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Tagespflege: "Die Einsamkeit sehen wir mit großer Sorge"

Noch immer fürchten viele Dresdner Senioren, sich bei einem Besuch mit Corona zu infizieren. Gleichzeitig leiden sie jedoch unter der monatelangen Isolation.

In der ASB-Tagespflege in der Prager Zeile basteln Olga Büder (l.) und Carmen Kuhnert Osterhasen. Betreuerin Kerstin Kunze hilft dabei gern.
In der ASB-Tagespflege in der Prager Zeile basteln Olga Büder (l.) und Carmen Kuhnert Osterhasen. Betreuerin Kerstin Kunze hilft dabei gern. © René Meinig

Dresden. Lächelnd sitzt Siegfried Täubrich im bunten Sessel und zieht eine Karte nach der anderen, die ihm Sozialassistentin Lilli als Fächer präsentiert. Auf den Karten sind Bilder zu sehen. Diesmal erwischt er einen Traktor, und schon sprudelt es aus dem 91-Jährigen heraus, der von seiner Gärtnerei erzählt, die er früher in Dresden betrieb.

Täubrich kommt fünf Mal in der Woche in die Tagespflege des ASB in der Prager Zeile. Praktischerweise im selben Haus, wie viele der anderen Gäste auch. "Hier ist alles schön", sagt er, und wenn Siegfried Täubrich glücklich ist, dann ist es auch die Leiterin Sandra Zimmermann, die die Einrichtung vor einem Jahr mit eröffnete.

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17 Plätze gibt es hier und in den ersten Wochen nach der Eröffnung hatte sich das neue Angebot auch schon gut herumgesprochen. Die Tagespflege ergänzt die ambulante Pflege und ist eine Alternative zum Leben in einem Pflegeheim. Die Gäste werden auf Wunsch morgens abgeholt und am Nachmittag wieder nach Hause gebracht.

"Alles schön": Sigfried Täubrich (91) spielt mit Sozialassistentin Lilli Pöschel Karten.
"Alles schön": Sigfried Täubrich (91) spielt mit Sozialassistentin Lilli Pöschel Karten. © René Meinig

Die Idee: Gespräche, Spiele, Bewegungsübungen und Gedächtnistraining und gemeinsames Essen halten Körper, Geist und Seele gesund und ergänzen sich zu einer festen Tagesstruktur. Dazu werden auch die nötigen Pflegeleistungen übernommen.

Als die Tagespflege in der Prager Zeile gerade in Schwung gekommen war, brach allerdings die Corona-Krise mit all ihren Einschränkungen über die Einrichtung herein. Nach einer kurzen Erholungsphase im vergangenen Sommer wird der Alltag nun schon wieder seit Monaten vom Virus geprägt, auch wenn das Thema nicht allgegenwärtig ist.

Heute sind neun Gäste gekommen. An einem Tisch im Gesellschaftsraum sitzen vier Damen und basteln Osterhasen aus Eierkartons. "Ich genieße die Zeit hier", sagt Olga Büder, die seit vergangenem Mai zweimal in der Woche von einem Fahrdienst aus ihrer Wohnung in Reick abgeholt wird. "Wir singen und spielen auch viel. Das sind Sachen, die ich zu Hause gar nicht mehr machen würde."

Beim Stichwort "Singen" wird auch Siegfried Täubrich hellhörig und stimmt so spontan wie inbrünstig "Wir lagen vor Madagaskar" an. Diesmal singt zwar keiner mit, aber das stört ihn nicht.

"Wieder mehr zusammenrücken"

Leben ist hier auf den rund 300 Quadratmetern jeden Tag in der Bude, und doch spürt Leiterin Sandra Zimmermann deutlich die Zurückhaltung der Senioren. "Viele haben immer noch Angst, sie könnten sich anstecken", sagt sie. Dabei sei das Hygienekonzept längst so ausgefeilt, dass jede Straßenbahnfahrt gefährlicher sei.

Den Stammgästen wurden bereits die ersten Impfungen vermittelt. Außerdem werde jeder Besucher dreimal in der Woche direkt bei der Ankunft getestet. Dafür hat sich Sandra Zimmermann extra ausbilden lassen. Positive Ergebnisse gab es bislang keine.

"Zu Beginn sind wir hier natürlich sehr auf Abstand gegangen", sagt sie. "Durch die neuen Testmöglichkeiten ist es uns möglich, wieder ein bisschen mehr zusammenzurücken und dadurch Gemütlichkeit reinzubringen." Gemeinsam mit ihren drei Mitarbeiterinnen hofft sie, bald wieder mehr betagte Menschen aus ihrer unfreiwilligen sozialen Isolation holen zu können. Selbst wenn zu Hause dreimal am Tag der Pflegedienst klingele, fehle der Kontakt zu anderen Menschen.

Kasse zahlt für Tagespflege

"Diese Einsamkeit sehen wir mit großer Sorge", sagt auch Grit Klee, Leiterin Soziale Dienste bei der Arbeiter-Samariter-Bund Dresden & Kamenz gGmbH. "Nicht nur psychisch erleben die Pflegebedürftigen eine schwere Zeit. Sie erhalten oft keine Förderung, um ihre Fähigkeiten zu erhalten. Wenn demente Menschen kaum Kontakte haben, schreitet die Krankheit viel schneller voran." In Dresden betreibt der ASB derzeit zwei Tagespflegen. Neben der Prager Zeile gibt es auch eine Einrichtung in Cossebaude.

Was viele nicht wüssten: Menschen mit Pflegegrad erhalten von der Krankenkasse zusätzlich zu ihrem Pflegegeld den gleichen Betrag für die Tagespflege dazu. Viele müssten daher nur die rund 24 Euro täglich für Unterbringung und Verpflegung beisteuern. Auch ein kostenfreier Schnuppertag ist möglich.

"Wir alle hoffen, dass wir das Thema Corona bald hinter uns lassen können", sagt Sandra Zimmermann. Bis dahin wolle sie das Beste aus der Situation machen - und das ganz sicher nicht allein, sondern so nah beieinander wie möglich.

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