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Dresdner mit ADHS: "Chaos auf dem Tisch und im Kopf"

Seinen Alltag zu organisieren, ist für Tobias Philipp eine Herausforderung. Doch er hat Wege gefunden, damit sich die Gedanken in seinem Kopf nicht verknoten.

Konzentration Dank fester Routinen: Tobias Philipp hat gelernt, mit ADHS zu leben.
Konzentration Dank fester Routinen: Tobias Philipp hat gelernt, mit ADHS zu leben. © Sven Ellger

Dresden. Er wusste, wann der Bus kommt. Die Haltestelle war fast vor dem Haus. Verpasst hat Tobias Philipp ihn dennoch. Immer wieder. Und wenn er ihn morgens doch mal erwischte, dann konnte es schon mal vorkommen, dass er im Bus einschlief und an der Endhaltestelle geweckt wurde. "Dann habe ich eben die erste beiden Schulstunden verpasst", erinnert sich der 40-Jährige. Gedanken hat er sich deswegen nie gemacht.

Auch seine Eltern daheim in Brandenburg gewöhnten sich daran, dass auf seinen Zeugnissen regelmäßig Einschätzungen wie "Konzentriert sich nicht richtig" und "Könnte mehr, wenn er wollte" zu lesen waren. Irgendwie wurschtelte sich ihr Sohn durch und machte später eine Ausbildung in der Automatisierungs- und Computertechnik.

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Darauf folgte ein Informatik-Studium in Senftenberg. "Die ersten sieben Semester hatte ich keine Schwierigkeiten", sagt Philipp, ein freundlicher Mann mit Vollbart und hoher Stirn, "doch dann spürte ich, dass da irgendwas nicht stimmt". Er meldete seine Diplomarbeit an und bekam für die Fertigstellung die übliche Frist von drei Monaten. Doch als die vorüber waren, hatte Philipp nichts in der Hand, was er hätte abgeben können. "Die Zeit hat einfach nicht gereicht, aber dessen war ich mir bis zum letzten Tag nicht bewusst." Er fiel durch.

Viele Vorurteile, wenig Akzeptanz

Für den zweiten Anlauf riet ihm sein Betreuer, die Arbeit erst anzumelden, wenn er fast fertig sei. Genau das tat er - und doch wurde es wieder nichts. "Auf meinem Schreibtisch und in meinem Kopf herrschten Chaos", sagt er. "Ich habe tausend Dinge angefangen und nichts fertig gemacht." Die erfolglosen Versuche, sein Leben auf die Reihe zu bekommen, setzten Philipp zu. Er litt an starken Depressionen und wurde psychologisch behandelt.

Die Wende kam mit seinem Umzug nach Dresden im Jahr 2011, als er zu einem Freund in eine WG in der Friedrichstadt zog. Auf eigene Faust hatte er damals bereits zum Thema ADHS recherchiert und festgestellt, dass fast alle der möglichen Symptome auf ihn zutrafen. Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ist eine von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannte psychische Erkrankung, wenngleich sie in der Gesellschaft oft wenig Akzeptanz findet. Schon gar nicht bei Erwachsenen.

"Dem Kind einen Namen geben"

Nun hat nicht jeder, der mal seinen Friseurtermin vergisst oder öfter mit den Fingern auf den Tisch trommelt, gleich ADHS. Wenn allerdings viele Symptome zusammenkommen und die psychische Belastung im Alltag steigt, könnte es Zeit für eine ausführliche Diagnostik beim Arzt sein. Die durchlief Philipp in Dresden und bekam anschließend Medikamente verschrieben, die seine Konzentrationsfähigkeit steigern sollten.

"Ich bin regelrecht erschrocken, wie gut das funktioniert hat. Plötzlich konnte ich arbeiten wie auf Schiene, habe Pläne gemacht und sie bis zum Schluss umgesetzt. Was ich bis dahin in sechs Jahren nicht fertiggebracht hatte, gelang mir danach innerhalb von sechs Wochen." 2012 schloss er sein Studium mit "gut" ab, arbeitete fünf Jahre lang als IT-Fachmann für verschiedene Unternehmen und wechselte Ende 2016 zur Polizei.

