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Ein Dresdner Denkmal für Rudolf Harbig

Das Dynamo-Stadion ist die bekannteste Sportstätte der Stadt. Vor 70 Jahren gab es hier die ersten Nachkriegswettkämpfe.

Nach oben offene Beliebtheitsskala: Die Ilgen-Kampfbahn in den 30er- Jahren. Später wurde das Stadion zur Heimat für Dynamo. Für das neue Stadion gilt das bis heute.
Nach oben offene Beliebtheitsskala: Die Ilgen-Kampfbahn in den 30er- Jahren. Später wurde das Stadion zur Heimat für Dynamo. Für das neue Stadion gilt das bis heute. © SZ-Archiv

Dresden. Das Rudolf-Harbig-Stadion, Heimstätte von Dynamo Dresden, zählt zu den beliebtesten Stadien in Deutschland. Wenn denn ein bundesweites Ranking zuträfe, stünde sogar nur der Signal Iduna Park, den Borussia Dortmund bespielt, noch höher in der Zuschauergunst. Auch wenn die große Zeit des Dresdner Vereins mit Europapokalspielen gegen den FC Liverpool oder Juventus Turin Geschichte ist, war das Stadion wohl noch nie so schick wie heute.

Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört und danach wieder hergerichtet. Am 18. September 1951 folgte mit einem nationalen Leichtathletik-Sportfest die Wiedereröffnung.

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Zum damaligen Anlass wurde das Stadion umbenannt: Aus der ehemaligen Ilgen-Kampfbahn wurde das Rudolf-Harbig-Stadion. Etwa 30.000 Zuschauer hatten sich eingefunden, wie die Sächsische Zeitung damals berichtete. Dem Dresdner Läufer und Mittelstrecken-Weltrekordler Rudolf Harbig solle durch die Umbenennung des Stadions ein bleibendes Denkmal gesetzt werden, sagte der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der DDR, Kurt Edel. Danach weihte die Witwe Harbigs, er war im Krieg gefallen, das Stadion ein. Höhepunkt des Abendsportfestes war der 800-Meter-Gedächtnislauf, den Rudolf Lammers aus Oberhausen für sich entschied, der sich mit weiteren Athleten dem Startverbot des westdeutschen Sportbundes widersetzt hatte.

Mit dem Geld von "Mäusetod"

Schon 1896 hatte die Stadt Dresden beschlossen, auf den damaligen Güntzwiesen an der Lennéstraße ein Sport- und Spielgelände zu schaffen. Ursprünglich hatte dort der 1898 gegründete Dresdensia SV Dresden sein Zuhause. Bekanntester Spieler der Dresdensia-Fußballabteilung war der spätere DSC-Star, Nationalspieler und Bundestrainer Helmut Schön. 1921 hatte der erfolgreiche Apotheker, Immobilienmakler und Mäzen Friedrich Herrmann Ilgen aus seiner Stiftung 500.000 Mark für den Bau des Stadions zur Verfügung gestellt.

Ilgen wurde im Volksmund „Mäusetod“ gerufen, denn er hatte es vor allem mit dem Verkauf eines neuartigen Ratten- und Mäusegiftes, der Phosphorpille, zu einem beachtlichen Vermögen gebracht. Und er hatte gut geheiratet. Ilgen stammte aus Wurzen, hatte nach einer Apothekerlehre in Leipzig Pharmazie und Chemie studiert und dann bei einem angesehenen Apotheker in Freiberg gearbeitet.

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1882 kaufte er sich in Kötzschenbroda seine eigene Apotheke, die er 1894 wieder verkaufte. Ehefrau Anna Mathilde Steffen, eine Leipzigerin, besaß in der Messestadt wertvolle Grundstücke. Nach dem Verkauf der Apotheke hatte sich das Paar in Dresden niedergelassen und wohnte ab 1899 in Blasewitz, in der „Villa Ilgen“, einem prachtvollen neoklassizistischen Bau mit imposanten Säulen zur Loschwitzer Straße hin. Der Millionär erwarb in Dresden viele Grundstücke und ließ luxuriöse Gebäude errichten wie etwa den ehemaligen Kaiserpalast am Pirnaischen Platz.

Am 21. Dezember 1922 wurde schließlich mit dem Bau des Stadions begonnen. Für den Standort sprach aus Sicht der Stadt unter anderem die Lage nahe dem Zentrum. Damit war es zu Fuß gut erreichbar. Es entstand eine Arena, die Dresdner Kampfbahn, mit einer Kapazität von rund 24.000 Plätzen, davon 300 Sitzplätze. Zudem hatte man daran gedacht, das Stadion möglicherweise für bis zu 40.000 Zuschauer erweitern zu wollen. Am 16. Mai 1923 wurde die Arena zusammen mit „Jahresschau Deutscher Arbeit Spiel und Sport“ eröffnet. Am 12. August 1923 wurde dann in dem neuen Stadion das erste Fußball-Länderspiel ausgetragen. Deutschland verlor gegen Finnland mit eins zu zwei. Die Dresdner Kampfbahn wurde 1937 nach ihrem Stifter in Ilgen-Kampfbahn umbenannt.

Erst verehrt, dann geächtet

Nach dem Wiederaufbau des während des Krieges schwer zerstörten Stadions erhielt es den Namen des damals bekannten DSC-Leichtathleten Rudolf Harbig, der in den 1930er-Jahren als „Wunderläufer“ galt. Er hatte am 15. Juli 1939 beim Länderkampf in Mailand den Weltrekord über 800 Meter um 1,8 Sekunden auf damals unglaubliche 1:46,6 Minuten geschraubt. Der Rekord hatte 16 Jahre Bestand. Harbig war der einzige Mensch, der zur gleichen Zeit – über fünf Jahre hinweg – die Weltrekorde über 400 Meter, 800 Meter und 1.000 Meter hielt. Die Kilometer-Bestzeit rannte Harbig in der Ilgen-Kampfbahn.

Rudolf Harbig gewinnt 1939 souverän den 800-Meter-Lauf bei den deutschen Meisterschaften im Berliner Olympiastadion.
Rudolf Harbig gewinnt 1939 souverän den 800-Meter-Lauf bei den deutschen Meisterschaften im Berliner Olympiastadion. © picture-alliance / dpa

Nach dem Krieg wurde Harbig in der DDR zunächst verehrt. In Dresden gab es schon damals das Rudolf-Harbig-Stadion, Harbig-Sportfeste wurden ausgetragen. Dann verschwand das Idol fast unbemerkt in der Versenkung. Denn Harbig war auch NSDAP-Mitglied, SA-Sturmmann und Kriegsfreiwilliger gewesen. Er konnte kein gutes Vorbild für junge Sozialisten sein.

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Aus dem Rudolf-Harbig-Stadion wurde stillschweigend das Dynamo-Stadion. Eine offizielle Umbenennung hatte es nie gegeben. Im März 1990 bekam das Stadion seinen Namen zurück. Von 2007 bis 2009 wurde die Arena schließlich zum Fußballstadion umgebaut. Immer wieder wechselte mit den Hauptsponsoren der Name, bis 2018 Dynamo-Fans bei einer Umfrage über das Internet mehrheitlich für Harbig votierten.

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