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Harfenistin erobert leere Orte in Dresden

Wo sich normalerweise viele Menschen tummeln, setzt Sarah Christ in diesen Tagen ein Zeichen der Hoffnung: Keine Krise soll die Musik verstummen lassen.

Mozart zwischen Bücherregalen: Sarah Christ erweckt die verwaiste Bibliothek im Kulturpalast mit Harfenklängen zum Leben.
Mozart zwischen Bücherregalen: Sarah Christ erweckt die verwaiste Bibliothek im Kulturpalast mit Harfenklängen zum Leben. © Sven Ellger

Dresden. Da horchten auch die Tiere im Dresdner Zoo auf. Vor allem die Mandrills im Afrikahaus schauten interessiert, welch wundersames Gerät da mitten im Elefantengehege platziert wird.

Die sanften Klänge der Dresdner Harfenistin Sarah Christ waren auch für die Affen eine willkommene Abwechslung in diesen ungewöhnlich stillen Zeiten. Im Prof. Brandes-Haus gab es sogar einen Mitsänger: Die dort frei herumlaufende Straußenwachtel, die sich sonst eher im Verborgenen hält, pfiff kräftig mit.

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Für Sarah Christ waren die Reaktionen der beste Beweis dafür, dass sie mit ihrem Projekt "Empty Spaces" bei Mensch und Tier auf Anklang stößt. Die Idee: Mit ihrem imposanten Instrument erobert die 40-Jährige Orte in Dresden, an denen sich normalerwiese viele Menschen tummeln, die aber im Lockdown bereits seit Wochen verwaist sind. Dabei entsteht eine Reihe von Videos, die die Atmosphäre aufnehmen und an die Zuschauer weitergeben sollen.

Ihre Tournee der besonderen Art begann im menschenleeren Hygienemuseum. Auch im Fitnessstudio, im Hallenbad und im Restaurant spielte sie schon, zuletzt im Dresdner Zoo und in der Bibliothek im Kulturpalast. Fortsetzung folgt.

Als politisches Statement möchte Sarah Christ ihre Aktion nicht verstanden wissen. "Ich will ein bisschen Hoffnung verbreiten, positive Energie ausstrahlen und zeigen: Die Musik ist noch da und auch all diese Orte sind noch da." Gleichzeitig sehe sie das Projekt als Dokumentation dieser besonderen Zeit.

Auch sie selbst darf nun schon seit fast einem Jahr keine Konzerte mehr spielen, hat als selbstständige Künstlerin keine Einnahmen und kann dadurch mit den vielen Hundert anderen Kulturschaffenden in der Stadt mitfühlen, denen es genauso geht.

"Als fünfköpfige Familie merken wir das natürlich", sagt sie. "Im Vergleich zu anderen habe ich aber noch das große Glück, keine Existenzängste haben zu müssen." Ihr Mann ist Hornist an der Staatskapelle und bekommt monatlich sein Gehalt überwiesen.

Sarah Christ stammt aus Berlin und ist Tochter einer australischen Mutter und eines deutschen Vaters. Sie wuchs in einer außergewöhnlich musikalischen Familie auf und lernte als Kind bereits Klavier und Geige zu spielen.

Ihre besondere Faszination für die Harfe wollten ihre Eltern zunächst nicht wahrhaben, doch sie blieb hartnäckig. Mit zehn Jahren gab es das ersehnte Instrument - und das nötige neue Familienauto gleich dazu.

Die Dresdnerin Sarah Christ gehört zu den gefragtesten Harfenistinnen des Landes.
Die Dresdnerin Sarah Christ gehört zu den gefragtesten Harfenistinnen des Landes. © Sven Ellger

Sieben Jahre später ging Sarah Christ zum Harfen-Studium nach Frankreich und erhielt schon mit 21 ihre erste Festanstellung an der Wiener Staatsoper. "Nach zwei Jahren dort hatte ich das Gefühl, noch zu jung zu sein, um mich so fest zu binden." Sie kündigte und stürzte sich ins Abenteuer Freiberuflichkeit. Bei einem Gastspiel in Dresden lernte sie vor 13 Jahren ihren Mann kennen. Und blieb.

Ihre Tourneen führten sie bereits in die größten Konzerthäuser der Welt. Gleichzeitig lebte sich sich musikalisch auch mit Kammerkonzerten und Soloauftritten aus. "Als Harfe im Orchester gibt es selten viel zu spielen." Meist ginge es eher darum, Takte zu zählen und auf den einen kleinen Einsatz zu warten.

"Deswegen brauche ich die Ergänzung, um mich weiterzuentwickeln." Viele bekannte Stücke habe sie dabei selbst vom Klavier auf die Harfe übertragen, da das Original-Repertoire sehr eingeschränkt sei.

Mit Beginn der Corona-Krise änderte sich alles. "Selbst in der Zeit, als theoretisch Konzerte gespielt werden konnten, war ich nicht gefragt", sagt sie. Ihre China-Tournee im Herbst wurde abgesagt. In anderen Konzerten musste wegen der geforderten Abstände im Orchester die Harfe gestrichen werden.

Die Freude der Sicherheitsleute

Die überraschend freie Zeit nutzte die Musikerin, um eine eigene Solo-CD mit Tänzen von Barock bis zur Klassik aufzunehmen, die im Juli erscheinen wird. Außerdem spielte sie gemeinsam mit ihrer Familie wochenlang jeden Sonntagabend Garagenkonzerte in ihrer heimischen Einfahrt, zu denen bis zu 100 Leute kamen.

Da ihre zwölfjährige Tochter Geige spielt und der sechsjährige Bruder das Akkordeon für sich entdeckt hat, müssen die Übungszeiten zu Hause gut durchgeplant werden. "Das ist schon eine ziemliche Logistik", sagt Sarah Christ. "Ich selbst übe oft abends, wenn die Kinder schlafen."

Anfang des Jahres kam ihr und ihrem Mann dann die Idee mit den "Empty Spaces". "Ich hätte nie geglaubt, dass das alles so schnell gehen würde, aber ich wurde wirklich überall mit offenen Armen empfangen." Selbst die Sicherheitsleute im Hygienemuseum schienen froh zu sein, ihren Klängen lauschen zu dürfen.

Sonnenaufgang auf dem Lilienstein

Neben ihrer eigenen Suche nach neuen Orten, erreichen sie inzwischen auch immer mehr Vorschläge von Dresdnern. Zuletzt meldete sich eine Lehrerin bei ihr und meinte, sie könne doch auch mal in einer leeren Schule spielen.

"Wir müssen schauen, wie wir hinterherkommen mit dem Üben, Filmen und Schneiden", sagt Sarah Christ. Ein festes Ende habe ihr Projekt nicht.

Die Musik wähle sie stets passend zu den Orten, an denen sie spielt. Für das Afrikahaus im Zoo bot sich der Soundtrack des Klassikers "Jenseits von Afrika" an. Im Arnhold-Schwimmbad gab sie Alphonse Hasselmans "La Source" zum Besten - "Die Quelle".

Ungewöhnliche Orte hat die Harfenistin übrigens auch schon im vergangenen Jahr erkundet. Da ließ sie für ihre Solo-CD ein Video produzieren, das sie unter anderem bei Sonnenaufgang auf dem Lilienstein zeigen wird.

"Dafür haben vier Männer die Harfe in der Dunkelheit den Berg hinauf getragen", sagt Sarah Christ und lacht. "Aber die Mühe hat sich auf jeden Fall gelohnt."

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