Das Wichtigste für ihn: Er wusste nun, wo das Problem lag. "Ich war nie der große Zappelphilipp und litt eher an innerer Unruhe. Mit der Diagnose konnte ich dem Kind endlich einen Namen geben." Unter anderem wurde in dieser Zeit festgestellt, dass er an einer bis dahin nicht erkannten Fehlsichtigkeit litt. "Deswegen konnte ich nicht richtig gucken und bekam Kopfschmerzen, sobald ich gelesen habe." Bis zum Alter von 30 Jahren habe er nur ein einziges Buch durchgelesen. Ironischerweise "Der Vorleser" im Schulunterricht.

Routinen statt Medikamente

Mit neuer Brille sah er die Welt nun aus einer komplett anderen Perspektive. Trotz der Erfolge haderte er jedoch mit den Medikamenten und suchte nach anderen Wegen zu einem Leben ohne die ständige Angst vor dem Scheitern. Bald stieß er auf eine Selbsthilfegruppe, die sich wöchentlich am Weißen Hirsch traf. Nach langem Zögern setzte er sich dazu, zunächst schweigend.

Das erste Mal meldete sich Philipp in der Gruppe zu Wort, als ein neuer Betreuer für die Homepage gesucht wurde. Die Unfähigkeit, "Nein" sagen zu können, begleite und belaste ihn seit vielen Jahren. Heute wisse er, dass er die Aufgabe hätte ablehnen sollen. War sein Kopf doch sowieso schon übervoll mit unfertigen Gedanken.

Innerhalb weniger Tag baute er eine komplett neue Homepage für die Gruppe auf, und mit der Zeit übernahm er immer mehr Aufgaben: die Organisation der Treffen, die Finanzen, den Aufbau einer eigenen Bibliothek, für die er Fördermittel auftrieb.

Doch die Gruppe erforderte nicht nur zusätzliche Aufmerksamkeit, sie gab ihm auch Halt. Der regelmäßige Austausch brachte ihm die Gewissheit, dass er ohne Medikamente klarkommen könnte. Nach 13 Monaten setzte er sie ab und begann, sich Routinen für seinen Alltag zu erarbeiten.

"Leider nur 24 Stunden"

Mit der Zeit wurde die Selbsthilfegruppe durch sein Engagement bekannter. Statt sechs oder sieben Leute kamen zeitweise knapp 40. Obwohl ihnen seit Beginn der Corona-Pandemie das Domizil am Weißen Hirsch nicht zur Verfügung steht, treffen sich die ADHS-Betroffenen jeweils am zweiten Donnerstag im Monat an wechselnden Orten.

In nächster Zeit will sich Tobias Philipp nach zehn Jahren ein wenig aus der Gruppe zurückziehen. "Ich habe für mich selbst viel gelernt und will mich nun auf andere Dinge konzentrieren", sagt er, was bei Menschen wie ihm durchaus wortwörtlich gemeint ist. Er will wieder mehr Musik machen. Blechblasinstrumente sind seine Welt. Er will wieder mehr auf Reisen gehen, um den Kopf freizubekommen. Und er will nebenbei eine eigene IT-Firma aufbauen. "Leider hat der Tag nur 24 Stunden", sagt er und lacht.

Rote Punkte gegen das Vergessen

Das klingt nicht ganz nach dem Minimalismus, den er sich antrainiert habe, um die Anzahl der Reize zu reduzieren. Bei seinem Umzug nach Dresden habe er viel Materielles weggeworfen und auf Kleinanzeigenseiten verkauft. Seine frühere WG hat er inzwischen gekauft und klebt rote Punkte auf all die Dinge, die er noch loswerden möchte. Ohne die Punkte würde es nie dazu kommen, sagt er.

Seine wichtigsten Hilfsmittel bei der Selbstorganisation seien jedoch eine große Korkpinnwand, ein Whiteboard sowie sein Handy mit Apps, die ihn rund um die Uhr an Termine erinnern. Ansonsten setzt Philipp auf viel Bewegung und eine gute Ernährung. Viel Zucker, Weizen, Milchprodukte und Alkohol seien bei ADHS nicht hilfreich.

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