett für Sie geöffnet! Jetzt tolle Angebote sichern!

Als Andreas Krimmenau Anfang April einen Bericht über die schwierige Suche nach einem Kinderarzt in Dresden in der Sächsischen Zeitung liest, ärgert sich der 66-Jährige. Im Text wird beschrieben, dass eine hochschwangere Dresdnerin täglich mit Ärzten telefoniert und eine Absage nach der anderen bekommt. Soweit kann Krimmenau die Geschichte nachvollziehen, er erlebt das schließlich täglich in der eigenen Praxis.

Laut Aussage der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) habe Dresden aber mit mehr als 123 Prozent eine guten Versorgungsgrad an Kinderärzten. "Das entspricht überhaupt nicht der Realität", sagt Krimmenau und fragt sich, wie diese Zahlen berechnet werden.

"Wir sind oft die zehnte Anlaufstelle"

Erst vor einigen Tagen haben an einem Morgen gleich sieben Mütter bei ihm angerufen, die einen Arzt für ihr Kind suchten. Auch die benachbarte Praxis des Kinderzentrums habe in der vergangenen Woche acht Anfragen gehabt, erzählt Krimmenau.

Die Gründe der Eltern sind unterschiedlich: Einige Familien sind nach Dresden umgezogen, sechs Mütter erwarten ein Baby oder haben schon ein Frischgeborenes daheim, eine Familie wollte innerhalb Dresdens den Kinderarzt wechseln. Doch die Praxen sind voll, nur wenige Dresdner Ärzte nehmen noch weitere kleine Patienten auf.

"Wir sind manchmal die zehnte Anlaufstelle", erfährt Krimmenau aus Gesprächen mit den Eltern. "Es gibt sogar Mütter, die weinen am Telefon, weil sie so verzweifelt sind." Besonders schwierig sei es, wenn sich Familien erst drei, vier Wochen vor der U3 um einen Termin dafür bemühen. Das ist eine von vielen regelmäßigen Untersuchungen, bei denen der Kinderarzt die Entwicklung des Babys und Kleinkindes kontrolliert und den Gesundheitszustand checkt. Die U3 steht kurz nach der Geburt an. Von Kollegen aus der Dresdner Neustadt, wo besonders viele kinderreiche Familien leben, weiß Krimmenau, dass zwei bis drei Stunden Wartezeit mit dem Baby keine Seltenheit sind.

Deshalb rät er Eltern, etwa vier Monate vor der Geburt bei einem Kinderarzt anrufen. "Meine Sprechstundenhilfen schauen dann, ob und wann es passt." Auch er weise Eltern nur ungern ab, bislang hat er pro Jahr 150 bis 170 Neugeborene in seiner Praxis aufgenommen. Weil er mit 66 nun etwas kürzertreten will, hat er die Neuaufnahmen inzwischen aber auf 100 Kinder im Jahr reduziert. "Auch das ist nämlich Teil des Problems: Viele Kollegen sind schon älter."

Wie schwer es ist, Nachfolger für die Praxen zu finden, zeigen zwei Kinderärztinnen in Gorbitz. Dr. Carola Hoffmann und ihrer Kollegin ist es nach langwieriger Suche gelungen, nun konnten sie ihre kleinen Patienten schließlich in gute Hände übergeben. "Ich habe mit ihr gesprochen", sagt Krimmenau. In einem Wohngebiet wie Gorbitz, in dem so viele Kinder in sozial schwachen Familien leben, sei es wichtig, aber eben auch sehr, sehr schwierig, junge Ärzte zu finden, die die Versorgung aufrechterhalten.

"Reeller Bedarf an Kinderärzten nicht abgedeckt"

Doch warum gehen Theorie und Realität beim Versorgungsgrad an Kinderärzten eigentlich so weit auseinander? Krimmenau vermutet, dass die KVS bei den gemeldeten Kinderärzten annimmt, dass alle in Vollzeit arbeiten. Tatsächlich berücksichtigt die KVS jedoch bei ihrer Berechnung nicht die Personen, sondern die Summe der sogenannten Vollbeschäftigungseinheiten. Von den 70 Kinderärzten in Dresden arbeiten 48 in Vollzeit. Insgesamt gibt es bei den Dresdner Kinderärzten 58 Vollbeschäftigungseinheiten, erklärt KVS-Sprecherin Katharina Bachmann-Bux. Sie bestätigt, dass Dresden mit rund 124 Prozent überversorgt ist, weitere Kinderärzte dürfen sich derzeit nicht niederlassen. Dabei wird auch der künftige Bedarf berücksichtigt.

