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Ein Engel kehrt auf den Friedhof zurück

Nur eine Sanierung konnte die Marmorfigur eines Grabes auf dem Dresdner Johannisfriedhof retten. Bedeutsame Ruhestätten zu erhalten, ist heikel.

Die Restauratoren Dana Krause und Sebastian Kolbe haben die Engelsfigur des Bildhauers Gustav Heinrich Eberlein auf dem Johannisfriedhof entgegen genommen. Jetzt befestigen sie sie am historischen Grabmal der Dresdner Kaufmannsfamilie Roetzschke.
Die Restauratoren Dana Krause und Sebastian Kolbe haben die Engelsfigur des Bildhauers Gustav Heinrich Eberlein auf dem Johannisfriedhof entgegen genommen. Jetzt befestigen sie sie am historischen Grabmal der Dresdner Kaufmannsfamilie Roetzschke. © Christian Juppe

Dresden. Nur das Brummen der Hydraulik ist in der Stille zu hören. Alle Umstehenden halten die Luft an. Zentimeter für Zentimeter senkt der Kranführer eine Skulptur auf ihren Sockel herab. Sie ist weit größer als ein Mensch - nicht allein ihren Maßen nach.

Der Engel mit seinen weiten Flügeln schwebt über dem Postament, auch als die ihn haltenden Gurte schon ihre Spannung verloren haben. So hat der Bildhauer Gustav Heinrich Eberlein sein Kunstwerk geschaffen: Luftig umhüllt vom Leichentuch, im Begriff es abzustreifen und sich in den Himmel zu erheben, in die Unsterblichkeit.

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Am Donnerstagmorgen ist die mehr als 120 Jahre alte Skulptur zu ihrem Platz auf dem Johannisfriedhof zurückgekehrt. Die Figur aus Carrara-Marmor ziert das imposante Grab der Dresdner Kaufmannsfamilie Roetzschke. Alfred Roetzschke hatte dort im Jahr 1895 seine Ehefrau Gertrud beigesetzt. Sie war mit nur 39 Jahren gestorben. Der Unternehmer selbst starb 17 Jahre später. Er war privat mit dem Bildhauer Eberlein bekannt gewesen, der zu Ehren der verlorenen Gattin sein skulpturales Hauptwerk als Grabfigur schuf.

Unter Aufsicht der beiden Restauratoren Dana Krause und Sebastian Kolbe wird die Engelskulptur vom Lkw gehoben.
Unter Aufsicht der beiden Restauratoren Dana Krause und Sebastian Kolbe wird die Engelskulptur vom Lkw gehoben. © Christian Juppe

Die Grabstätte war zu ihrer Zeit eine der teuersten des Friedhofes an der Wehlener Straße in Tolkewitz. Sie habe 300.000 Mark gekostet, sagt Beatrice Teichmann, Leiterin der Friedhofsverwaltung. Es ist schwer, die historische Währung in die heutige umzurechnen, weil es früher verschiedene Maß-, Gewichts- und Währungseinheiten gleichzeitig gab. Außerdem erschweren es wirtschaftliche Faktoren wie die Inflation, Produkte und Dienstleistungen ins Verhältnis zu setzen.

Geht man jedoch davon aus, dass die damalige Mark, auch Goldmark genannt, laut Statistischem Bundesamt knapp zehn Euro wert ist, kostete die Ruhestätte der Familie Roetzschke rund drei Millionen Euro.

Paten für 700 Gräber gesucht

Die Erinnerung an geliebte Menschen und das Lebenswerk derer, die sich und ihre Familien auf Friedhöfen mit solch eindrucksvollen Ruhestätten verewigt haben, ist auch heute noch eine kostspielige Angelegenheit. Knapp 2.000 historische Gräber befinden sich allein auf dem Johannisfriedhof. Wenige sind noch in familiärem Besitz, der überwiegende Teil muss von der Friedhofsverwaltung gepflegt und erhalten werden, was eine enorme finanzielle Herausforderung ist.

