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Dresdner Tageseltern fehlen die Kinder

Ab September bleiben die Anmeldungen aus - allerdings nicht in jedem Stadtteil. Woran das liegt und wie wieder mehr Familien dafür begeistert werden sollen.

Kathrin Brückner ist seit 17 Jahren Tagesmutter in Dresden und hat
nun zum ersten Mal kaum neue Anmeldungen für den Herbst. Sorge macht sich breit.
Kathrin Brückner ist seit 17 Jahren Tagesmutter in Dresden und hat nun zum ersten Mal kaum neue Anmeldungen für den Herbst. Sorge macht sich breit. © Christian Juppe

Dresden. So ein Loch hat Kathrin Brückner in 17 Jahren noch nicht erlebt. Ab September hat die Dresdner Tagesmutter kaum neue Anmeldungen für ihre Betreuungsplätze in der Radeburger Vorstadt. Dabei ist das eigentlich jener Monat, in dem sich ihre kleine Gruppe wieder mit neuen Schützlingen füllt. Die Dreijährigen wechseln dann in die Kita, wo Plätze durch die Schulanfänger frei geworden sind. Doch zum ersten Mal füllt sich die Gruppe der Tagesmutter in diesem Herbst nicht.

Knapp 400 Tagesmütter und -väter betreuen in Dresden derzeit 1.570 Kinder. Vor allem vormittags prägen sie das Bild in den Stadtteilen, wenn sie mit ihren Wägelchen zum Spielplatz oder an die Elbwiesen unterwegs sind. Kathrin Brückner hat sich vor 17 Jahren als Tagesmutter selbstständig gemacht, vorher hat sie in der Landwirtschaft, später bei einem Sicherheitsdienst gearbeitet. Mit der Geburt ihrer Tochter wechselte sie in den familienfreundlicheren Beruf in der Kindertagespflege. Und hat diesen Schritt bislang nicht einmal bereut, wie sie sagt.

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In der Regel betreut sie fünf Kinder, mehr dürfen es auch gar nicht sein, weniger sollten es nicht, sagt sie. Denn bezahlt wird die 47-Jährige von der Stadt pro Betreuungsplatz. Das heißt: weniger Kinder, weniger Einkommen - bei denselben Ausgaben. Die Kinder betreut Kathrin Brückner nicht in den eigenen vier Wänden, sondern hat dafür eine separate Wohnung an der Stauffenbergallee angemietet. Monatlich bezahlt sie allein dafür 540 Euro Miete.

"Wenn das so bleibt, muss ich den Job aufgeben"

Die meisten Kinder kommen im Alter von etwa einem Jahr zu ihr, mit drei Jahren müssen die Kleinen in die Kita wechseln. In den vergangenen Jahren hatte Kathrin Brückner die Verträge für die Betreuungsplätze ab September schon im April oder Mai unterschrieben auf dem Tisch - nun sind es gerade einmal zwei Kinder, die ab September täglich zu ihr kommen. Dass es auch mal Phasen gibt, in denen sie nur vier Kinder betreut, ist nicht neu, sei bisher aber meistens nur von kurzer Dauer gewesen. Nun werden diese Phasen länger - oder schlimmer: könnten zur dauerhaften Situation werden. "Ein halbes Jahr mit ein, zwei Kindern weniger kann ich nicht überbrücken", sagt die Tagesmutter. Dafür seien die Ausgaben zu hoch.

Sie wolle nicht jammern, fügt Kathrin Brückner hinzu. In den vergangenen Jahren seien sie und die anderen Tageseltern, die sie kennt, sehr gut zurechtgekommen - wenn alle Plätze belegt sind. Nun macht sich allerdings Sorge breit, dass das Einkommen nicht mehr reicht.

Daran ändere auch die Aufstockung der monatlichen Zahlungen nichts. Erst im Juni hat die Stadt den Satz pro Kind angehoben. Dieser ist abhängig von der Betreuungszeit der Kinder und beinhaltet eine Pauschale für Sachkosten, etwa für die Miete. Außerdem übernimmt die Stadt die Hälfte der Ausgaben für Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung sowie eine Grund-Unfallversicherung.

"Aufgrund dieser Erhöhung können Kindertagespflegepersonen bei einer neunstündigen Betreuung von fünf Kindern monatliche Bruttoeinnahmen zwischen 3.930 Euro und 5.672,50 Euro erzielen", teilt die Stadt mit. Die Ausgaben der Tageseltern werden jährlich überprüft und zum 1. Juli angepasst. Kathrin Brückner sagt, dass der höhere Beitrag den Verlust bei weniger Kindern, die sie betreut, aber nicht ausgleicht. "Wenn das dauerhaft so bleibt, muss ich den Job an den Nagel hängen."

Unterschiede zwischen den Dresdner Stadtteilen

Auch der Stadt ist die Entwicklung nicht verborgen geblieben. Bildungsbürgermeister Jan Donhauser (CDU) formuliert es so: "Ein zusätzlicher Bedarf an Kindertagespflegestellen besteht aus gesamtstädtischer Sicht in keinem der Dresdner Stadtteile." Allerdings gebe es durchaus Unterschiede in den verschiedenen Stadtgebieten. Während das Verhältnis von Angebot und Nachfrage in der Neustadt, zu der auch Kathrin Brücker gehört, aber auch in der Altstadt ausgewogen sei, übersteige in Blasewitz, Pieschen und Plauen das Angebot an Betreuungsplätzen die Nachfrage um mehr als zehn Prozent.

Das bestätigt auch der Verein Malwina, der Dresdner Eltern dazu berät, was die Betreuung ihrer Kinder durch Tagesmütter und -väter von der in Kindergrippen unterscheidet, und die entsprechenden Plätze vermittelt. Malwina ist für die Bereiche Neustadt, Altstadt, Cotta und Pieschen zuständig, im Rest der Stadt übernehmen das die Vereine Outlaw und Kinderland. "In Pieschen gibt es bis September noch 29 freie Plätze, bis Jahresende sind es sogar 43", sagt Tanja Kaminski von Malwina. Dem stehen aktuell gerade einmal sechs Familien gegenüber, die einen Platz in der Tagespflege suchen. Das habe es in dieser Größe noch nicht gegeben. "Viele der Plätze sind auch schon länger frei."

Bis 2020 waren Tageseltern gut nachgefragt

Wie Jan Donhauser sieht auch Tanja Kaminski den Grund für die abnehmende Nachfrage im Geburtenknick, also in den geburtenschwachen Jahrgängen. "Damit rechnen wir eigentlich schon seit 2018", sagt die Fachberaterin. Allerdings haben sich die Prognosen bislang nicht bewahrheitet, ganz im Gegenteil: "2020 haben wir das Angebot im Malwina-Gebiet sogar noch ausgebaut." Nun fühle sich das "Loch" doch etwas überraschend an.

Tatsächlich war die Tagepflege bis zum vergangenen Jahr stets gut nachgefragt. 2020 betreuten 403 Tageseltern insgesamt 1.650 Kinder, das entspricht einer Auslastung von 92 Prozent. Zum Vergleich: 2015 kümmerten sich 408 Tagesmütter und -väter um 1.660 Kinder und waren damit zu 93 Prozent ausgelastet.

Aus aktuellen Gesprächen mit Eltern kennt Tanja Kaminski noch weitere Gründe, warum sich Eltern nun zunehmend für den Krippenplatz entscheiden. So könne eine Kita andere Zeiten anbieten und etwa schon früh zeitig und am Nachmittag länger die Kinder betreuen. Zudem sei ein Krippenplatz durch den Geburtenrückgang inzwischen leichter zu bekommen, als früher.

Auch der veränderte Zuzug spiele ein Rolle bei der verringerten Nachfrage, sagt der Bildungsbürgermeister. Viele junge Eltern wandern aufgrund der steigenden Wohnkosten ins Dresdner Umland ab.

Sowohl Kathrin Brückner als auch Tanja Kaminski wissen, dass die Vorteile der Tagespflege, nämlich kleine Gruppen in familiärer Atmosphäre, wieder mehr an die Familien herangetragen werden müssen. Besonders für sensible Kinder, die viel Aufmerksamkeit brauchen, sei es wichtig, immer eine feste Bezugsperson zu haben.

Malwina unternimmt mit entsprechenden Aktionswochen bereits den ersten Schritt. Gute Werbung - bislang ein ungewohntes Mittel für die Dresdner Tageseltern, das wohl künftig aber eine entscheidende Rolle spielen dürfte. Zudem müssten die sozialen Netzwerke, in denen sich die Tageseltern mit ihrer Arbeit präsentieren, besser genutzt werden, um bei den jungen Eltern zu punkten, ist sich Tanja Kaminski sicher.

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In den kommenden Jahren rechnet die Stadt mit weiter sinkenden Kinderzahlen. Im Schuljahr 2019/20 liegt der Bedarf für Kinder bis drei Jahre bei 10.761 Plätzen. Die Prognose zeigt: 2029/30 könnten es nur noch 9.266 Plätze sein. Immerhin: Ab 2030/31 sollen die Kinderzahlen wieder leicht ansteigen.

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