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Ein Dresdner entdeckt seine berühmte Familie

Lange wusste Jürgen Schwarz nichts von seinen Vorfahren, die als Bildhauer in Dresden lebten. Er erforscht ihr Wirken, pflegt ihre Gräber und staunt immer neu.

Von Nadja Laske
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Jürgen Schwarz pflegt und erhält die Gräber seiner Vorfahren Franz, Anton, Adolf und Wenzel Schwarz auf dem Johannisfriedhof in Tolkewitz. Dabei unterstützt ihn sein Sohn Daniel nach Kräften. Auch seine Frau begleitet ihn auf Recherchereisen.
Jürgen Schwarz pflegt und erhält die Gräber seiner Vorfahren Franz, Anton, Adolf und Wenzel Schwarz auf dem Johannisfriedhof in Tolkewitz. Dabei unterstützt ihn sein Sohn Daniel nach Kräften. Auch seine Frau begleitet ihn auf Recherchereisen. © René Meinig

Dresden. Wie gut wäre es, eine Zeitmaschine zu haben. Dann könnte Jürgen Schwarz seinem Urgroßvater bei der Arbeit zusehen. Er stünde in dessen Werkstatt. Kalt und staubig wäre sie und erfüllt von einem feinen Hämmern und Schleifen.

Die Reise in die Vergangenheit ist der Dresdner trotzdem angetreten, auch wenn er körperlich im Hier und Jetzt bleiben muss. Denn Jürgen Schwarz hat eine Entdeckung gemacht, die ihn seit Jahren bewegt und nie loslassen wird.

Unzählige Male mag er auf der Brühlschen Terrasse gewesen sein. Wahrscheinlich fiel sein kindlicher Blick nicht unbedingt auf die vier überlebensgroßen Figurengruppen, die ihre imposante Freitreppe säumen. Vielleicht hat er als Jugendlicher im Unterricht einmal davon gehört. Erinnern kann sich der 63-Jährige daran nicht.

Nie hätte er geahnt, dass diese Skulpturen etwas mit ihm persönlich zu tun haben. "Vier Tageszeiten" heißen sie und verkörpern den Morgen, den Mittag, den Abend und die Nacht. Heute weiß er, dass es sein Urgroßonkel war, der zwei der Originale dieser Kunstwerke einst aus Sandstein gehauen hat.

Cholera- und Neptunbrunnen

Die Vier Tageszeiten, wie der Bildhauer Franz Schwarz sie Ende der 1860er-Jahre schuf, stehen heute am Chemnitzer Schlossteich. Für Dresden wurden Bronzeabgüsse angefertigt. Zwar war bekannt, dass der Bildhauer Johannes Schilling die Skulpturengruppen entworfen und Schwarz die Arbeiten ausgeführt hat. Doch nie gab es einen Anlass, die Verbindung zu Jürgens Familie zu sehen.

"Bis zum Tod meiner Mutter habe ich mich damit nicht befasst", sagt er. Mit halbem Ohr hatte er davon gehört, als ein entfernter Verwandter begann, Ahnenforschung zu betreiben. Ernst nahm er das nicht - bis zu dem Tag, als er in der verwaisten mütterlichen Wohnung einen dicken Ordner voller Dokumente fand: Recherchen des Familienmitgliedes. Ein historisches Fundament.

Das ist nun knapp 20 Jahre her. Inzwischen weiß Jürgen Schwarz, dass seine Vorfahren über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus bekannte und hochgeschätzte Künstler waren: Seine vier Urgroßonkel Franz Schwarz, Joseph Schwarz, Adolf Schwarz und Wenzel Schwarz sowie sein Urgroßvater Anton Schwarz.

Insgesamt gab es sieben Gebrüder Schwarz (von oben im Uhrzeigersinn): Florian, Johann, Wenzel, Anton, Adolf, Franz und Josef.
Insgesamt gab es sieben Gebrüder Schwarz (von oben im Uhrzeigersinn): Florian, Johann, Wenzel, Anton, Adolf, Franz und Josef. © privat

"Mein Urgroßvater Anton und seine Brüder Franz, Joseph und Adolf waren alle Bildhauer und haben an verschiedenen Standorten in der Stadt zum Teil gemeinsam Ateliers betrieben", erzählt Jürgen Schwarz. Der zweitälteste der Gebrüder Schwarz hieß Wenzel und war nicht nur Maler, sondern einer der gefragtesten Kopisten seiner Zeit. Das bedeutet, er hatte die Erlaubnis, mit Staffelei und Farbe in der Gemäldegalerie zu arbeiten, um alte Meister abzumalen. Gut betuchte Bürger leisteten sich solche Kopien. Nach seinem Tod im Jahr 1919 schloss sich keine weitere Künstlergeneration an.

Zwei Generationen später hatten sich die Zeiten so weit geändert, dass die königlichen Künstler keine Rolle mehr für die Familie Schwarz spielten. Der Zweite Weltkrieg und die Jahrzehnte der DDR prägten für den Großvater und Vater von Jürgen Schwarz das Leben in ganz anderer Weise. "Im Krieg und in der Nachkriegszeit ging es ums Überleben, und später in der DDR galt wahrscheinlich die Kunst meiner Vorfahren als unzeitgemäß", vermutet er.