Seit beispielsweise die letzte Inhaberin des Familiengrabes Roetzschke im Jahr 1973 verstorben ist, kommt kein Nachfahre mehr für die Kosten auf. Dabei geht es neben der Grünpflege vor allem um die deutlich teureren baulichen Erhaltungsmaßnahmen für Mauern, eiserne Zäune, Grabplatten, Sockel und Grabfiguren.

Restauratorin Dana Krause verbindet mit Fugenmasse die Skulptur mit ihrem Sockel. Sie ist Expertin für historische Kunstwerke aus Marmor wie dieses.
Restauratorin Dana Krause verbindet mit Fugenmasse die Skulptur mit ihrem Sockel. Sie ist Expertin für historische Kunstwerke aus Marmor wie dieses. © Christian Juppe

Die Restaurierung der Engelsfigur hat 23.800 Euro gekostet, sagt Beatrice Teichmann. Nur aus den Gebühren, über die sich der Friedhof finanziert, wäre das nicht zu stemmen gewesen. Das Grab der Dresdner Kaufmannsfamilie hat inzwischen einen Grabpaten. Patenschaften übernehmen Privatpersonen, die sich damit verpflichten, ein verwaistes Grab in Ordnung zu halten. Dafür dürfen sie sich und Angehörige später dort beisetzen lassen. Gebühren fallen erst ab deren erster Beisetzung an.

"Wir haben auf dem Johannisfriedhof bisher 150 solcher Grabpaten", sagt Beatrice Teichmann. Das klingt viel. Doch dem gegenüber stehen rund 700 historische Gräber, die als erhaltenswert gelten und für die bestenfalls Paten aufkommen könnten.

Bisher unterstützt die Stadt Dresden den Erhalt historisch bedeutsamer Gräber mit durchschnittlich 150 Euro. Anerkannt als solche sind auf dem Johannisfriedhof derzeit 23 Begräbnisstätten. Der Zuschuss bemisst sich nach der Größe des Grabes und seiner Wichtigkeit. Künftig soll dieser Betrag auf 400 Euro pro Grabstatt erhöht werden. Darüber wird der Stadtrat am 1. Juli abstimmen.

Die Innschrift des Grabmals der Dresdner Kaufmannsfamilie Roetzschke hat der Pate ergänzt: "Ich konnte diese Stätte nicht verfallen sehen und begann im Jahr 2001 den Erhalt zu fördern. Zu Ihrer und meiner Erbauung."
Die Innschrift des Grabmals der Dresdner Kaufmannsfamilie Roetzschke hat der Pate ergänzt: "Ich konnte diese Stätte nicht verfallen sehen und begann im Jahr 2001 den Erhalt zu fördern. Zu Ihrer und meiner Erbauung." © Christian Juppe

Allein eine Skulptur für mehr als 23.000 Euro restaurieren zu lassen, bedarf weiterer Töpfe. In diesem Fall haben Bund und Land 15.700 Euro übernommen. Auf solche Unterstützungen ist Beatrice Teichmann dringend angewiesen. Denn Kosten in diesen Dimensionen können auch Grabpaten nicht abverlangt werden.

"Wenn wir keine zusätzlichen Mittel erwirken können, sind wir gezwungen, auch historisch wertvolle Grabstätten zurückzubauen", sagt die Verwalterin. Zwei solcher Ruhestätten habe das in jüngerer Zeit betroffen. Das bedeutet, dass alle Grabteile abtransportiert und eingelagert werden, weil ihre Standfestigkeit nicht mehr gewährleistet ist. "Die Skulpturen selbst sind nicht das Problem, die halten ewig. Aber ihre Sockel sind meist gemauert und werden brüchig", so Teichmann.

Nur eine Symbiose aus privatem und öffentlichem Engagement kann helfen, die Denkmale für spätere Generationen zu erhalten. "Sonst muss ich in zig Jahren Historikern, die nach den Gräbern von Persönlichkeiten der Stadt fragen, sagen: Es gibt sie nicht mehr, wir hatten kein Geld dafür."

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