merken
PLUS Dresden

Tod einer Freitalerin: Totschlag mit Ansage

Der Tod einer 37-jährigen Altenpflegerin wäre vermeidbar gewesen, hätten die Behörden reagiert. Die bittere Bilanz eines Prozesses am Landgericht Dresden.

Roberto M., hier mit seiner Verteidigerin Ines Kilian, wurde wegen Totschlags verurteilt und muss nun in einer psychiatrische Klinik untergebracht werden.
Roberto M., hier mit seiner Verteidigerin Ines Kilian, wurde wegen Totschlags verurteilt und muss nun in einer psychiatrische Klinik untergebracht werden. © Sven Ellger

Dresden. Am Donnerstag endete der Prozess gegen Roberto M. am Landgericht Dresden. Der 39-Jährige wurde wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren verurteilt.

Weil der Mann psychisch krank ist, geht das Schwurgericht von einem minder schweren Fall aus. Darüber hinaus ordnete das Gericht die sofortige Unterbringung des Angeklagten in einer psychiatrischen Klinik an. Von ihm gehe nach wie vor eine Gefahr für die Allgemeinheit aus, sagte der Vorsitzende Richter Herbert Pröls.

njumii – Das Bildungszentrum des Handwerks
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.

njumii ist der Ausgangsort für individuelle Karrieren. Im Handwerk. Im Betrieb. Im Mittelstand. In der Selbstständigkeit.

Nach Überzeugung des Gerichts hat M. in der Nacht zum 26. Januar 2020 seine Lebensgefährtin Anne W., eine 37-jährige Altenpflegerin, in der gemeinsamen Wohnung in Freital erwürgt. In jener Nacht sei es wieder zu einem Streit des Paars und massiven Übergriffen durch M. gekommen, so Pröls. Der Tod von Anne W. sei "nahezu vorhersehbar gewesen".

Bereits am 6. Januar hatte es ähnliche Übergriffe gegeben. Damals hatten Nachbarn noch die Polizei alarmiert. Anne W. war mit lebensbedrohlichen Verletzungen in ein Krankenhaus gekommen. M. hatte in der Nacht in der Klinik einen Pfleger angegriffen und auch Polizisten bedroht.

Warum der vielfach vorbestrafte Gewalttäter allerdings nicht spätestens jetzt verhaftet wurde, war ein Kritikpunkt von Anwalt Bert Albrecht, der Angehörige des Opfers vertritt. M. entging der Untersuchungshaft, weil Anne W., die ihn auch zuvor nie angezeigt hatte, behauptete, sie seien verlobt. Das war wohl eine Schutzbehauptung. Das Verlöbnis, so Pröls, sei Ausdruck ihrer Angst gewesen. Angst vor Roberto M.

„Er wurde nicht genug getan“

Das Gericht teilt die Kritik des Anwalts. „Auch von den Behörden ist nicht genug getan worden“, sagte Richter Pröls. Es habe schon Monate vor der Tat Alarmsignale gegeben, denen man nicht schnell und konsequent genug nachgegangen sei. Betreuer hatten Alarm geschlagen, ein Bewährungshelfer, bei dem M. unter Führungsaufsicht stand, und nicht zuletzt wohl auch Polizei und Justiz. Dieses Verfahren sei „ein Anlass darüber nachzudenken, was künftig besser zu machen ist“.

Dazu gehöre etwa, dass die Zusammenarbeit von Behörden schneller gehen müsse, sowohl innerhalb Sachsens als auch zu anderen Bundesländern. M. habe in einem anderen Bundesland unter Führungsaufsicht gestanden. Im November 2019 habe ein Bewährungshelfer Hinweise zu Gewalt von M. gegenüber Anne W. gegeben, doch die seien erst zwei Monate später, Mitte Januar, an Behörden, die die Führungsaufsicht überwachen, weitergeleitet worden. Pröls: "Ein wunder Punkt."

Ein weiteres Beispiel betrifft das Verhalten von Anne W., die aus Angst und vielleicht auch Scham ihren "Freund" nie angezeigt hat. Man müsse darüber nachdenken, in bestimmten Fällen Personen auch gegen ihren Willen vor Gewalthandlungen zu schützen. Man könne solche Taten "nicht einfach so hinnehmen, jedenfalls bei Personen mit einem bestimmten Gefährdungspotential, die unter Führungsaufsicht stehen", sagte der Vorsitzende. Artikel 1 des Grundgesetztes, "Die Würde des Menschen ist unantastbar", verpflichte staatliches Handeln, diese Würde auch zu schützen.