Wie viele Ärzte wie viele Kinder und Jugendliche versorgen, werde regelmäßig vom Landesausschuss für Ärzte und Krankenkassen Sachsen geprüft und angepasst. In Dresden liegt dieses Verhältnis derzeit bei 2.012 Kindern pro Arzt. Bei 93.900 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren wären 47 Ärzte, die in Vollzeit arbeiten, ausreichend. In Dresden sind es 58 Vollbeschäftigungseinheiten, so Bachmann-Bux. Zudem seien in den vergangenen acht Jahren drei Vollzeitstellen in Dresden hinzugekommen. "Infolge dessen kann hier schon von einer Anpassung an die vorherrschende Versorgungssituation gesprochen werden."

Allerdings räumt die Sprecherin auch ein: "Der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen ist in jedem Fall durchaus bewusst, dass die derzeitigen Verhältniszahlen für die Kinderärzte nicht den reellen Bedarf abdecken können." Während der hohe Versorgungsgrad ein vermeintlich hohes Versorgungsniveau suggeriere, zeige sich bei näherer Betrachtung der tatsächlichen Verhältnisse eine bedenkliche Entwicklung im kinderärztlichen Versorgungsbereich, so die KVS-Sprecherin.

Familien gehen häufiger zum Arzt

Dabei gab es offenbar mehrfach Vorstöße, die Situation zu ändern. So habe der Ärzte-Landesausschuss durchaus versucht, dass die Zahlen realistischer angepasst werden - ohne Erfolg. Einer der Gründe ist, dass in den alten Bundesländern Kinder durch den normalen Hausarzt betreut werden und den Kinderarzt nur in speziellen Fällen aufsuchen. Weil in Sachsen allein der Kinderarzt für die Kleinen und bis 18-Jährigen zuständig ist, gibt es hier auch deutlich mehr Stellen - was die Überversorgung erklärt. "Mittlerweile verändert sich allerdings auch in Westdeutschland das Image des Kinderarztes vom spezialisierten Facharzt hin zum Hausarzt der Kinder."

Krimmenau hat einen weiteren Punkt ausgemacht, der Ursache für die immer volleren Praxen sein könnte. Viele Familien würden - anders als oft angenommen - nicht nur einmal jährlich zum Impfen in die Kinderarztpraxis kommen, oder weil eine Routineuntersuchung ansteht. "Das hat sich grundlegend geändert." Im Winter kommen Eltern im Quartal drei-, viermal zu ihm. Weil sich der Husten und Schnupfen nicht bessert oder das Kind sich schon wieder eine neue Infektion in der Kita eingefangen hat.

Volle Praxis: Ohne Pause durch den Vormittag

Obwohl sich Krimmenau längst in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden könnte, versorgt der 66-Jährige noch immer 2.500 bis 3.000 Patienten. Auch er hat manchmal so viel zu tun, dass er am Vormittag nicht einmal zur Toilette gehen kann, erzählt er - vor allem in den Wintermonaten, wenn die Kleinen häufiger krank sind. Bis zu 5.000 Konsultationen pro Quartal, also Termine, bei denen Eltern ihre Kinder bei ihm vorstellen, sind dann Normalität. "Selbst krank werden darf ich in dieser Zeit eigentlich nicht."

Weiterführende Artikel

"Kinder und Familien vernachlässigt"

"Kinder und Familien vernachlässigt"

Die mit Corona verbundenen Probleme sind im Meißner Wahlkampf angekommen. Der Kandidat der Freien Wähler meldet sich zu Wort.

So springen Kinder sicher Trampolin

So springen Kinder sicher Trampolin

Wenn mehrere Kinder zusammen Trampolin springen, wird es schnell wild - und endet oft mit Prellungen oder Brüchen. Darauf sollten Eltern achten.

Dresden: Lange Suche nach dem Kinderarzt

Dresden: Lange Suche nach dem Kinderarzt

Eine hochschwangere Dresdnerin bekommt eine Absage nach der anderen. Warum Kinderarztpraxen keine Patienten annehmen und ob die Ärzte ausreichen.

Dennoch will er noch einige Jahre durchhalten, auch, weil ihm die Arbeit nach 33 Jahren noch viel Spaß macht. Seine leitende Mitarbeiterin ist ebenfalls schon seit 31 Jahren in der Praxis, das Team sei hervorragend eingespielt. Und es sieht gut aus, dass seine Kinderarztstelle in der Südvorstadt erhalten bleibt. Krimmenau hat sich bereits gekümmert und einen Interessenten gefunden, der seine Praxis übernehmen will.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden