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Der Krebs schläft nicht

Wenn ein Kind erkrankt, braucht es seine Eltern in der Klinik. Dort fehlten bisher gute Betten. Nun sollen Mütter und Väter in Dresden nachts besser Ruhe finden.

Antje Berg (l.) kennt als Stationsleiterin der Kinderonkologie am Dresdner Universitätsklinikum nicht nur die Bedürfnisse der Patienten, sondern auch die ihrer Eltern. Teresa Weinert, die viele Nächte am Krankenbett ihrer Tochten schläft, ist froh.
Antje Berg (l.) kennt als Stationsleiterin der Kinderonkologie am Dresdner Universitätsklinikum nicht nur die Bedürfnisse der Patienten, sondern auch die ihrer Eltern. Teresa Weinert, die viele Nächte am Krankenbett ihrer Tochten schläft, ist froh. © Sven Ellger

Dresden. Teresa Weinert braucht kein schlechtes Bett, um schlaflose Nächte zu haben. Aber sie muss Ruhe finden, um für ihr Kind da sein zu können. Vor gut einem Jahr ist ihr Leben auf eine Diagnose geprallt. Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr wie zuvor. Seitdem verbringt die junge Mutter immer wieder Tage und Wochen auf der Kinderkrebsstation des Dresdner Uniklinikums. Dort wird ihre Tochter Annie intensivmedizinisch behandelt. Unzählige Untersuchungen, schwere Chemotherapien und Antikörpertherapien sollen den Krebs im Körper der Fünfjährigen bekämpfen. Ein Krebs, der mit einem Geschwür in der Niere begann und seine tödlichen Boten auch in andere Organe aussendet.

Gerade verbringen Annie und ihre Mutter wieder zehn Tage im Mildred-Scheel-Haus auf dem Klinikcampus. Die bunt bemalt Fassade wirkt wie eine Aufmunterung, die die jungen Patienten und ihre Familien so dringend brauchen.

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Durchgelegene Matratzen

Wichtiger jedoch ist, dass die kranken Kinder ihre Eltern rund um die Uhr um sich haben. "Das ist ausdrücklich gewünscht, damit unsere schwerstkranken Patienten ein möglichst vertrautes Umfeld auch im Krankenhaus erleben", sagt die Stationsleiterin Antje Berg. Das bedeutet aber auch, dass entweder Mutter oder Vater über Nacht auf Station bleiben und im Zimmer ihrer Kinder schlafen.

Platz für richtige Betten jedoch ist dort nicht. Jeden Abend klappen die Eltern Schlafliegen neben den Krankenbetten aus. Der jahrelange Gebrauch hatte ihnen zugesetzt. Ihre Matratzen waren durchgelegen, die Gestelle instabil geworden, für guten Schlaf völlig ungeeignet. "Dabei ist es ohnehin sehr schwer, überhaupt zur Ruhe zu kommen. Auch für die Eltern ist das Übernachten in der Klinik eine große Belastung", sagt Antje Berg. "Das Piepen der Infusionspumpen und Monitore, die notwendige intensive Betreuung auch nachts stören oft den Schlaf." Dabei ist es wichtig, dass die Eltern so gut es geht Kraft schöpfen und den ganzen Tag Energie für ihre Kinder haben.

Seit 14 Monaten kommt Teresa Weinert alle paar Wochen mit ihrer Kleinen auf Station. Dort erhält Annie den nächsten Infusionszyklus, eine Zeit, die ganz besonders kräftezehrend ist. Nebenwirkungen der Therapie, die fremde Umgebung, Schmerzen und Ängste machen dem Mädchen zu schaffen und bringen auch ihre Eltern an ihre Grenzen.

Rund 80 neu erkrankte Kinder im Jahr

"Eines Tages habe ich in der Klinik ein neues Klappbett stehen sehen und gefragt, ob ich es haben darf", erzählt Teresa. Was sie nicht wissen konnte: Die Verantwortlichen des Universitätsklinikums hatten bereits erkannt, dass die alten Liegen unzumutbar geworden waren, und den Sonnenstrahl e. V. gebeten, sie beim Kauf neuer Modelle zu unterstützen.

Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur krebskranke Kinder und Jugendliche zu stärken, sondern auch deren Familien. In der Nähe der Uniklinik unterhält er die Villa Sonnenstrahl, in der Eltern Unterkunft finden, während ihre Kinder über einen längeren Zeitraum medizinisch behandelt werden. Dass es für die jungen Patienten und Eltern der insgesamt zwölf stationären Betten auf der Kinderonkologie ebenfalls Unterstützung bedarf, stand außer Zweifel.

So sammelte der Verein Spenden, um zwölf komfortable, stabile, leicht ausklappbare Gästebetten zu kaufen. Die dafür notwendigen 3.200 Euro kamen unter anderem dank einer Zuwendung der Dresdner Stiftung Soziales und Umwelt der Ostsächsischen Sparkasse in Höhe von 750 Euro zusammen. Nun steht in der Klinik nicht nur das Probebett, das Teresa Weinert entdeckt, getestet und für gut befunden hat, sondern es gibt Betten für alle Eltern, die dort schlafen müssen.

Insgesamt 50 Kinder und Jugendliche werden pro Jahr im Mildred-Scheel-Haus wegen einer schweren Krebserkrankung behandelt. Etwa 80 Neuerkrankungen diagnostizieren die Ärzte dort jedes Jahr. Mehr als 80 Prozent überstehen die schwere Zeit und haben die Chance auf ein Leben ohne ständige Therapie. Darauf hofft auch Teresa. "Annies Behandlung wird den Ärzten zufolge etwa eineinhalb Jahre dauern", sagt sie. Der größte Abschnitt liegt nun hinter ihnen.

Allerdings auch ein besonders schwieriger. Corona hat die Ausnahmesituation, in die betroffene Familien geraten, noch schlimmer gemacht. "Es war schon hart, dass Annie so lange ihre Kindergartenfreunde nicht sehen konnte. Die Angst vor einer Infektion macht die betroffenen Kinder noch einsamer", sagt Teresa. Umso wichtiger findet sie die Musik- und Kunsttherapieangebote, für die der Sonnenstrahl e. V. sorgt. "Es wäre toll, wenn auch die Mediclowns wieder ans Krankenbett kommen könnten, darüber hat sich Annie immer ganz sehr gefreut."

Kunstauktion für Kunsttherapie

Für sich und andere betroffene Eltern wünscht sie sich neben dem Elterncafé wieder mehr Möglichkeiten, sich auszutauschen. "Es ist wichtig, auch mal andere Menschen zu sehen, als den Früh-, Spät- und Nachtdienst im Krankenhaus, und über andere Themen reden zu können, als über die Krankheit."

Etwas Geduld muss sie noch haben, bis die Angst vor Corona endlich die Sorge um ihr Kind nicht noch vertieft. Doch wer so viel Kraft wie Annie, Teresa und ihre Familie hat, wird auch das schaffen.

Werke von Max Klinger, Marc Chagall und Wolfgang Mattheuer kommen am 19. September ab 16 Uhr für den guten Zweck unter den Hammer. Das Leipziger Buch- und Kunstantiquariat Ulbricht versteigert etwa 50 gerahmte Bilder bei einer Benefiz-Kunstauktion im Piano Salon des Coselpalais an der Frauenkirche. Von den Einnahmen gehen 15 Prozent an den Sonnenstrahl e.V. zur Finanzierung der Kunsttherapie für krebskranke Kinder und Jugendliche, die der Verein seit 20 Jahren anbietet. Eine Kunsttherapeutin besucht die kleinen Patienten und Patientinnen in der Klinik und begleitet sie behutsam dabei, ihre Gefühle und Ängste mit Mitteln der Kunst auszudrücken und besser zu verarbeiten. Die Gebote beginnen jeweils bei 60 Euro. Besichtigung ist ab 11 Uhr möglich. Anmeldung und weitere Informationen gibt es hier.

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