Die Polizei, auch das betonte Pröls in seiner längeren Vorbemerkung zu diesem etwas ungewöhnlichen Fall, habe durchaus Möglichkeiten, ein Paar nach Gewalttaten in der Wohnung auch gegen den Willen beider zu trennen. Diese Trennung sei jedoch auch konsequent umzusetzen und denjenigen, der dagegen schon nach wenigen Stunden verstößt, gegebenenfalls auch einzusperren, um weitere Taten zu verhindern.

Nach kurzer Zeit begannen Übergriffe

M. hat in dem ganzen Prozess geschwiegen. Das Gericht hat daher viele Zeugen befragt, seine "Biografie durchleuchtet, wie ich es selten erlebt habe", so Pröls, um eine sichere Grundlage für das Urteil zu haben. Rund zehn Jahre hat er in Haft und Therapieeinrichtungen verbracht. Er lebte oft auf der Straße und suchte sich seine Frauen auch danach aus, dass sie ihm Halt geben. Pröls sagte, sie seien für ihn auch "soziale Auffangstationen" gewesen. Es sei bei drei weiteren früheren Partnerschaften M.s so gewesen wie schließlich bei Anne W. Auch jene Frauen waren Opfer von M.s massiven Gewaltausbrüchen geworden.

Seit August 2019 habe Roberto M. bei Anne W. gelebt. Pröls sprach von einer ambivalenten, von Alkoholproblemen geprägten Beziehung. Auch da sei es schnell zu Auseinandersetzungen gekommen. Nachbarn beschwerten sich, riefen immer wieder die Polizei. Anne W. habe sich zurückgezogen, habe ihre Wunden versteckt.

Am 26. Januar, die Nacht in der die 37-Jährige grausam starb, hatte niemand mehr die Polizei alarmiert. Man freute sich über die Ruhe im Haus. Der Tod der Frau wurde erst am 23. Februar festgestellt und M. sofort verhaftet.

Für das Gericht ist die Tat von Anfang Januar die „Blaupause“ für das Geschehen am Tattag. Die tödlichen Verletzungen, die Würgemale, Unterblutungen, Spuren stumpfer Gewalt, Tritte hätten sich gut durch Gerichtsmediziner nachweisen lassen, weil die Leiche mumifiziert gewesen sei, so Pröls: "Ohne die Rechtsmedizin wäre vieles nicht ans Tageslicht gekommen." Es gebe eine Vielzahl Indizien, die den Angeklagten belasten.

Roberto M. hatte Zettel im Haus verteilt und behauptet, W. sei zur Therapie, um ihr Verschwinden zu erklären – und ging mit ihrer EC-Karte Alkohol einkaufen.

"Hohes Risiko für die Allgemeinheit"

Die Staatsanwaltschaft hatte neben der Unterbringung eine Freiheitsstrafe von zehneinhalb Jahren für M. gefordert. Seine Verteidiger halten ihn für schuldunfähig und beantragten daher neben der Unterbringung Freispruch. Schuldunfähig sei er jedoch nicht, erklärte der Vorsitzende. M. habe das Unrecht seiner Handlungen erkannt. Allerdings sei seine Steuerungsfähigkeit, die Fähigkeit zur Kontrolle seiner Handlungsimpulse, aufgrund seiner Erkrankung, forensische Psychiater sprechen von einer "schweren anderen seelischen Abartigkeit", erheblich beeinträchtigt.

Weiterführende Artikel

Vier Wochen neben der toten Partnerin

Vier Wochen neben der toten Partnerin

Ein 39-jähriger Freitaler soll seine Freundin getötet haben. Zum Prozessauftakt schwieg der Mann am Dienstag.

Aufgrund dieser Erkrankung minderte das Gericht die Einzelstrafen für Totschlag und gefährliche Körperverletzung und ordnete die Unterbringung in der Psychiatrie an. M. "lernt nicht aus Bestrafungen, neigt zu erheblichen Gewalttaten, stellt ein Gewaltpotential dar und ist ohne Behandlung ein hohes Risiko für die Allgemeinheit", sagte Herbert Pröls.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden