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"Für mich ist das mehr als eine bekannte Kirche"

Neun Jahre lang begleitete Walter Gertenbach mit seiner Kamera den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Und seine Mission ist noch nicht zu Ende.

Auf dem Dresdner Neumarkt kennt Walter Gertenbach inzwischen jeden Pflasterstein.
Auf dem Dresdner Neumarkt kennt Walter Gertenbach inzwischen jeden Pflasterstein. © Sven Ellger

Dresden. Mit langen Schritten eilt er über das Pflaster. Dabei hat Walter Gertenbach es gar nicht eilig. Er will nur am liebsten alles gleichzeitig zeigen, während auf dem Neumarkt nach Monaten der Ruhe langsam wieder Leben einzieht. Hier, am Eingang A der Frauenkirche, zeigt er den ersten Stein, mit dem der Wiederaufbau begann. Dort neben dem Eingang F, die schiefe Wand, die an den Feuersturm von 1945 erinnert.

Wie gern würde der 73-Jährige all das Wissen, das er über die Frauenkirche und ihre direkte Umgebung angesammelt hat, mit Einheimischen und Touristen teilen, aber da er selbst nicht Mitglied in der Kirche ist, sind seine Dienste nicht gefragt.

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Dennoch hat Walter Gertenbach eine Möglichkeit gefunden, diesen besonderen Ort und dessen jüngere Geschichte für andere zu bewahren. Neun Jahre lang hat der gebürtige Dresdner von 1996 bis 2005 den Wiederaufbau der Frauenkirche in Fotografien festgehalten. Die einzelnen Bilder sind keine Meisterwerke, in ihrer Gesamtheit aber eine durchaus beeindruckende Dokumentation von Zeitgeschichte.

Bereits die ersten Sicherungsmaßnahmen in den 90er-Jahren hielt Gertenbach fest.
Bereits die ersten Sicherungsmaßnahmen in den 90er-Jahren hielt Gertenbach fest. © Walter Gertenbach

"Die allermeisten dieser Aufnahmen sind so nicht wiederholbar", sagt Gertenbach ein bisschen stolz und nennt unter anderem den ursprünglichen Messpunkt des Baumeisters George Bähr. Während der Arbeiten vor, an und in der Frauenkirche war er jede Woche hier, fotografierte mal analog, mal digital. Um die 2.000 Fotos sollen so entstanden sein. Gezählt hat er sie nie.

Es war und ist sein Hobby, seine Leidenschaft. Sein Geld verdiente er bis zur Wende beim Institut für Arbeitsschutz und danach als Hauswart bei einer großen Wohnungsgenossenschaft. Die Liebe zur Fotografie begleitet ihn allerdings schon seit seiner Kindheit. Mit zwölf bekam er seine erste Kamera. Ab den 60ern fotografierte er zunächst mit einer Rollfilmkamera und wechselte in den 70ern zur Spiegelreflex-Technik. Heute besitzt er zu Hause eine eigene kleine Sammlung. Ohne Fotoapparat geht er nie aus dem Haus.

Warum aber faszinierte ihn besonders die Frauenkirche, eines der am meisten fotografierten Gebäude der Stadt? "Für mich ist das nicht einfach nur eine große und bekannte Kirche", sagt er. "Die Lebensgeschichten meiner Mutter und meines Großvaters kann man nur in Zusammenhang mit der Frauenkirche verstehen."

Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Chor

Seinem Opa habe einst das Haus an der Rampischen Straße 1 gehört. Im Erdgeschoss betrieb seine Mutter vor dem Krieg ein Geschäft für Tapeten und Fußbodenbelag. "Sie ist in der Frauenkirche getauft und konfirmiert worden, sie hat in der Frauenkirche geheiratet und sang im Kirchenchor", sagt Gertenbach.

Heute findet er kaum Worte, um zu beschreiben, was die Zerstörung der Altstadt im Februar 1945 für seine Mutter bedeutete. Nachdem die Familie während des Krieges zunächst viele Wertsachen an anderen Orten in Sicherheit gebracht hatte, holte sie all diese Dinge in einem Gefühl der Sicherheit vor den Angriffen zurück auf die Rampische Straße. Oft habe seine Mutter, die 2006 starb, von einer Notiz gesprochen, die sie damals im Hof gefunden habe. Darauf sei zu lesen gewesen: "Ihr Dresdner, ihr Zwerge, kommt zuletzt in die Särge."

Zwar überlebte die Familie die Bombardierung, doch verlor sie in diesen wenigen Stunden fast alles. "Sie kamen bei Verwandten in Possendorf unter." Die Häuser an der Rampischen Straße seien zwar ausgebrannt, aber man hätte sie wieder aufbauen können. "Daran hatte die DDR-Führung leider kein Interesse."

Auch die Kunstfertigkeit der Steinmetze dokumentierte er mit seinen Aufnahmen.
Auch die Kunstfertigkeit der Steinmetze dokumentierte er mit seinen Aufnahmen. © Walter Gertenbach

Mit dieser Geschichte im Kopf und im Herzen war es Walter Gertenbach ein großes Bedürfnis, ab Mitte der 90er-Jahre den Wiederaufbau der Frauenkirche zu begleiten - von der Enttrümmerung bis zur Weihe am 30. Oktober 2005.

"Die Formen und Farben des Sandsteins sowie die Techniken zur Bearbeitung habe ich in Bildausschnitten dokumentiert und wollte damit auch das handwerkliche Können der Steinmetze beim Wiederaufbau zeigen."

Über zwei Jahre lang waren einige Dutzend seiner Aufnahmen in einer Ausstellung zu sehen, die in Dresden unter anderem im Rathaus Loschwitz, später aber auch in Berlin und Dortmund zu sehen war. Weil die Frauenkirche danach kein Interesse an der Dokumentation zeigte, zu der auch unzählige Zeitungsartikel gehören, überreichte Gertenbach seinen Schatz fast komplett dem Osterzgebirgsmuseum im Schloss Lauenstein, das sich unter anderem dem Leben des Baumeisters George Bähr widmet. Bähr wurde 1666 im benachbarten Fürstenwalde geboren und wuchs in Lauenstein auf.

"Noch nicht zu Ende erzählt"

"Dass uns Herr Gertenbach seine umfangreiche Fotodokumentation des Wiederaufbaus schenkte, ist eine große Bereicherung für unsere Sammlung", sagt Museumsleiterin Gabriele Gelbrich. Zu sehen seien seine Bilder derzeit in der Dauerausstellung zwar nicht, was sich aber im Laufe der kommenden Jahre in einer Sonderschau ändern könnte. Außerdem arbeite man gerade an der Digitalisierung der gesamten Sammlung.

Längst ist Walter Gertenbach Mitglied in der Gesellschaft zur Förderung der Frauenkirche Dresden und trägt eine Armbanduhr mit Original-Steinchen. Mindestens einmal im Quartal lauschte er hier bis zum Beginn der Corona-Krise Kultur und erinnert sich noch gern daran, wie er 2005 gemeinsam mit seiner Mutter das erste Konzert in der neuen alten Frauenkirche erleben durfte. Im Jahr darauf starb sie.

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"Die Geschichte des Neumarkts ist noch nicht zu Ende erzählt", betont er nun beim Rundgang über das Pflaster. Auch den geplanten Wiederaufbau des Hotels Stadt Rom will er aufmerksam begleiten. Natürlich durch ein Kameraobjektiv.

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