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Klinikum: Notaufnahme ohne Krankenhaus?

Bis 2035 will Dresden sein Klinikum umbauen. Vieles ist den Dresdnern noch unklar. Am Donnerstagabend stellten sich die Verantwortlichen den Fragen.

Die Trachauer Notaufnahme soll bleiben, die stationäre Versorgung aber zieht das Friedrichstadt.
Die Trachauer Notaufnahme soll bleiben, die stationäre Versorgung aber zieht das Friedrichstadt. © Sven Ellger

Dresden. Es wirkt wie ein Wunder: Die Corona-Krise setzt die Krankenhäuser finanziell unter Druck. Statt zu operieren werden Patienten versorgt, die zum Teil wochenlang beatmet werden müssen. Und doch hat es das Städtische Klinikum im vergangenen Jahr geschafft, seinen Verlust deutlich zu verringern. Rund 3,9 Millionen Euro fehlten am Ende, teilte Direktor Marcus Polle am Donnerstag mit. Verglichen mit dem Verlust von fast zwölf Millionen Euro im Jahr 2019 ist das eine enorme Verbesserung.

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Trotzdem, Marcus Polle und Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke) standen am Donnerstagabend nicht vor der Kamera, um für ein „Weiter so“ zu werben. Beim digitalen Bürgergespräch ging es um die Umstrukturierung des Eigenbetriebs bis 2035. Ambulante Versorgung in Trachau, stationäre Versorgung in Friedrichstadt und psychologische Versorgung in Bühlau – so könnte man das Zukunftskonzept knapp umreißen, das im Stadtrat bereits einige Kritik einstecken musste.

Am Donnerstag durften also die Dresdner ihre Fragen stellen – schriftlich. Eine richtige Debatte, die eigentlich von kritischen Nachfragen lebt, scheiterte am fehlenden direkten Kontakt. Einige Fragen konnten trotzdem beantwortet werden. Unter anderem, wie eine Notaufnahme ohne Krankenhaus funktionieren soll. Sieben Fragen – sieben Antworten:

Werden Notfallpatienten im Dresdner Norden in Zukunft gut versorgt sein?

In Trachau wird es auch weiterhin eine Notaufnahme geben, die rund um die Uhr geöffnet ist. Der Plan sieht zwar keine Chirurgie oder Innere Medizin mehr an der Industriestraße vor, jedoch eine angebundene Beobachtungsstation mit zehn Betten. Für den Großteil der Notfälle solle das genügen. Denn schon jetzt handele es sich bei den meisten Patienten um leichtere Fälle, sagt Dr. Mark Frank, der für die Notaufnahmen beider Krankenhäuser zuständig ist und das Zukunftskonzept dafür federführend erarbeitet hat.

Er rechnet vor: Rund 26.000 erwachsene Notfall-Patienten versorge das Neustädter Krankenhaus im Jahr. Die Mehrheit komme nicht mit dem Krankenwagen, sondern zu Fuß. „Wir werden und wir wollen immer noch Anlaufstelle sein“, sagt der Mediziner. Wenn unsicher sei, was genau dem Patienten fehlt, sei es manchmal nötig, ihn dazubehalten, um am nächsten Tag möglicherweise eine bessere Entscheidung treffen zu können. Eben deshalb gebe es in Zukunft die zehn Betten.

Was passiert mit schweren Fällen, die nicht mehr in Trachau behandelt werden können?

Die Notarztversorgung ändert sich durch die neue Krankenhausstruktur nicht. Alle Rettungswachen sollen erhalten bleiben. Somit sind Notarzt und Rettungssanitäter in Zukunft genauso zeitig beim Patienten wie heute. Die Frage ist also, ob möglicherweise zu viel Zeit zwischen der Erstversorgung und der Ankunft in Friedrichstadt oder der Uniklinik vergeht.

„Wir haben uns tatsächlich verschiedene Orte im Dresdner Norden angeschaut und geguckt, wie lang der Fahrweg zu unterschiedlichen Zeiten nach Friedrichstadt, nach Neustadt und auch in die Uniklinik ist“, so Frank. „Wir haben festgestellt, dass es aus unserer Sicht absolut vertretbar ist.“ Man sei dazu im Kontakt mit dem Amt für Brand- und Katastrophenschutz, auch um zu bewerten, ob der Plan am Ende in der Praxis funktioniert.

Und was ist mit Fällen, die sich erst in der Trachauer Notaufnahme als schwer herausstellen?

Natürlich wissen Ärzte oft nicht, wie schwer eine Erkrankung ist, wenn sich ein Patient vorstellt. Deshalb muss die Trachauer Notaufnahme in Zukunft weiterhin in der Lage sein, zum Beispiel einen Herzinfarkt zu diagnostizieren. Mark Frank verspricht, dass dies der Fall sein wird. So werde es zum Beispiel ein Labor vor Ort geben. Sollte es am Ende doch notwendig sein, den Erkrankten stationär aufzunehmen, habe man die Möglichkeit, ihn nach Friedrichstadt oder eine andere Klinik zu bringen.

Was geschieht, wenn es ein Hochwasser gibt und Krankenwagen nicht mehr nach Friedrichstadt kommen?

Ein Schlaganfallpatient aus Klotzsche, der wegen Hochwassers nicht auf die andere Elbseite kommt, um dort behandelt zu werden? Ein sehr theoretisches Szenario, findet Mark Frank. Er habe die Jahrhundertflut 2002 im Universitätsklinikum miterlebt. Und ja, er könne die Sorge absolut nachvollziehen. Aber selbst damals hätten die Brücken noch von Krankenwagen passiert werden können. Außerdem stünden im Fall der Fälle Rettungshubschrauber zur Verfügung. „Jeder Notfallpatient wird auch bei Hochwasser versorgt werden können.“

So so der Standort Trachau 2035 aussehen. Bis dahin bleibt die stationäre Versorgung im Krankenhaus Dresden-Neustadt erhalten.
So so der Standort Trachau 2035 aussehen. Bis dahin bleibt die stationäre Versorgung im Krankenhaus Dresden-Neustadt erhalten.

Warum bleiben das Perinatal-, Adipositas- und Tropenzentrum nicht in Trauchau?

Tatsächlich hat sich das Neustädter Krankenhaus mit der Entbindung von Frühchen, der Behandlung stark Übergewichtiger sowie der Versorgung Infizierter einen Ruf gemacht – zum Teil war das sogar ein Alleinstellungsmerkmal in der Region. Eine konkrete Antwort, warum nicht wenigstens die drei Zenten in Trachau bleiben können, gibt Dr. Tobias Lohmann an diesem Donnerstagabend nicht.

Der kommissarische Medizinische Direktor des Städtischen Klinikums lässt jedoch durchblicken, dass das Neustädter Krankenhaus baulich nicht das ermöglicht, was man in Zukunft unter einer modernen Patientenversorgung verstehen wird. Schwierig machen das etwa schmale, verwinkelte Flure und kleine Patientenzimmer in den denkmalgeschützten Gebäuden.

Zuvor betonten schon Marcus Polle und Kristin Kaufmann (Linke), dass das Krankenhaus nie als Krankenhaus entworfen wurde, sondern als Pflegeheim. Lohmann unterstreicht aber, dass ein Umzug der drei Zentren erst um 2035 herum anstehe. Das gelte für die gesamte stationäre Versorgung in Trachau.

Was wird in den nächsten vier Jahren passieren?

Bis 2025 stehen zunächst mehrere große Bauprojekte in Friedrichstadt und Bühlau an – die Grundsteine für die späteren Umzüge, wenn man so will. So wird das Haus P in Friedrichstadt, in dem sich derzeit auch die Gastroenterologie befindet, für 44 Millionen Euro saniert. Die Fördermittel dafür gebe es bereits, so Polle. Weitere 18 Millionen Euro sollen in ein neues Gebäude fließen, indem das Zentrallabor sowie die Pathologie unterkommen. Später sind weitere drei Neubauten vorgesehen.

Mit diesen Gebäuden und Zentren plant die Stadt das Friedrichstädter Krankenhaus bis 2035 auszustatten.
Mit diesen Gebäuden und Zentren plant die Stadt das Friedrichstädter Krankenhaus bis 2035 auszustatten. © Stadtverwaltung Dresden

In Friedrichstadt seien in den vergangenen 20 Jahren über 165 Millionen Euro in die Gebäude investiert worden, so Polle. „Das ist ein anderer Stand als in Trachau.“

Rund 95 Millionen Euro wird der Neubau für die Psychiatrie am Weißen Hirsch kosten. Auch das soll bis 2025 angeschoben werden.

Müssen Pflegekräfte und Patienten in Friedrichstadt mit großen, anonymen Stationen rechnen?

Nein, versichert Pflegdirektorin Petra Vitzthum. Die Stationen würden von überschaubarer Größe sein. „Das werden keine 100-Betten-Stationen.“ Ein Kernpunkt des Zukunftskonzeptes sei es schließlich, Pflegekräften kurze Wege zu ermöglichen. Bisher seien die Pflegekräfte aber nicht am Entwurf beteiligt gewesen, so Vitzthum.

Lediglich die Pflegdienstleitung sei in den vergangenen Monaten einbezogen worden. „Diese steht absolut hinter dem Konzept.“ Bei den weiteren Schritten will man jedoch auf alle Mitarbeiter zugehen – insbesondere, wenn es um den Umzug von Trachau nach Friedrichstadt geht. Denn hier würden sich nicht nur Arbeitswege, sondern auch Teams verändern, die die letzten Jahre und Jahrzehnte zusammengearbeitet haben.

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