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Warum wir gern in Gorbitz leben

Das Dresdner Wohngebiet hat nicht den besten Ruf. Das zeigt auch der Familienkompass. Zwei Mütter erzählen, warum sie nicht wegziehen wollten.

Tina Großer (r.) und Gania Showaya (Mitte) wohnen im Gorbitzer Plattenbauviertel und sind sich einig: Gorbitz ist besser als sein Ruf und vor allem Familien können hier gut leben.
Tina Großer (r.) und Gania Showaya (Mitte) wohnen im Gorbitzer Plattenbauviertel und sind sich einig: Gorbitz ist besser als sein Ruf und vor allem Familien können hier gut leben. ©  Rene Meinig

Dresden. Als Schülerin ist sie nach Gorbitz gekommen - und hier will sie auch bleiben. Tina Großer fühlt sich wohl im großen Plattenbaugebiet, das nicht unbedingt den besten Ruf in Dresden genießt. "Gorbitz ist anders, als viele denken", sagt die 32-Jährige, die mit ihrem Mann und zwei Kindern auf der Maulbeerenstraße wohnt. In einer der seltenen und deshalb sehr begehrten Fünfraumwohnungen. 750 Euro warm bezahlen sie für 95 Quadratmeter - ein Mietpreis, der für Dresdner Verhältnisse äußerst günstig ist. Auch das ist ein Grund, warum Tina Großer und ihre Familie gern in Gorbitz leben.

Ihr Mann ist selbstständig, sie ist Schneiderin beim Dresdner Kreuzchor - finanziell könnten sie sich auch eine Miete von 1.000 Euro monatlich leisten. Aber das wollen sie gar nicht. "Das Geld, was wir hier sparen, geben wir lieber für einen schönen Urlaub aus." Für Familien sei Gorbitz ein tolles Viertel, sagt Tina Großer. Es gebe viele Spielplätze, Schulen und Kitas seien auf kurzem Weg erreichbar, die Anbindung mit Bus und Bahn sei gut. All das sei wichtig, wenn man Kinder großzieht.

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Gorbitz und Prohlis gelten als soziale Brennpunkte in Dresden. Die Stadtteile haben die höchste Arbeitslosenquote. Außerdem sind hier besonders viele Menschen überschuldet, wie Auswertungen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform regelmäßig zeigen. Einer neuen Studie zufolge gehen 71 Prozent der Gorbitzer mit Unbehagen oder erst gar nicht im Dunkeln auf die Straße - sie sprechen davon, sich etwas bis sehr unsicher zu fühlen. 

Sind Gorbitz und Prohlis tatsächlich so schlecht wie ihr Ruf? Für den Familienkompass Sachsen sind in beiden Stadtteilen mehr als 100 Menschen befragt worden. Auf die Frage, ob sie sich in ihrer Wohngegend wohlfühlten, sagen lediglich 53 Prozent der Gorbitzer und 55 Prozent der Prohliser ja. Verglichen mit den restlichen rund 2.300 Befragten leben damit vergleichsweise wenige Menschen gern in beiden Stadtteilen. Denn insgesamt 87 Prozent der Dresdner zeigen sich zufrieden mit ihrer Gegend.

Familienkompass Sachsen 2020 - Die Ergebnisse für Dresden:

Was genau bewerten die Gorbitzer und Prohliser schlechter? Generelle Unzufriedenheit herrscht bei den Mietpreisen. Das ist zwar in der ganzen Stadt ein Thema, zeigt aber, dass die vergleichsweise geringen Wohnkosten in Gorbitz und Prohlis immer noch als zu hoch eingeschätzt werden. 

Ums Geld geht es auch bei der Kinderbetreuung. Die Elternbeiträge für die Kita seien nicht bezahlbar, findet mehr als die Hälfte der befragten Einwohner. Die Kita-Öffnungszeiten seien außerdem nicht mit Schichtarbeit vereinbar, kreuzten etwa 60 Prozent an.

Darüber hinaus wird in beiden Stadtteilen der Wunsch nach mehr Flächen im Freien zum Radfahren, Toben und Spielen geäußert. Deutlich pessimistischer als im restlichen Dresden ist man, was die Zukunftschancen für Kinder angeht. Zwei Probleme, die speziell in Gorbitz benannt wurden, sind Mobbing und Gewalt an Schulen. Lediglich 35 Prozent sagen, dass dies kein Thema an der Schule des eigenen Kindes sei.

Doch es gibt auch viel Lob. Mit gut bis sehr gut wird die Anbindung an den Nahverkehr bewertet. Außerdem sei die Nachbarschaft freundlich und schimpfe nicht gleich, wenn Kinder draußen mal laut sind. Auch das Angebot an Hausärzten wird überwiegend als ausreichend empfunden. Gelobt wird darüber hinaus die Arbeit der Erzieher in den Kitas.

Großer Pluspunkt: Enge Kontakte zu vielen Familien

Seit Tina Großer mit ihrer kleinen Tochter in Elternzeit daheim ist, besucht sie regelmäßig den Kinder- und Familientreff Puzzle, den der Omse e.V. in der Sanddornstraße betreibt. Hier hat Tina Großer Gania Showaya kennengelernt, die seit fünf Jahren in Deutschland und seit drei Jahren in Dresden lebt. 

Mit ihrem Mann und den vier Kindern fühlt auch sie sich in Gorbitz wohl, im Puzzle genießt sie den Kontakt zu anderen Müttern, hier lernt die Libyerin viel über die deutsche Kultur, tauscht sich aus über Probleme, bekommt Hilfe, wenn sie diese braucht. Der Kontakt zu anderen Familien, auch das empfinden Tina Großer und Gania Showaya als Pluspunkt in ihrem großen Wohnviertel.

Dass Familientreffs wie das Puzzle ein wichtiger Anlaufpunkt im Stadtteil sind, bestätigt Katharina Melzer, die im Puzzle arbeitet. Viele Probleme drehen sich um Geld, sagt sie. Job- und Wohnungssuche, aber auch Konflikte in der Schule oder im Familienleben seien häufige Themen, bei denen sie und ihr Team weiterhelfen.

Die weiteren Ergebnisse für Dresden - unter anderem in den Kategorien Wohnkosten, Wohngegend, Kita- und Schulqualität - werden bis zum 7. November immer mittwochs und sonnabends auf Sächsische.de und in der Sächsischen Zeitung veröffentlicht.

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