Er selbst hatte mit Kunst nie viel zu tun. Als gelernter Diplomingenieur im Mühlenbau entschied er sich noch vor der Wende dafür, Sport-Journalist zu werden, begann bei den Dresdner Neuesten Nachrichten, schrieb für die Sächsische Zeitung, die Nachrichtenagentur DPA und die Fußballzeitschrift Kicker. Er ist Autor mehrerer Bücher über Fußball und arbeitet bis heute für die SZ.

Wirken bis nach Windsor

Den dicken Ordner, den er bei seiner Mutter gefunden hatte, nahm er zum Anlass, seiner Familiengeschichte weiter auf den Grund zu gehen - eine Arbeit, die ihn bis heute beschäftigt und auch seinen Sohn Daniel fasziniert. Mit ihm zusammen hat er den Stammbaum Schwarz gezeichnet, zahlreiche Zeugnisse der Bildhauer und des Malers entdeckt, dokumentiert, elektronisch archiviert. Enorm viel Zeit, Geld und Mühe sind in diese gemeinsame Spurensuche geflossen.

Geboren sind die Schwarz-Brüder in Nordböhmen als Söhne einer Bauerntochter und eines Gärtners. Wie es kam, dass ihr künstlerisches Talent nicht nur zum Tragen kam, sondern offensichtlich schon in Böhmen gefördert wurde, um dann fern der Heimat zu großen Erfolgen zu führen, liegt im Dunkeln. Was man weiß: Der Onkel, Bruder ihrer Mutter, war Bischof in Dresden und legte für seine Neffen die Weichen.

Viel Licht jedenfalls fällt jeden Tag auf all die Werke, die allein in Dresden zu finden sind. Franz Schwarz rekonstruierte den gesamten Cholerabrunnen, der heute zwischen Zwinger und Taschenbergpalais steht. Zahlreiche Skulpturen fertigte er zum Schmuck privater Villen, für Grabmäler, Kirchen und öffentliche Gebäude.

Anton (l.) und Adolf Schwarz betrieben als Bildhauer gemeinsam ihr Atelier, mit dem sie zunächst in der Schumannstraße ansässig waren und 1900 in die Camelienstraße umzogen.
Anton (l.) und Adolf Schwarz betrieben als Bildhauer gemeinsam ihr Atelier, mit dem sie zunächst in der Schumannstraße ansässig waren und 1900 in die Camelienstraße umzogen. © privat

Selbst in Windsor bei London steht ein König David als Grabfigur. In Tübingen, Frankfurt am Main, Hamburg und Worms hat er sich mit seinen Arbeiten verewigt. Teile des Neptunbrunnens im Gelände des Klinikums Friedrichstadt restaurierte und erneuerte er. Fast 100 Seiten füllen Fotos und Reproduktionen von Urkunden, Briefen, Kirchendokumenten, Auftragslisten und Zeitungsartikeln in einem Buch, mit dem Jürgen Schwarz das Wirken seines Urgroßonkels dokumentiert hat.

"Mein Urgroßvater Anton und mein Urgroßonkel Adolf haben gemeinsam in ihrem Atelier gearbeitet", weiß er. Die Dokumente ihres Lebens und Schaffens sind ebenfalls in einem Buch zusammengefasst. Urgroßvater Anton starb mit nur 52 Jahren an Magenkrebs. "Als erster der Schwarz-Brüder ist er auf dem Johannisfriedhof in Tolkewitz beigesetzt worden", sagt Jürgen Schwarz.

Vermutlich hat Adolf das Grabmal seines Bruders Anton geschaffen: in Form des gebrochenen Baumes des Lebens, an dem Künstlerhut und Mantel hängen. Ganz in der Nähe findet sich die Ruhestätte von Franz Schwarz, der sechs Jahre nach seinem jüngeren Bruder starb und dessen Grab eine Marienfigur mit Kind ziert. Zwei Jahre später folgte Adolf Schwarz, an den eine Christusbüste erinnert. Auch der Maler und Kopist Wenzel Schwarz ist nach dem Tod mit seinen Brüdern vereint. Jürgen Schwarz hat dessen komplettes Grab von einer entfernteren Stelle des Friedhofes umsetzen lassen.

Seit etlichen Jahren betreuen Jürgen Schwarz und seine Familie die Gräber seiner Vorfahren als Grabpaten. Damit haben sie sich verpflichtet, die Denkmale zu pflegen und zu erhalten. "Wir haben mit großer Unterstützung der Friedhofsverwaltung und der Stadt Dresden Fördermittel erhalten und auch Eigenmittel eingesetzt und konnten das Grab von Franz Schwarz komplett restaurieren", erzählt Schwarz. Nun leuchtet die Marienfigur im hellen Sandsteinton schon von weitem hell und frisch. Die Restauratorin Christine Laubert hat die Arbeit Mitte des Jahres begonnen und gerade beendet.

Um die Lücke in der eigenen Familiengeschichte zu schließen, sind Jürgen Schwarz und sein Sohn zahllosen Spuren gefolgt. Sie haben in Archiven, Museen und Kirchenregistern geforscht. Aber ihnen ist noch viel mehr gelungen: die Lebenslinien wirkungsvoller Dresdner sichtbar zu machen, für das große Geschichtsbuch dieser Stadt.